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Psychologie
20. Februar 2009 15:12; Akt: 20.02.2009 15:35 Print
Ist Lügen eine Krankheit?
von Runa Reinecke - Fast jeder lügt, um sich in bestimmten Situationen bewusst einen Vorteil zu verschaffen. Doch kann Lügen auch zur Krankheit werden? 20 Minuten Online sprach mit einem erfahrenen Psychiater darüber, was einem solchen Verhalten zugrunde liegen könnte und ob es therapierbar ist.
Die einen nennen es verniedlichend «Flunkern», anderen gibt das Lügen Anlass zu einem ausgiebigen Monolog im Beichtstuhl. Klare Worte findet ein beliebtes Nachschlagewerk: Das Verschweigen oder Verdrehen von Wahrheiten beschreibt der Duden als «bewusst falsche, auf Täuschung angelegte Aussage», beziehungsweise als «absichtlich, wissentlich geäusserte Unwahrheit».
Lügen lohnen sich in der Regel nicht und werden enttarnt.
Beim Lügen geht es um «kurzfristige, meist emotionale Bedürfnisse, die auf einen Impuls hin befriedigt werden», sagt Dr. Marc Graf.
Verlogenes Verhalten als Symptom?
Auch die Brasilianerin Paula O. verstrickte sich in einem Netz aus Lügen. Sie gab zunächst an, Neonazis hätten ihr am Zürcher Bahnhof Stettbach die Buchstaben SVP in die Haut geritzt. Mittlerweile bestätigte die offensichtlich psychisch kranke Frau, den Vorfall frei erfunden zu haben (20 Minuten Online berichtete).
Lässt sich das Lügen also auch als Symptom einer psychischen Krankheit einstufen? 20 Minuten Online befragte den Psychiater Dr. Marc Graf, stellvertretender Leiter Forensik der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel.
20 Minuten Online: Herr Dr. Graf, warum lügen Menschen?
Da gibt es verschiedene Gründe: Ein psychisch gesunder Mensch lügt, um sich besser darzustellen, als er in Wirklichkeit ist oder um besser mit eigenen Fehlern umgehen zu können. Es gibt aber auch Lügner, die aus kriminellen Beweggründen handeln und sich davon einen Vorteil versprechen. Auf der anderen Seite gibt es psychiatrische Gründe, also diverse psychische Störungen als Ursachen für Lügen.
Wann spricht man von krankhaftem Lügen? Trifft das auch auf Paula O. zu?
Zu Paulo O. kann ich nicht Stellung nehmen, da ich die Frau nicht persönlich kenne und den Fall nur über die Medien verfolgt habe. Bei Personen mit emotional instabiler Persönlichkeitsstörung, insbesondere beim Borderline-Typus, dient das Lügen zum Beispiel dazu, bei anderen heftige Gefühle auszulösen. Wenig stabil organisierte Persönlichkeiten sind auf klare, eindeutige Reaktionen von ihrer Umgebung angewiesen.
Glauben Sie, dass sich krankhafte Lügner der Konsequenzen ihres Verhaltens von vornherein bewusst sind? Nein, das wird ausgeblendet. Hier steht der kurzfristige Gewinn im Vordergrund. Niemand möchte aufgrund enttarnter Lügen blossgestellt werden. Vielmehr geht es um kurzfristige, meist emotionale Bedürfnisse, die auf einen Impuls hin befriedigt werden. Vernünftige Gedanken werden dabei ausgeschaltet. Dieses Verhalten führt dann im Sinne eines Teufelskreises zu anhaltendem Leiden und zu privaten und beruflichen Problemen.
Ist ein Psychiater oder Psychologe in der Lage, Lügner durch ein einziges Gespräch zu enttarnen? Wie geht er dabei vor?
Bei Personen, die psychisch schwer krank und nicht hochgradig sozial kompetent beziehungsweise überdurchschnittlich intelligent sind, ist das möglich. Es gibt wiederum Personen – Psychopathen – die so überzeugend lügen, dass sie nicht einmal mit längeren Untersuchungen oder einem Lügendetektor überführbar sind. Das Lügen wurde bei vielen dieser Menschen schon in früher Kindheit zur Überlebensstrategie: Es wird zu einem festen Bestandteil des Lebens, löst keinen Stress und somit keine für Stress typischen Anzeichen wie ein Ansteigen der Herz- oder Atemfrequenz aus. Hier helfen weder technische noch psychiatrische Untersuchungsmethoden, um solch eine Person zu enttarnen. Hier können ausschliesslich forensische oder andere Beweise weiterhelfen.
Glauben krankhafte Lügner ihre selbst erfundenen Geschichten oder ist das von Person zu Person unterschiedlich?
Das ist in der Tat sehr unterschiedlich: Es gibt Menschen, denen das Lügen bewusst ist und deshalb Stress auslöst. Für andere wird das Lügengebilde zur subjektiven Realität, in die sie abdriften – sie schlüpfen in andere Rollen und negieren damit die Wirklichkeit.
Wie lässt sich krankhaftes Lügen therapieren?
Hier stehen – je nach Störung - verschiedene primär psychotherapeutische Verfahren zur Verfügung: Zunächst muss geklärt werden, welche Erkrankung dem Verhalten zugrunde liegt –also eine narzisstische Störung oder beispielsweise ein Borderline-Syndrom. Persönlichkeitsstörungen lassen sich mit Psychotherapie grundsätzlich behandeln – mit unterschiedlichem Erfolg. Für Psychopathen gibt es kaum erfolgreiche Behandlungsmethoden – man weiss heute, dass die Psychotherapie für eine solche Person sogar kontraproduktiv sein kann. Sie lernt aus den Gesprächen mit dem Therapeuten eigene Defizite kennen und trainiert, missbräuchliche Lügenstrategien noch gekonnter anzuwenden. Allerdings ist es ihr nicht möglich, prosoziales Verhalten zu erlernen.


























