Vermeidbares Leid

19. Oktober 2016 11:30; Akt: 19.10.2016 11:30 Print

Infektionen im Spital töten jährlich 91'000 Patienten

Wer ins Spital muss, hofft darauf, es später gesund verlassen zu können. Doch pro Jahr infizieren sich dort 2,6 Millionen Menschen mit sogenannten Spitalkeimen.

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In Europa sterben jedes Jahr etwa 90'000 Menschen, weil sie sich im Spital eine Infektion eingefangen haben. Das ist das Ergebnis einer Studie von Forschern des Europäischen Zentrums für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten (ECDC). Die Wissenschaftler gehen von insgesamt 2,6 Millionen Infektionen aus, die sich Patienten erst in einer Klinik zuzogen. Zu den häufigsten gehören Harnwegs- und Wundinfektionen, Lungenentzündungen und Blutvergiftungen, wie die Forscher im Fachblatt «Plos Medicine» berichten. Ein Drittel dieser Infektionen gilt als vermeidbar - zum Beispiel durch bessere Hygiene. Für ihre Studie haben die Forscher vor allem auf Daten des EDCD zurückgegriffen. Sie wurden 2011/12 in 30 europäischen Ländern mit insgesamt 510 Millionen Einwohnern erhoben. Die Schweiz war nicht darunter. Als Basis für die Auswertung dienten am Ende die Daten von rund 274'000 Patienten in rund 1150 Akutspitälern. Bei den Hochrechnungen wurden Spitalinfektionen, die durch multiresistente Erreger ausgelöst wurden, bewusst nicht separat ausgewiesen. Sie sind in die Gesamtzahl eingeflossen. (Im Bild: der Spitalkeim MRSA) In der Studie seien 85 bis 90 Prozent der in den 30 Ländern vorkommenden Spitalinfektionen erfasst worden, so die Wissenschaftler. Damit sind Infektionen gemeint, die sich die Betroffenen erst im Spital zugezogen haben. Das heisst nicht, dass automatisch Klinikmitarbeiter die Schuldigen sind. Vielmehr sind die Gründe für diese Infektionen vielfältig. So benötigen Klinik-Patienten oft invasive Untersuchungen oder Therapien: ... Sie bekommen zum Beispiel Katheter gelegt oder werden an Beatmungsgeräte angeschlossen. Das alles sind laut den Forschern Eintrittsschienen für Erreger in den Körper. Zwar hätten viele Spitäler die Händehygiene verbessert und es gebe mehr geschultes Personal. Doch die Patienten werden immer älter und kränker und damit noch anfälliger für Infektionen. Mit einem Rückgang der Spitalinfektionen sei daher kaum zu rechnen.

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In den Kliniken Europas sterben nach einer neuen Studie hochgerechnet 91'000 Patienten pro Jahr an Spitalinfektionen.
Die Forscher gehen von insgesamt 2,6 Millionen Infektionen aus, die sich Patienten erst in einem Spital zuzogen.

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Zu den häufigsten gehören Lungenentzündungen, Sepsis (Blutvergiftung), Harnwegs- und Wundinfektionen, wie die Forscher im Fachblatt «Plos Medicine» berichten. Ein Drittel dieser Infektionen gilt als vermeidbar – zum Beispiel durch bessere Hygiene.

Daten aus 30 Ländern

«Die Studie ist in meinen Augen die beste, die ich zu diesem Thema gesehen habe, nicht nur in Europa», sagte Petra Gastmeier, Direktorin des Nationalen Referenzzentrums zur Überwachung von Spitalinfektionen an der Berliner Charité. «Das deckt sich auch mit unseren Annahmen.»

Für ihre Studie haben die Forscher um Alessandro Cassini vom Europäischen Zentrum für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten (ECDC) vor allem auf Daten dieses Zentrums zurückgegriffen. Sie wurden 2011/12 in 30 europäischen Ländern mit insgesamt 510 Millionen Einwohnern erhoben. Die Schweiz war nicht darunter.

Eine Frage der Definition

Als Basis für die Auswertung dienten am Ende die Daten von rund 274'000 Patienten in rund 1150 Akutspitälern. Bei den Hochrechnungen wurden Spitalinfektionen, die durch multiresistente Erreger ausgelöst wurden, bewusst nicht separat ausgewiesen. Sie sind in die Gesamtzahl eingeflossen. In der Studie seien 85 bis 90 Prozent der in den 30 Ländern vorkommenden Spitalinfektionen erfasst worden, sagt Expertin Gastmeier.

Eine solche bekommt ein Patient per Definition in einer Klinik. «Er hatte sie noch nicht, als er aufgenommen wurde, und er war auch noch nicht mit diesen Erregern infiziert», erläutert Gastmeier. «Am ersten und zweiten Tag in einer Klinik sind es in der Regel mitgebrachte Infektionen, ab Tag drei gilt es als Krankenhausinfektion», ergänzt sie. Das heisse aber nicht, dass ab dem dritten Tag automatisch Klinikmitarbeiter die Schuld daran trügen.

Eintrittsschienen in den Körper

Denn die Gründe für diese Infektionen sind vielfältig. Klinik-Patienten benötigen oft invasive Untersuchungen oder Therapien: Sie bekommen zum Beispiel Katheter gelegt oder werden an Beatmungsgeräte angeschlossen. «Das alles sind Eintrittsschienen für Erreger in den Körper», sagt Gastmeier.

Oft seien es gar keine fremden Keime aus der Umgebung. «Jeder von uns schleppt Billionen Bakterien mit sich herum», erläutert die Hygieneärztin. «Zum Beispiel auf unserer Haut oder im Darm - und die dringen dann in den Körper ein.» Je länger ein Katheter liege, desto grösser sei das Risiko dafür.

Zwar hätten viele Kliniken in Deutschland die Händehygiene verbessert und es gebe mehr geschultes Personal. «Doch die Patienten werden immer älter und kränker und damit noch anfälliger für Infektionen», berichtet Gastmeier. Mit einem Rückgang der Spitalinfektionen in Deutschland sei daher kaum zu rechnen.

(fee/sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • __cK23__ am 19.10.2016 11:37 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Antibiotika das Problem

    Wen wunderts. Immer mehr resistente Keime in den Krankenhäuser, da mit Antibiotika nur so rumgeworfen wird.

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  • Jane38 am 19.10.2016 11:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    klar

    das war zu erwarten wen zb in einem 6 er zimmer 6 menschen mit 6 verschiedenen krankheiten liegen und sich eine toilette teilen. dazu kommen noch die besucher usw.

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  • Anatoll am 19.10.2016 11:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ....

    Interessant, das in der Studie nicht miteinbezogen wird, wer schon infiziert ins Spital kommt. Das sind beispielsweise 1/3 der Bevölkerung. Entsprechende Fallzahlen wurden 2015 in WHO veröffentlicht. Das Angehörige verschnupft im Spital erscheinen und nicht gegen Grippe geimpft sind wird ebenso wenig erwähnt. Die multiresistenten Keime sind deswegen so verbreitet, weil Antibiotika wahllos an und abgesetzt werden. Entsprechende Schemas und Listen zur Bekämpfung werden je nach Spital verändert und angepasst. Ein interessanter Artikel. Mehr davon!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • A.B.S am 21.10.2016 00:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Als Patient zum 18. x im Spital

    Ich werde mich von eu nicht einschüchtern lassen. Muss nächste Woche ins Spital zum 18ten mal. Toi Toi Toi es ist immer gut gegangen. Meine Erfahrung ist, dass die Ärzte und das Personal sich immer die Hände desinfiziert haben. Doch die Besucher nicht!!!!

  • Päsche am 20.10.2016 13:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hauptsache "Strassentote auf Null senken"

    Genau, und wegen rund 150 Toten im Strassenverkehr pro Jahr ein riesiges Tamtam mit via scura aufziehen... totaler Verhältnisblödsinn.

    • Mirko T. am 20.10.2016 15:12 Report Diesen Beitrag melden

      @Päsche

      Und wenn wir einen Fehler machen dann werden wir sofort lebenslang oder so lange wie möglich weggesperrt.. Es muss und wird bald alles anders sein. Mache dir keine Sorgen.

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  • Ozzly am 20.10.2016 10:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Interessante Zahl

    Woher bloss diese horrende Zahl stammt? Ärzte geben ja nicht zu, jemanden infiziert zu haben.

    • Sag was du denkst und du merkst am 20.10.2016 15:11 Report Diesen Beitrag melden

      Mord auf Raten und du musst ihnen Danken

      Ärzte wissen ja nicht was sie tun. Sie lernten einfach alles auswendig. Warum wohl wollen die meisten alten Schweizer nicht ins Altersheim? Weil sie vom Spital her wissen wie die dort mit ihnen umgehen werden. Darum lassen sie ihren Frust an den Jungen aus bei welchen sie sehen dass sie kein Umfeld haben oder einfach gerade alleine unterwegs sind. Da fühlen sie sich stark und lassen alle diese Ängste raus und denken dann die Jungen merken das nicht weil sie selber so waren als Junge.. Sie merken erst jetzt langsam wie wertlos sie waren und sich ihr leben lang einredeten es sei nicht so..

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  • Pia Barchmann am 20.10.2016 10:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Die Zustände im Umgang mit den Patienten haben sic

    Letztes Jahr mussten wir für 6 Wochen tägl. ambulant ins Uni Spital Basel. Ich war entsetzt über die Baustelle, hunderten Besucher und gleichzeitig schwer kranken Patienten die im ganzen Spital vor aller Blicken herum geschoben wurden. Es wurde nicht der Patientenlift für sie alleine, obwohl vorhanden genutzt. Oft waren Gäste, Bauarbeiter im selben Lift. Die Privatsphäre der Patienten wurde nicht gewahrt geschweige dem der Hygienevorschriften! Dann kommt hinzu (Liestal), dass in der Pflege, Bettwäschewechsel usw. gespart wird. Frisch operiert sind sich weitgehenst selbst überlassen ...... Da muss man sich nicht über solche Resultate wundern.... die Spitäler investieren lieber in die Haftpflichtversicherung statt in die Gesundheit IHRER Patienten (Kassensturz von gestern)! Sicher kann man sich im Spital nicht mehr fühlen.....:-(

  • Jay79 am 20.10.2016 10:04 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Mehr Pflegepersonal

    Wie wärs mit besserer Bezahlung und mehr Pflegepersonal? Mehr und gutes Pflegepersonal bedeutet mehr Zeit für Patienten und Bewohner. Immer wird darauf rum geritten wie man die Dinge besser machen könnte. Aber investiert wird kaum ein Rappen. Die Krankenkassen werden teurer durch höhere Gesundheitskosten. Es sackt jemand am falschen Ort ein, oder es läuft so richtig was falsch..... Das macht mich sauer. Ich liebe meinen Job und pflege mit Herz..... Jeder der in der Pflege arbeitet gibt sein Bestes. Auch hygienetechnisch. Das Spital ist eben ein Ort der Krankheiten und Keime....

    • Nutzt nichts am 20.10.2016 10:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Jay79

      Mit schnödem Hände waschen würden schon viele Infektionen verhindert. Was nutzt mehr Personal wenn dieses zu faul ist um die mindesten Hygienemassnahmen zu beachten?

    • Man muss wo anders anpacken am 20.10.2016 15:16 Report Diesen Beitrag melden

      @Nutzt nichts

      Es geht nicht um die Hände. Es geht darum dass sie gar nicht erst richtig schauen was den Menschen wirklich fehlt. Sie wollen einfach so viel wie möglich Geld verdienen und ihre Depressionen an den Patienen auslassen indem sie ihnen erzählen sie müssen dies und jenes mit sich tun lassen damit sie wieder gesund werden und dann wenn sie fertig sind sind da die Nebenwirkungen welche wiederum dafür sorgen dass noch mehr Medikamente verkauft werden und die Patienten sozusagen gar nicht mehr das Spital verlassen dann merkt Niemand wirklich. Schliesslich vertrauen die Menschen einem Arzt... Leider..

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