Ist Aids besiegt?

16. Mai 2012 09:09; Akt: 16.05.2012 15:43 Print

«HIV wird es in 50 Jahren nur selten geben»

von Jessica Pfister - Die Zahl der HIV-Diagnosen in der Schweiz nimmt weiter ab. Infektiologe Pietro Vernazza über die Gründe für den Trend, das Ende des gefürchteten Virus und die Zukunft des Gummis.

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Die Zahl der HIV-Infektionen ist im letzten Jahr erneut zurückgegangen. Die rote Schleife ist das Symbol für den Kampf gegen Aids. (Bild: Keystone)

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Immer weniger Menschen stecken sich in der Schweiz mit HIV an. Ist das einst tödliche Virus am Aussterben?
Pietro Vernazza: Langsam, aber sicher schon, ja. In 50 Jahren wird es HIV bei uns wohl nur noch selten geben. Bis dahin werden national, aber auch international so viele HIV-positive Menschen behandelt, dass sich die Infektion nicht mehr weiter verbreiten kann. Natürlich unter der Voraussetzung, dass genügend Ressourcen vorhanden sind und die politische Lage stabil bleibt.

Also müssen wir uns keine Sorgen mehr machen?
Das wäre die falsche Einstellung – und gefährlich dazu. Wir sind nur durch grosse Anstrengungen in Prävention und Behandlung an den Punkt gekommen, an dem wir heute sind. Ich vergleiche das Phänomen mit dem Impfen. Früher starben Kindern an Masern. Mit der Einführung der Masernimpfung waren alle glücklich und impften ihre Kinder. Plötzlich sah man keine kranken Kinder mit Hirnhautentzündungen mehr und viele dachten, damit sei auch eine Impfung nicht mehr nötig. Dabei ist die Gefahr nach wie vor da.

Die aktuellen Zahlen zeigen, dass in der Schweiz vor allem Homosexuelle noch vom Virus betroffen sind. Da überrascht es nicht, wenn sich viele heterosexuelle Personen in Sicherheit wähnen.
Heterosexuelle trifft HIV sicher weniger als Männer, die mit Männern Sex haben. Das heisst aber noch lange nicht, dass sie die Thematik nichts mehr angeht. In der Schweiz gibt es immer noch Übertragungen unter Heterosexuellen. Im Gegensatz zu den Homosexuellen stecken sie sich aber oft im Ausland an. Deshalb die Botschaft an alle Heterosexuellen: Bevor ihr in den Ferien ungeschützten Sex habt, überlegt es euch zweimal.

Und wie sieht es in der Schweiz aus? Kondome schützen ja nicht nur vor HIV, sondern auch vor anderen sexuell übertragbaren Krankheiten wie Syphilis oder Clamydien, die stark zunehmen.
Im Gegensatz zu HIV kann man diese Infektionen behandeln und heilen. Wichtig ist, dass jeder, der sich frisch angesteckt hat, so früh wie möglich einen Arzt aufsucht. Damit kann eine Ansteckung des Partners verhindert werden.

Wollen Sie damit sagen, das Kondom hat in der Schweiz ausgedient?
Auf keinen Fall. Der Rückgang der HIV-Infektionen bei Schwulen wäre ohne Gummi nicht möglich gewesen. Der kleine HIV-Ausbruch Anfang Jahr in St. Gallen, wo sich eine Gruppe von Homosexuellen gegenseitig mit dem Virus angesteckt hat, zeigt, dass Vertrauen alleine nicht reicht. Bei Heterosexuellen sind Kondome vor allem im Bereich der Prostitution wichtig. Dort sind gerade Tripper-Infektionen stark zunehmend.

Aids ist kein Schreckgespenst mehr. Menschen mit HIV sind nach einer konsequenten antiviralen Therapie nicht mehr ansteckend und die Krankheit Aids bricht meist nicht aus. Wie hoch ist die Lebenserwartung eines HIV-Patienten?
Sofern er in Behandlung ist, ist sie nur unmerklich tiefer als ohne HIV-Infektion, wenn überhaupt.

Und wie sieht es im Alltag aus?
Die Behandlung einer HIV-Infektion führt heute kaum mehr zu Nebenwirkungen. Nicht zu unterschätzen ist die Einnahme der Tabletten. Es sind zwar nur maximal drei Tabletten, die einmal pro Tag eingenommen werden müssen, doch die Regelmässigkeit ist wichtig für den Erfolg der Therapie. Das ist nicht für alle so einfach.

Hat sich durch die rückläufigen Ansteckungszahlen auch der Umgang mit HIV-Patienten in der Gesellschaft verbessert?
Nein, im Gegenteil. Die Stigmatisierung von HIV-Betroffenen hat eher zugenommen.

Woran liegt das?
Vor 15 Jahren kannte noch fast jeder eine Person, die HIV-positiv war. Das Thema war präsent, man sah die Krankheit in der Öffentlichkeit. Das ist heute nicht mehr der Fall und die Gruppe der HIV-Positiven wird mehr und mehr ausgegrenzt. Immer wieder erhalten wir Meldungen von Diskriminierungen bei der Stellensuche oder beim Abschluss von Versicherungen – obwohl es in der Schweiz ein Antidiskriminierungs-Gesetz gibt. Hier müssen wir nicht nur mit Informationsarbeit, sondern auch mit gesetzlichen Rahmenbedingungen dafür sorgen, dass HIV-Patienten ein normales Leben führen können.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Igor Bandalo am 16.05.2012 13:32 Report Diesen Beitrag melden

    Fahrlässig oder gar dumm!

    Tja, eine interessante Aussensicht. Tatsache ist aber gerade bei homosexuellen Männern, dass es Tendenzen gibt NICHT-HIV-Positive auszugrenzen. Das macht mir mindestens soviel Sorge wie die Verharmlosungen in diesem Artikel. Nebenwirkungen - habe das als Partner mal miterlebt - können massivst sein. Ich spreche jetzt mal nicht nur von physischen Beschwerden, sondern auch Auswirkungen auf die Psyche und die Libido.

  • Annaluise am 16.05.2012 09:24 Report Diesen Beitrag melden

    Keine Insel!

    Die obigen Ausführungen sind wichtig für ein weiterhin vorsichtiges Verhalten, doch ich hätte gerne und ausführlich gehört, dass die Schweiz keine Insel ist. Die HIV-Infektionen mögen in der Schweiz zurückgehen, aber bei weitem nicht alle Länder sind mit einer derart guten Gesundheitsvorsorge versehen! Wie steht es mit den Aids-Raten in Ländern Afrikas, Asiens, in Russland, usw.??

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  • Valerie am 16.05.2012 18:43 Report Diesen Beitrag melden

    Schweigen...

    Das Schlimmste am HIV war für mich, dass ich als Partnerin darüber schweigen musste und meiner Familie und meinen Freunden nicht mitteilen konnte, was mich bedrückte. Heute nach über zehn Jahre bin ich froh, dass es niemand weiss - in unserem kleinen Kaff wären wir, wie auch unsere Kinder ausgegrenzt...

Die neusten Leser-Kommentare

  • Sandra am 16.05.2012 19:09 Report Diesen Beitrag melden

    Vorbeugen ist besser als heilen!

    Wir sind alle Betroffene und tragen dazu bei, dass sich diese Vision verwirklicht! Der Bericht ist für mich keine Verharmlosung, sonder Aufklärung. Die goldene Regel bleibt: Minimum ein Gummi drum! -> schützt auch vor anderen Geschlechtskrankheiten und vor Kinder! Ausser ihr könnt für eure Partner die Hand ins Feuer legen, dass sie wirklich die Medikamente/Pille regelmässig nehmen und nie fremdgehen...

  • Valerie am 16.05.2012 18:43 Report Diesen Beitrag melden

    Schweigen...

    Das Schlimmste am HIV war für mich, dass ich als Partnerin darüber schweigen musste und meiner Familie und meinen Freunden nicht mitteilen konnte, was mich bedrückte. Heute nach über zehn Jahre bin ich froh, dass es niemand weiss - in unserem kleinen Kaff wären wir, wie auch unsere Kinder ausgegrenzt...

  • Andreas am 16.05.2012 18:32 Report Diesen Beitrag melden

    HIV Demenz

    Dr. Vernazza unterschlägt bei seinem Satz 'nur unwesentlich tiefer' ein wichtiges Detail. Das HI-Virus kann wenige Tage nach der Ansteckung ins Hirn gelangen. Wenn es das tut, wird man dement, und keine Therapie hilft dagegen, weil man die Viren in der 'immunsystemfreien Zone' Hirn gar nicht bekämpfen kann, so dass sie dort fleissig weiterwüten. Das senkt vielleicht die Lebenserwartung nicht stark, aber die Lebensqualität geht auf praktisch null.

  • Sarah am 16.05.2012 13:48 Report Diesen Beitrag melden

    80er Jahre

    Sehr geehrter Herr Vernazza, wir sind nicht mehr in den 80er oder 90er Jahre, wo man dachte, dass nur Homosexuelle den HIV-Virus haben. Erschreckt mich, dass im Jahr 2012 noch so über ein solch verbreitetes Virus redet. Haben denn in Swasiland (Land das weltweit am meisten HIV-Infizierte hat) auch nur die Homosexuellen HIV? Denken Sie mal drüber nach.

    • Pascal am 17.05.2012 14:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      80's

      In dem Beitrag ging es um die Schweiz, nicht Swasiland.

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  • Dr. Eisenbart am 16.05.2012 13:45 Report Diesen Beitrag melden

    Lebensstil überdenken!

    Gleich wie Syphillis und Gonorrhoe kann auch Aids erst verringert werden, dann wieder aufflammen, aber nicht ausgelöscht werden. Die nächste, heute noch unbekannte Geschlechtskrankheit kommt bestimmt. Übertragen werden diese durch Promiskuität, Seitensprünge etc. und Bluttransfusionen.