Antibiotika-Opfer

10. März 2017 12:08; Akt: 10.03.2017 12:21 Print

«Ich bin dankbar für jeden Tag ohne Schmerzen»

von F. Riebeling - Der Solothurner M. H. hat 2013 ein Antibiotikum aus der Gruppe der Fluorchinolone eingenommen. Seither leidet er an heftigen Nebenwirkungen.

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Nach der Einnahme eines Antibiotikums vor drei Jahren ist im Leben von M. H. aus dem Kanton Solothurn nichts mehr, wie es war. Plötzlich litt er unter Sehnen- und Gelenkschmerzen, willkürlichen Muskelkontraktionen, Muskelschwäche, Albträumen und Angstattacken. Zudem verstärkte sich sein Tinnitus. Schnell hatte er einen Verdacht, was die Symptome ausgelöst haben könnte: das Antibiotikum Ciprofloxacin, das er kurz zuvor wegen einer vermuteten Gallenblasenentzündung während fünf Tagen eingenommen hatte, «jeweils zwei Tabletten pro Tag à 500 Milligramm», so M.H. Das Medikament gehört zu den sogenannten Fluorchinolonen, einer Gruppe von Antibiotika, die für ihre breite Wirkung, aber auch für ihre vielzähligen und erheblichen Nebenwirkungen bekannt sind. H. suchte nach seinen Problemen im Beipackzettel – und wurde fündig. Trotzdem wiegelte sein Hausarzt ab: «Er deutete an, ich sei psychisch überlastet. Bei drei Kindern und einem Vollzeitjob sei das kein Wunder», so H., der sich Ähnliches noch häufiger von Ärzten anhören musste. In seiner Verzweiflung konsultierte er einen weiteren Arzt, der ihn ernst nahm, weil er schon andere Patienten betreut hatte, die nach der Einnahme von Fluorchinolon-Antibiotika mit verschiedenen Nebenwirkungen kämpften. Der Gesundheitszustand des Patienten besserte sich dennoch nicht. Vielmehr wurden die Symptome schlimmer. Zwischenzeitlich konnte H. nicht einmal mehr normal gehen. Auch gut drei Jahre nach der Antibiotika-Einnahme ist er alles andere als gesund. Hoffnung auf Heilung hat er keine mehr. Dass ihn sein alter Hausarzt bei der Verschreibung von Ciprofloxacin nicht auf die Möglichkeit einer dauerhaften Schädigung hingewiesen hat, empfindet er als schlimmes Versäumnis. Genauso wie den Umstand, dass auch in den Packungsbeilagen nicht explizit darauf hingewiesen wird. «Hätte ich das gewusst, hätte ich mich geweigert, es zu nehmen, und auf ein weniger aggressives Mittel bestanden», so H., zumal sich später herausstellte, dass es sich bei der vermeintlichen Gallenblasenentzündung offenbar nur um eine schwere Verstopfung gehandelt hatte. Gemäss Swissmedic gibt es in der Schweiz 1400 Betroffene. Doch laut H. könnten es noch viel mehr sein, «da die schwerwiegenden Schädigungen oft erst Monate nach der Einnahme richtig spürbar werden und dadurch oftmals nicht mehr mit der Medikation assoziiert werden». Zusammen mit anderen Betroffenen setzt er sich nun dafür ein, dass die von den Antibiotika ausgehenden Gefahren bekannter werden: «Ich möchte andere Patienten warnen und vor ähnlichen Erfahrungen bewahren.» Zudem sollten Fluorchinolone künftig nur noch im absoluten Notfall verschrieben werden. Tatsächlich: Wer die Packungsbeilage der Fluorchinolone studiert, erfährt, dass die Nebenwirkungen von Sehnenentzündungen und -rissen sowie Gelenk-, Muskel- und Hautschmerzen über ... ... Herzrhythmusstörungen, Leberschäden, Halluzinationen, Verwirrung, epileptischen Anfällen bis hin ... ... zu schlimmen Durchfällen, Depressionen und Suizidgedanken reichen. Daher sollten sie eigentlich nur als Reserve eingesetzt werden, wenn andere Antibiotika versagen. Die Nebenwirkungen sind teils so heftig, dass die amerikanische Zulassungsbehörde FDA bereits 2016 eine Warnung herausgab, laut der die Einnahme von Antibiotika der Fluorchinolon-Familie «zur Behinderung führen und potenziell dauerhaft sein» kann. Kürzlich hat auch das deutsche Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte ein europaweites Risikobewertungsverfahren eingeleitet. Swissmedic sieht zum jetzigen Zeitpunkt vor, «gleich wie die FDA, Öffentlichkeit und Fachleute auf ihrer Website zu informieren. Die Fachleute sollen zusätzlich in ihren Standesorganen wie der Ärztezeitung und dem pharma Journal und voraussichtlich durch ein separates Rundschreiben orientiert werden.»

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Die ersten Lebensmonate seines dritten Sohnes, der vor rund drei Jahren geboren wurde, konnte M. H.* aus dem Kanton Solothurn nur bedingt geniessen, denn kurz nach dem freudigen Ereignis begann sein Körper zu rebellieren.

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«Plötzlich litt ich an immer schlimmer werdenden Sehnen- und Gelenkschmerzen, dazu kamen willkürliche Muskelkontraktionen sowie eine generelle Muskelschwäche und enorm starke Schmerzen neurologischen Ursprungs», erinnert sich der Förster an die auffälligsten Symptome.

Daran, sein Baby in den Arm zu nehmen, sei nicht mehr zu denken gewesen. «Zudem bekam ich schlimme Albträume, litt unter Angstattacken und mein Tinnitus verstärkte sich.» Eine grosse Belastung für seine Familie.

Keine Unterstützung vom Hausarzt

Schnell hatte er einen Verdacht, was die Symptome ausgelöst haben könnte: das Antibiotikum Ciprofloxacin (siehe Box), das zur Gruppe der Fluorchinolone gehört und das er Tage zuvor wegen einer vermuteten Gallenblasenentzündung während fünf Tagen eingenommen hatte, «jeweils zwei Tabletten pro Tag à 500 Milligramm».

H. suchte nach seinen Gesundheitsproblemen im Beipackzettel – und wurde fündig. Trotzdem wiegelte sein Hausarzt ab: «Er deutete an, ich sei psychisch überlastet. Bei drei Kindern und einem Vollzeitjob sei das kein Wunder», so H., der sich Ähnliches noch häufiger von Ärzten anhören musste. «Danach schickte er mich wieder nach Hause.»

Keine Besserung in Sicht

In seiner Verzweiflung konsultierte er einen weiteren Arzt, der ihn ernst nahm, weil er schon andere Patienten betreut hatte, die nach der Einnahme von Fluorchinolon-Antibiotika mit verschiedenen Nebenwirkungen kämpften. Wie sein Patient betrachtet auch dieser den Kausalzusammenhang als gegeben.

Trotz guter Betreuung besserte sich der Gesundheitszustand des Patienten nicht – die Symptome wurden sogar schlimmer. Zwischenzeitlich konnte H. nicht einmal mehr normal gehen. Auch gut drei Jahre nach der Antibiotika-Einnahme ist der 38-Jährige weit davon entfernt, gesund zu sein. Regelmässig plagen ihn heftige Schübe und seine Gelenke werden merklich instabiler.

«Für jeden Tag ohne Schmerzen bin ich dankbar», sagt er. Die Hoffnung auf Heilung hat er aufgegeben: «Die Symptome werden mich wohl für immer begleiten.»

Gallenblasenentzündung war gar keine

Dass ihm sein alter Hausarzt bei der Verschreibung von Ciprofloxacin nicht auf die Möglichkeit einer dauerhaften Schädigung hingewiesen hat, empfindet er als schlimmes Versäumnis, genauso wie den Umstand, dass auch in den Packungsbeilagen nicht explizit darauf hingewiesen wird.

«Hätte ich das gewusst, hätte ich mich geweigert, es zu nehmen, und auf ein weniger aggressives Mittel bestanden.» Zumal sich später herausstellte, dass es sich bei der vermeintlichen Gallenblasenentzündung offenbar nur um eine schwere Verstopfung gehandelt hatte.

Hohe Dunkelziffer vermutet

Offiziell gibt es in der Schweiz 1400 Betroffene. So viele Fälle sind zumindest bei Swissmedic gemeldet. Doch laut H. könnten es noch viel mehr sein, «da die schwerwiegenden Schädigungen oft erst Monate nach der Einnahme richtig spürbar werden und dadurch oftmals nicht mehr mit der Medikation assoziiert werden».

Zusammen mit anderen Betroffenen setzt er sich nun dafür ein, dass die von den Antibiotika ausgehenden Gefahren bekannter werden: «Ich möchte andere Patienten warnen und vor ähnlichen Erfahrungen bewahren.» Er wünscht sich, dass Mediziner sensibilisiert werden und Fluorchinolone künftig nur noch im absoluten Notfall verschrieben werden.

*Name der Redaktion bekannt

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Felix Meier am 10.03.2017 12:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Symptome

    Wenn ich diese Symptome und zugleich den Beruf Förster höre, kommt mir gleich die Zeckenkrankheit Lyme Borreliose in den Sinn. Diese Krankheit wird noch heute oft nicht erkannt. Und wenn, dann zu spät! Das haben die Aerzte überhaupt nicht im Griff. Das sage ich aus Erfahrung.

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  • Scientist am 10.03.2017 12:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Labor

    Jedes Medikament hat Nebenwirkungen, oft sind wir uns dessen nicht so bewusst. Antibiotika müssen mit Vorsicht eingenommen werden, und nur wenn sie nötig sind. Simple Labortests (CRP, Procalcitonin) könnten dem Arzt helfen ob wirklich eine bakterielle Infektion vorhanden ist und Antibiotika nötig sind.

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  • alinaris am 10.03.2017 12:31 Report Diesen Beitrag melden

    Danke

    Danke für die Veröffentlichung Ihrer Krankheitssymptome und vor allem deren Auslöser! Ich wünsche Ihnen trotz diesem Horror gute Besserung.

Die neusten Leser-Kommentare

  • allright am 14.03.2017 16:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schrecklich

    Kenne auch jemanden mit praktisch den gleichen Symptomen nach einer kombinierten Therapie mit Tamiflu und Kortison. Er war schon bei sehr vielen Ärzten und niemand hat etwas gefunden. Ob das evtl auch sowas auslösen könnte?

  • Romana am 13.03.2017 21:40 Report Diesen Beitrag melden

    Buch gelesen

    Ich habe ein Buch gelesen mit dem Titel: Der Mensch, der dich töten wird, ist dein Arzt....

  • Le Swiss am 13.03.2017 06:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schmerzensgeld

    Ob er von dem Arzt Schmerzensgeld einklagen konnte ? Ich hoffe es für ihn umso mehr in diesem Fall

    • jeanine22 am 16.03.2017 15:32 Report Diesen Beitrag melden

      Ein Arzt ist kein Chemiker

      nein, sondern von den Pharma-Multis, die Milliarden verdienen mit ihrem GIFT

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  • raimon am 12.03.2017 10:54 Report Diesen Beitrag melden

    Hausärzte

    Hausärzte werden in letzter Zeit immer schlechter. Mann könnte meinen sie werden fürs Schönreden bezahlt!

  • e.g. am 12.03.2017 10:35 Report Diesen Beitrag melden

    Titel@Felix Meier

    Das war auch mein erster Gedanke, Mit Wilder Karde könnte dieses Problem vielleicht verbessert werden,das hat mir jedenfalls geholfen, nach einer Borreliose. Heute habe ich keine Beschwerden mehr nach gut einem halben Jahr einnahme dieser tropfen.

    • R.Bertrand am 13.03.2017 12:29 Report Diesen Beitrag melden

      Wers glaubt

      Ja, die Beschwerden gehen von selber weg - auch mit Hahnenwasser. Sie kommen dann aber Jahre später wieder, um so heftiger.

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