Kampf gegen ADHS

24. August 2011 22:59; Akt: 25.08.2011 09:19 Print

«Kinder werden wie Maschinen abgestellt»

von Désirée Pomper - Deutsch- und Westschweizer Kinder schlucken fünf Mal mehr Ritalin als Tessiner Kids. Dort dürften Kinder eben noch Kinder sein, sagt ein Arzt.

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Die Abgabe von ADHS-Medikamenten wie Ritalin steigt in der Schweiz stetig an. Eine Auswertung der Krankenkasse Helsana zeigt: Im Jahr 2009 bezogen mit 5100 ihrer Versicherten 42 Prozent mehr Ritalin oder ähnlich wirkende Medikamente mit dem Wirkstoff Methylphenidat als noch 2006. Auf alle Kassen hochgerechnet nahmen 2009 rund 29 000 Menschen Methylphenidat. Die meisten waren ­7- bis 18-Jährige. Der jüngste Versicherte war bei der Erstabgabe drei Jahre alt.

Am erstaunlichsten aber ist: Im Tessin ist der Anteil der Bezüger etwa fünf Mal tiefer als in der Deutsch- und Westschweiz. Dass es dort weniger ADHS gebe oder dass dort eine Unterversorgung herrsche, sei kaum plausibel, so die Studie. Deren Autoren vermuten eine grundsätzlich andere Behandlungsphilosophie. In Italien habe sich in den letzten Jahren eine relativ grosse Bewegung gebildet, die der Abgabe von Psychopharmaka an Kindern kritisch gegenüberstehe.

Kinderarzt Benedikt Bucher, der in Agno TI praktiziert, stellt fest: «Viele Eltern denken fälschlicherweise, Ritalin sei eine Droge, und lehnen es deshalb ab.» Der Tessiner Kinderarzt Mario Mariotti hat in seiner dreissigjährigen Tätigkeit als Arzt nur zwei Kindern Ritalin verschrieben. Die meisten seiner Tessiner Arztkollegen seien Ritalin gegenüber negativ eingestellt, sagt Mariotti. Auch die Eltern fragten kaum nach ADHS-Medikamenten. «Wir Südländer sind dem Kind gegenüber tole­ranter eingestellt als Deutschschweizer und lassen sie austoben. Kinder haben nun mal Temperament. Sie sind nie ruhig», sagt Mariotti. In der Deutschschweiz aber würden Kinder oft «wie Maschinen abgestellt, damit sie endlich Ruhe geben».

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Hugo. S am 25.08.2011 08:15 Report Diesen Beitrag melden

    Welche Rollen spielen die Ärzte?

    Ich gehe davon aus, dass es vor einer verschreibung des Medikamentes, eine detailierte Abklärung des "Falles" gegeben hat. Nun dann meine lieben Ärzte liegt das Problem ja bei Ihnen, oder? Dass Eltern heute nicht wissen auf was man sich mit dem Kinderentscheid "einlässt" ist mir klar. Das kann halt nicht in einem Seminar erlernt werden.

  • Katrin Koch am 25.08.2011 07:55 Report Diesen Beitrag melden

    Lasst die Kinder spielen!

    Ich will Ritalin ja nicht grundsätzlich schlecht machen... aber: Kinder stecken voller Energie und müssen diese auch einsetzen können! Wir konnten früher stundenlang auf der Quartierstrasse spielen, im Wald Hütten bauen, uns im Garten kreativ austoben. Hätten wir unsere Zeit zwischen Wohnung und Block-Spielplatz verbringen müssen, hätten wir unseren Eltern auch mit unkanalisierter Energie das Leben schwer gemacht.

  • Markus Müller am 25.08.2011 13:50 Report Diesen Beitrag melden

    An alle Elternbasher hier:

    Sie schreiben: "Unfähige Eltern", "Überforderte Eltern", "... sollte ihnen die Kinder wegnehmen", "... überdenkt eure Erziehungsmethoden" usw. - Es ist Ihnen unbenommen, Ihre Meinung zu haben und zu äussern, auch wenn Sie sich mit dem Thema offensichtlich nicht auskennen. Sie finden, man solle "Kinder Kinder sein lassen". Finden Sie das auch noch, wenn ein Kind tatsächlich unangepasst ist, dauernd nervt und seine Sachen nicht zu Ende bringen kann? Sagen Sie: "Toll, wenigstens gibt man ihm kein Ritalin"? Oder zeigen Sie dann genauso selbstgerecht mit dem Finger?

Die neusten Leser-Kommentare

  • Lichtbote am 31.08.2011 15:18 Report Diesen Beitrag melden

    Besondere Kinder?

    Vielleicht handelt es sich einfach um eine neue Generation von Kindern mit ganz besonderen Fähigkeiten? An alle Eltern von Betroffenen schlagen sie mal bei google indigo- oder Kristallkinder nach.. Anstatt diese liebenswerten Wesen mit Drogen vollzupumpen, sollte man besser andere lösungsansätze finden. Ich habe mein weg mit ADHS und ohne Ritalin auch gemacht..

  • Felix Altorfer am 27.08.2011 16:39 Report Diesen Beitrag melden

    Ritalin - keine Droge ???

    Tja, Ritalin ist eine Droge (Kiddykoks etc.) und wird in Partykreisen gut verkauft! Und sicher sind Kinder weder angepasst noch ruhig (zum Glück). Aber es geht auch ohne ein kokainähnliches Produkt, z.B. mit Omega O3, weniger Coke und Chips, mehr Sport und mehr Spielraum (auch zu hause) und vor allem Kommunikation und Bestätigung für gute Aktionen.

    • Evi Christen am 08.03.2012 14:23 Report Diesen Beitrag melden

      Unfähigkeit der Eltern......

      Bravo zum Beitrag!!

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  • Der Klaus am 26.08.2011 18:46 Report Diesen Beitrag melden

    Eltern sollten Ritalin selbst testen

    Bei mir wurde ADS auch erst mit 25 diagnostiziert, wie bei Lena unten der ich eigentlich zustimmen kann. Ritalin kann in Situatuionen, die konzentriertes arbeiten verlangen sehr hilfreich sein. Ich empfehle jedoch allen Eltern, die Ihren Kindern Ritalin abgeben wollen, es zuerst mal selbst einzunehmen um mal zu sehen wie das ist! Die Wirkung ist wirklich massiv, durchaus wie bei herkömmlichen Amphetaminen (ritalin ist eine Amphetamin-Art) und das schon bei der geringen Dosierung von 10mg - Kinder bekommen teilweise über 60mg. Das Kind sollte selbst entscheiden dürfen!

  • Lena am 26.08.2011 00:07 Report Diesen Beitrag melden

    ADHS Diagnose war meine Rettung!!!!!!!!!

    Ich bin selber ADHS betroffen. Leider wurde bei mir die Diagnose erst mit 25. Jahren gestellt. Ich wäre dankbar gewesen, wenn ich als Kind schon richtig behandelt worden wäre.... So wäre es mir erspart gewesen x Mal in der Klinik zu sein und x Medikamente auszuprobieren die alles noch verschlimmerten. Jetzt nehme ich seit mehreren Jahren Ritalin und schon nach kurzer Zeit ging es mir bedeutet besser und blieb bis heute so. Kam von IV Rente weg, machte eine Ausbildung. Ich möchte mir nicht ausmalen, wo ich ohne die Diagnose gelanden wäre. Ahja Ritalin wird von meiner KK nicht mehr bezahlt.....

    • Susanne am 26.08.2011 20:04 Report Diesen Beitrag melden

      Bravo:

      Mein heute 26 jähriger Sohn hatte das Glück, dass er ab 4jährig kinderpsychiatrisch begleitet wurde und ab 6-7 Jahre die Diagnose gestellt wurde und dementsprechend optimal medizinisch betreut wurde. Er hat seit Jahren KEINE Medikamente mehr wegen dem ADHS, aber es war der beste Entscheid, ihn zu therapieren, anstatt noch Depressionen zu provozieren. Sie werden Ihren Weg auch machen - ohne die Antworten von Nichtwissenden und Nichtkonfrontierten. Viel Glück !

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  • Mary am 25.08.2011 16:28 Report Diesen Beitrag melden

    Konzentrationsstörungen!

    Was heisst hier ruhigstellen! Es geht unter anderem um Konzentrationsstörungen! Die Probleme beginnen mit der Schulleistung, die schwach ist, obwohl die Intelligenz da wäre. Folge: minimale Ausbildung (falls überhaupt), Versagen in der Arbeitswelt und im schlimmsten Fall wird man zum frühzeitigen IV-Rentner! ADHS begleitet einem durch das ganze Leben und nicht nur in der Kindheit, wie viele lange dachten! Ich als stark Betroffene kann leider ein Lied davon singen...