Hördrogen

12. August 2010 09:24; Akt: 12.08.2010 10:17 Print

«Hab 'Alkohol' getestet: null Wirkung»«Hab 'Alkohol' getestet: null Wirkung»

von Mehdi Cherifia, AFP - Die Drogen von heute kommen per Kopfhörer. Sie können laut einer Studie den Geisteszustand beeinflussen, sind bei Konsumenten aber umstritten.

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Klänge von so genannten I-Dosern sollen Hirnströme so verändern, dass eine Wirkung wie bei LSD, Kokain oder Marihuana eintritt. Tatsächlich könnten diese Töne den Geistes- und Gemütszustand beeinflussen, sagt eine Forscherin. Dass Klänge und Schall die menschliche Psyche beeinflussen, ist hinlänglich bekannt - schliesslich werden bestimmte Töne oder laute Musik schon lange auch als Folterinstrumente von Militärs und Geheimdiensten eingesetzt.

Südamerikanische und afrikanische Stämme berauschen sich schon seit Jahrtausenden mit Musik, sagte Ludwig Kappos, Chefarzt am Universitätsspital Basel, gegenüber 20 Minuten.

Neu ist an den «Hördrogen», dass sich der Kunde gezielt aussuchen kann, in welche Art Rausch er sich versetzen lassen will. Im Internet lassen sich die «I-Doser» herunterladen.

Im Angebot sind Varianten von Alkohol über Kokain bis hin zu Ecstasy oder LSD. Speziell kreierte Klänge sollen den gewünschten Zustand erzeugen. Dabei werden in beide Ohren Tonpaare übertragen, die zwar ähnlich sind, deren Frequenz sich aber unterscheidet.

Langfristige Schäden?

«Mit dieser Methode ist es möglich, das Gehirn dazu zu bringen, die gewünschten Wellen hervorzubringen: zum Beispiel langsame Wellen, die mit dem Zustand der Entspannung in Verbindung stehen, oder viel schnellere Wellen, die zu Wachsamkeit und Konzentration führen», sagt die französische Neuropsychologin Brigitte Forgeot.

Sie hat kürzlich eine wissenschaftliche Arbeit über die klinischen und neuropsychologischen Wirkungen beim Anhören dieser Tonpaare geschrieben. Laut ihr ist ein Effekt messbar und nachweisbar, die Suchtgefahr der Töne aber gering. «Die Wirkung hört auf, sobald das Zuhören beendet wird», sagt sie.

Es trete kein Gewöhnungseffekt ein, und der Konsument verspüre auch nicht den Drang, die Dosis zu erhöhen. Trotzdem warnt sie vor dem Konsum der berauschenden Töne. Bei intensivem Gebrauch könnten langfristige Schäden wie Schlafstörungen oder Angstzustände bleiben.

Zwar fehle die Forschung zum Thema noch, sagte der Basler Chefarzt Kappos gegenüber 20 Minuten, er könne sich aber nicht vorstellen, dass solche Klang-Drogen gefährlich seien.

Bei Benutzern umstritten

Im Internet lassen sich weit über hundert verschiedene Hördateien herunterladen. Kostenpunkt: zwischen 2,50 und 199,95 Dollar. Die passenden Kopfhörer werden gleich mitverkauft - damit die Wirkung verbessert wird. Eine der teuersten «Hördrogen» namens «Tor zum Hades» soll laut Anbieter 30 Minuten lang einen fürchterlichen Alptraum hervorrufen.

Die Wirkung der Klangmodule ist bei den Konsumenten aber höchst umstritten. In Internet-Foren ist wiederholt die Rede von «Placebo». Ein Konsument schreibt: «Hab 'Alkohol' getestet, null Wirkung, das Einzige, was ich gespürt hab, war Schlaftrunkenheit.»

Andere widersprechen: «Hab wegen 'cocain' gesehen, wie das Poster an meiner Wand mir die Zunge rausgestreckt hat», berichtet einer. Die Anbieter verweisen vorsorglich darauf, dass ihre «Hördrogen» nur bei 80 Prozent aller Menschen funktionieren. Ein Internet-Nutzer meint dazu lapidar: «Wenn es wirken würde, wäre es weiter verbreitet.»