Querschnittlähmung

20. Dezember 2010 11:21; Akt: 21.12.2010 13:22 Print

Hoffnung für Samuel Koch

von Runa Reinecke - Ein Medikament der Uni Zürich könnte Tetraplegikern wie Samuel Koch zukünftig helfen – und sie sogar von ihrer Lähmung erlösen. Eine erste Studienphase verlief positiv.

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Ein Salto vorwärts über ein fahrendes Auto sollte ihn zum «Wetten, dass ..?»-Helden machen. Doch Samuel Koch sprang ins Unglück. Er stürzte, zog sich beim Aufprall auf den Boden schwere Rückenmarksverletzungen zu. Ein 23-Jähriger, der mitten im Leben stand, der voller Energie und Bewegung war, lag plötzlich regungslos da. Nach zwei Operationen lernt er jetzt einen Teil seiner Unabhängigkeit in der Rehabilitation im Schweizer Nottwil in kleinen Schritten zurückzugewinnen.

Samuel Koch ist einer von vielen Menschen, die täglich abrupt aus ihrer Beweglichkeit und Selbständigkeit gerissen werden. Verletzungen am Rückenmark machen sie – je nach Position und Ausmass der Wunde – zum Para- beziehungsweise zum Tetraplegiker (siehe Box). Weltweit arbeiten Wissenschaftler daran, diesen durch Unfällen an den Rollstuhl Gefesselten mehr Lebensqualität zu ermöglichen, ihnen irgendwann vielleicht sogar die volle Bewegungsfähigkeit zurückzugeben.

Ein Nogo, das vieles möglich macht

Einer dieser Wissenschaftler arbeitet an der Universität Zürich. Der gebürtige Basler Martin Schwab gehört zur internationalen Forscherelite. Seine Mission: Einen Wachstumshemmstoff im Rückenmark ausschalten, damit Nervenfasern wieder nachwachsen können. Die Erkenntnisse basieren auf einer Entdeckung, die der Professor für Neurowissenschaften mit seinem Team bereits in den 80er Jahren machte.

«Ursprünglich haben wir nach dem Gegenteil, also nach wachstumsfördernden Faktoren, gesucht», erinnert sich Schwab im Gespräch mit 20 Minuten Online. Damals gingen die Forscher noch davon aus, dass diese in Rückenmark und Gehirn von Erwachsenen nicht mehr existierten und aus diesem Grund verletzte Nervenfasern nicht mehr wachsen konnten.

Alles war anders

Ein Irrtum, wie sich herausstellte: «Wir erkannten, dass die Wachstumsfaktoren bei Erwachsenen durchaus vorhanden waren», erzählt der Wissenschaftler, dem damals auffiel, dass diese «sogar im besonderen Masse an verletzten Stellen» vorkamen. Also konnte etwas mit der bisherigen Theorie nicht stimmen.

Weitere Forschungen erbrachten dann den Beweis für den Umkehrschluss – eine bahnbrechende Entdeckung. Schwab fand ein Antigen, ein Eiweiss, das die Nervenfasern am Wachstum hindert. Er gab ihm den bezeichnenden Namen Nogo-A oder Nogo (zu Deutsch: «nichts geht mehr»).

Vom Tierexperiment zu Tests am Menschen

Es folgte die Entwicklung eines Antikörpers, der das Antigen Nogo ausschaltet. Im Tierversuch gelang das dem in Zürich tätigen Forscher 1990 zum ersten Mal bei einer Ratte. Das zuvor am Rückenmark verletzte und gelähmte Tier war nach der Gabe des Antikörpers wieder in der Lage zu laufen, zu klettern und zu schwimmen.

In Zusammenarbeit mit Novartis und einem klinischen Netzwerk wurde ein Medikament entwickelt. 2006 war es endlich so weit: Die erste Phase einer klinischen Studie hatte begonnen. Zum ersten Mal wurde das Medikament an Menschen getestet. In einem weltweiten Kliniknetzwerk wurden bis heute 49 Para- und Tetraplegiker – davon sechs im Zürcher Balgrist-Spital – mit der Arznei behandelt. Der Wirkstoff wird über Katheter und Injektionsnadeln im Lendenbereich in regelmässigen Abständen in den Wirbelkanal appliziert. Die Behandlung erfolgt über einen Zeitraum von vier Wochen. Danach wird jeder Patient über ein Jahr hinweg regelmässig untersucht.

Die Auswertung der Ergebnisse läuft. «In dieser ersten Studienphase standen Sicherheit und Verträglichkeit des Präparats für den Patienten im Vordergrund», sagt Prof. Armin Curt, Chefarzt und Direktor am Paraplegikerzentrum der Uniklinik Balgrist. Er ist zufrieden: «Die Therapie wurde von den Patienten gut vertragen. Nichts ist schlimmer, als ein Medikament zu entwickeln, das einem Menschen Schaden zufügt.»

Die Spannung steigt mit Phase II

Noch zeigen sich die Wissenschaftler ob erster Erfolge bedeckt. «Wir haben Patienten gesehen, die sich sehr gut erholt haben», erklärt Curt. Man habe bei einigen der komplett Querschnittgelähmten beobachtet, dass sie innerhalb von drei bis sechs Monaten eine bessere Kontrolle über Arme und Beine bekamen. «Ob diese Verläufe besser sind als diejenigen unter der Standardtherapie, ist aber noch unklar», ergänzt der Paraplegie-Spezialist und fügt hinzu, dass man erst in der nächsten Studienphase mit einer verlässlichen Kontrollgruppe arbeiten werde.

Diese nächste Phase ist für das kommende Jahr geplant. An ihr sollen rund 100 Tetra- beziehungsweise Paraplegiker teilnehmen. Doch nur ein Teil dieser Patienten wird das Medikament erhalten. Damit die Ergebnisse nicht verfälscht oder verwässert werden, wissen vor und während des Studienverlaufs weder der behandelnde Arzt noch der Patient selbst, wer mit dem neuen Wirkstoff versorgt wird. Während sogenannter Doppelblind-Studien wird einer Propandengruppe das Medikament verabeicht. Die anderen Testpatienten erhalten entweder ein Placebo oder ein anderes Medikament.

Erfolg hängt vom Verletzungsgrad ab

Wie viel Hoffnung in die neue Therapie gesetzt werden darf, hängt laut Martin Schwab vor allem vom Verletzungsgrad ab: «Bei extrem schweren Verletzungen kann nicht allzu viel erwartet werden», sagt er. Dort gäbe es allenfalls einen Funktionsgewinn. Wesentlich mehr könne ein Betroffener erwarten, wenn noch gute Gewebsbrücken an der verletzten Stelle existierten. Das konnte im Tierversuch gezeigt werden.

Zeigen die folgenden Studienphasen eine eindeutige Wirksamkeit des getesteten Medikaments, liegt die Zulassung in greifbarer Nähe: «Wenn alles wie geplant läuft, ist frühestens in zwei bis drei Jahren mit einer Zulassung zu rechnen.» Sind die Verbesserungen nur bei einer kleinen Anzahl von Patienten zu beobachten, wird es dem Forscher zufolge länger dauern: «Das lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht einschätzen.»

US-Wissenschaftler setzen auf Stammzellen

Bisher machten sie vor allem durch Negativ-Schlagzeilen von sich reden: die Stammzellen. Schwarze Schafe in der Medizinalbranche machen sich die Hoffnung vieler Gelähmter zu nutze. Mit diversen risikoreichen und schlecht erprobten Stammzellentherapien versprechen sie behinderten Unfallopfern und an den Rollstuhl gefesselten Multiple-Sklerose-Patienten eine Heilung. Die teueren Therapien sind in der Regel völlig umsonst. Diesen unseriösen Machenschaften treten Wissenschaftler aus Boston derzeit mit einer von der US-Zulassungsbehörde FDA bewilligten Studie entgegen. Unter streng kontrollierten Bedingungen spritzen Ärzte des Shepherd Centers in Atlanta, Georgia (USA), querschnittgelähmten Patienten ein Zellgemisch direkt ins Rückenmark. Injiziert werden die embryonalen Stammzellen dort, wo das Rückenmark verletzt wurde. Entwickelt wurde das Medikament vom US-Biotech-Unternehmen Geron.

Wie der «Spiegel» berichtete, kommen für die Studie ausschliesslich Patienten infrage, die frisch verunglückt sind. Noch befinden sich die klinischen Tests in einer frühen Phase: Bisher konnte nur die Verträglichkeit der Präparats bestätigt werden. Auch hier werden zukünftige Versuche mit höheren Dosen zeigen, ob sich bei den Patienten langfristig eine Verbesserung ihrer Beweglichkeit zeigt. Geron-Chef Thomas Okarma bleibt realistisch: «Wir rechnen nicht damit, dass jemand, der von der Taille abwärts gelähmt ist, nach sechs Wochen wieder tanzen kann.»