Strittige Suchttherapie

11. Juli 2012 22:46; Akt: 11.07.2012 23:06 Print

Kommt jetzt der eiskalte Entzug unter Narkose?

von Lorenz Hanselmann - Schnell-Entzug statt Drogen-Therapie: Der Arzt André Waismann will seine Methode in die Schweiz bringen. Kritiker warnen.

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Ein Patient beim Entzug am ANR-Institut im Barzilai-Spital in Ashkelon.

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«Innert Tagen frei von Drogen.» Die so genannte ANR-Methode, die der israelische Arzt André Waismann am staatlichen Barzilai-Spital in Israel anwendet, tönt wie ein Wundermittel.

Das Prinzip ist simpel: Zuerst erfolgt der Schnell-Entzug unter Narkose. Statt die Sucht danach aufwendig und teuer zu therapieren, werden mit dem Mittel Nalt­rexon die Opiat-Rezeptoren im Hirn blockiert. Die Lust auf den nächsten Schuss oder die nächste Tablette sei so komplett weg, sagt Waismann, der nach eigenen Angaben schon 18 000 Süchtige behandelte.

Als Beweis hat er gestern zwei Schweizer Ex-Patienten mit nach Bern gebracht. Die Mission seines Auftritts am Inselspital: die ANR-Methode in der Schweiz zu etablieren.

Diese ist allerdings heftig umstritten. Beim Schnell-Entzug starben immer wieder Patienten. Und namhafte Drogenfachleute kritisieren, dass der ­Entzug ohne psychologische Begleitung nichts bringe und häufig mit Rückfällen mit der ­Gefahr einer Überdosis zu rechnen sei. «Abhängige müssen längerfristig ein stabiles Leben aufbauen, um auf den Konsum verzichten zu können. Ein Teil schafft es vielleicht nie», sagt Thilo Beck, Chefarzt beim Arud Zürich. Die ANR-Methode bezeichnet er als «heikles Heilsversprechen». Auch in der Schweiz habe man es mit ähnlichen Methoden versucht – ohne Erfolg. Heute seien sie unter Fachleuten kein Thema mehr. Auch das Bundesamt für Gesundheit ist skeptisch: Sucht sei mehr als ein rein medizinisches Problem, schreibt es auf Anfrage.