Auswertung

28. April 2011 13:03; Akt: 28.04.2011 13:03 Print

Leben retten ist keine Frage des Geldes

Wie viel darf Gesundheit kosten? Laut einer 20-Minuten-Online-Umfrage wollen fast 50 Prozent, dass teure Spezialmedikamente von den Kassen bezahlt werden. Höhere Prämien wollen aber nur wenige berappen.

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Der Schweizer Dr. Albert Hofmann (1906 - 2008) war nicht nur Vater des LSDs: Beim Zerlegen sogenannter Mutterkorn-Alkaloide stiess er auf einen Wirkstoff, der besonders häufig in der Geriatrie zum Einsatz kommt. Chaos hat auch etwas Gutes: Weil der Forscher Leo Sternbach aufgrund einer Masse von Aufträgen nicht mehr an einem Schlafmittel forschen konnte, liess er einige Substanzen stehen. Dies wiederum hatte eine chemische Reaktion zur Folge,... ... die das Schlaf- und Beruhigungsmittel Librium hervorbrachte. Sein Nachfolger ist noch heute in aller Munde: das Medikament Valium. Im Teamwork entstand der synthetische Wirkstoff Diclofenac - bis heute eine grosse Hilfe für Menschen mit entzündlichen Erkrankungen wie Rheuma. Nicht alles, was gut ist, kommt aus der Kloake - der Pilz Cephalosporium acremonium schon. Entdeckt wurde er 1945 vom Italiener Giuseppe Brotzu. Später entstand daraus in der Schweiz ein Antibiotikum. Mit dem Wirkstoff Ciclosporin war es endlich möglich, die Abstossungsmechanismen nach Organtransplantationen zu unterdrücken, ohne das gesamte Immunsystem anzugreifen. Immerhin bei 20 bis 30 Prozent aller Brustkrebspatientinnen kann der Wirkstoff Trastuzumab eingesetzt werden. Er blockiert das unkontrollierte Wachstum und aktiviert das körpereigene Immunsystem. Der im Medikament Glivec enthaltene Wirkstoff Imatinib ist ein erfolgreiches Krebsmedikament, das in den krankhaften Prozess der chronischen Leukämie eingreift. Gesunde Zellen werden bei diesem Vorgang verschont. Um den Schwangerschaft-Begünstiger Gonal herzustellen, wurden ursprünglich Nonnen gebeten, Urinproben abzugeben. Aus dem Urin wurde eine Substanz extrahiert, welche die Reifung von Eizellen stimuliert. Das Immunsuppresivum Interferon beta-1a hilft Menschen mit der Autoimmunerkrankung Multiple Sklerose, die Zahl der Schübe über einen längeren Zeitraum hinweg zu verringern.

Wer hätte das gedacht? Diese Medikamente (Bildstrecke oben) sind «Made in Switzerland».

Zum Thema
Fehler gesehen?

Die Klage einer kranken Frau brachte den Stein ins Rollen: Eine an der seltenen Stoffwechselkrankheit Morbus Pompe leidende Patientin ging vor das Bundesgericht, nachdem sich ihre Krankenkasse geweigert hatte, die durch ein für sie überlebenswichtiges Medikament entstehenden Kosten in Höhe von rund einer halben Million Franken im Jahr zu tragen. Das Gericht entschied zuungunsten der Patientin und schlug dem «Tages-Anzeiger» zufolge eine Kostenlimite für Medikamente in Höhe von 100 000 Franken pro gerettetes Lebensjahr vor.

Der Fall wirft wichtige und zugleich ethisch bedenkliche Fragen auf: Darf der Wert eines Menschenlebens an eine Kostenlimite für Medikamente gekoppelt werden? Wer soll die durch teure Spezialmedikamente entstehenden Aufwendungen tragen?

Geld oder Leben? Leben!

Die Mehrheit der 5417 Leser, die an einer nicht-repräsentativen Umfrage von 20 Minuten Online zum Thema «Wie viel ist das Leben wert?» teilnahmen, zeigte sich gegenüber Bedürftigen teurer Arzneien solidarisch. Die Frage, ob die Kassen, beziehungsweise der Staat, unbegrenzt für die Kosten von notwendigen Medikamenten aufkommen sollten, beantwortete fast die Hälfte (46 Prozent) mit einem Ja. Ähnlich empathisch zeigen sich die Befragten, wenn es um eine Kostenlimite von 100 000 Franken pro Lebensjahr und Patient geht. Eine solche Regelung empfinden rund 46 Prozent aller Teilnehmer als unethisch – die Gesundheit ist ihrer Meinung nach schlicht unbezahlbar.

Bei Krankheiten, die durch starkes Rauchen, Alkoholkonsum oder massives Übergewicht selbst verursacht wurden, vertreten die Teilnehmer zu fast gleichen Teilen die jeweils gegensätzliche Meinung: Mehr als ein Drittel (38 Prozent) empfindet es als ungerecht, wenn man diese Patientengruppe weniger privilegiert behandeln würde als Menschen, die ihr Leiden nicht selbst verursacht haben. Völlig in Ordnung finden das aber 37 Prozent.

Wer soll das bezahlen?

Wäre also nur noch eine wichtige Frage zu klären: Wer soll die enormen Kosten tragen? Nur 16 Prozent sind dafür, dass die Versicherer die Prämien erhöhen. Deutlich mehr Umfrage-Teilnehmer (33 Prozent) fordern eine Umverteilung: Finanzielle Mittel sollten anderen Töpfen des Staatshaushaltes zu Gunsten der Krankenversicherer entnommen werden.

Erstaunlich: Die Wenigsten, die nach der Devise «Leben retten – koste es, was es wolle» leben, werden selbst für ihren Versicherer zur grossen Belastung: 62 Prozent aller Teilnehmer gehen nur einmal pro Jahr zum Arzt. Bei nahezu 78 Prozent der Befragten belaufen sich die Kosten für verschreibungspflichtige Medikamente – zumindest nach eigenen Angaben - auf weniger als 50 Franken pro Monat.

Alle Umfrage-Resultate können Sie sich hier ansehen.


(rre)

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Andy K. am 28.04.2011 17:33 Report Diesen Beitrag melden

    Einzelfälle abwägen.

    Einem Menschen ein Leben zu ermöglichen trotz einer Krankheit ist meiner Meinung nach ein MUSS. Jedoch muss man die Fälle abwägen. Einem Jugendlichen oder einem Kind 80 Jahre beschären zu können ist genial. Aber warum muss man alles daran setzen, einen Todeskandidaten noch 3 - 4 Monate im Krankenhaus ans Bett zu fesseln, mit teuren Geräten komplett zu versorgen, wenn von Anfang an klar ist das keine Hoffnung besteht? Dort zu sagen, wir können nichts mehr tun, und die Geräte abzuschalten, würde auch viel Geld sparen. Denn diese Zeit ist auch für den Patienten nicht Lebenswert.

  • Hinz U. Kunz am 28.04.2011 13:23 Report Diesen Beitrag melden

    Schöne Solidarität...

    Eine schöne Solidarität ist das, wenn eine Mehrheit die Kosten weder begrenzen noch zahlen will. Der Spruch "Gesundheit ist unzahlbar" gilt ganz schnell nicht mehr, wenn's ans eigene Portemonnaie geht.

  • Walter Meile am 28.04.2011 13:16 Report Diesen Beitrag melden

    Röntgen...Mehr Bilder als gesund sind...

    Ich habe ein Praktikum im Bereich Röntgen gemacht. Erklär wurde mir, dass es 1. hochprofitabel ist & 2. mehr geröngt wird als notwendig (als persönliche Absicherung) 3. die Patienten unnötigen Strahlendosen ausgesetzt werden. Und mir kam es auch so vor im Spital wie am Laufband einer Fabrik, die Terminkalender waren voll und einer nach dem anderen wurde abgefertigt, z.Bsp. mit der Aussage der MRT war teuer, die Maschine muss laufen und ausgelastet sein...und die Maschinen sind ausgelastet, das kann ich euch sagen!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • enyo am 29.04.2011 11:21 Report Diesen Beitrag melden

    Geld UND Leben

    Nicht in Ordnung, wenn ich mit meiner Prämie diese Exzesse mitfinanzieren muss. Irgendwann muss doch jeder steben an irgendwas! Deshalb: ein Menschenleben ist nicht "unendlich" viel wert. Diese Limite ist ganz in Ordnung.

  • Andy K. am 28.04.2011 17:33 Report Diesen Beitrag melden

    Einzelfälle abwägen.

    Einem Menschen ein Leben zu ermöglichen trotz einer Krankheit ist meiner Meinung nach ein MUSS. Jedoch muss man die Fälle abwägen. Einem Jugendlichen oder einem Kind 80 Jahre beschären zu können ist genial. Aber warum muss man alles daran setzen, einen Todeskandidaten noch 3 - 4 Monate im Krankenhaus ans Bett zu fesseln, mit teuren Geräten komplett zu versorgen, wenn von Anfang an klar ist das keine Hoffnung besteht? Dort zu sagen, wir können nichts mehr tun, und die Geräte abzuschalten, würde auch viel Geld sparen. Denn diese Zeit ist auch für den Patienten nicht Lebenswert.

  • Hpeter am 28.04.2011 15:45 Report Diesen Beitrag melden

    Sackgasse

    Solange die Krankenkassen hohe Renditen erziehlen müssen, wird sich die Situation nicht ändern. Aber eine Einheitskrankenkasse oder ein staatliches Gesundheitssystem will das Volk ja nicht...

  • Ursula am 28.04.2011 15:18 Report Diesen Beitrag melden

    Ein hohes Gut

    Die grössten Gesundheitskosten entstehen nicht durch Leute die wegen Wehwehchen zum Arzt gehen, sondern durch Menschen die schwer krank und/oder älter sind. Und ich glaube diese Leute haben eine optimale Betreuung verdient. Oder würden sie wenn Ihre Eltern in die Jahre kommen sagen: Ach, das nützt sowieso nichts mehr sondern kostet nur? Ich glaube kaum. Denn für jeden Menschen ist ein anderer Mensch einmalig. Sparen kann man in der Verwaltung oder bei den Medikamentenpreisen aber ganz sicher nicht bei den Menschen selbst. Denn das Leben ist ein hohes Gut und das sollten wir alle schätzen.

    • Jacky M. am 28.04.2011 16:59 Report Diesen Beitrag melden

      @ Ursula

      Eine Tante von mir hat Krebs (und leider nicht mehr lange zu leben). Die Behandlung kostet natürlich viel. Aber das wäre kein Problem, wenn da nicht noch die 10 Hypochonder wären, die wegen jedem Schnupfen zum Arzt rennen, weil sie daran vielleicht sterben könnten (auch so ein Fall in der Familie - aber andere Seite....).

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  • naja am 28.04.2011 14:50 Report Diesen Beitrag melden

    Kein Wunder....

    ist man z.B Allergiker und benutzt seit Jahren dasselbe Medikament wird von den meiste Ärzten erwartet, dass man erneut in die Praxis kommt. Genauso die Krankenkasse die einem wegen 2.40 eine Rechnung schickt..Oder man die Rechnung per Post schicken muss und sie diese dann weiterschicken und erst dann elektronisch verfügbar machen... Es gäbe viel viel Sparpotential das niemandem weh tut...

    • Jacky M. am 28.04.2011 15:10 Report Diesen Beitrag melden

      @ Naja

      mmmh, erstaunlich! Ich bin seit 35 Jahren Allergikerin. Ich rufe bei meinem Arzt in der Praxis an und bestelle das Medi. Er schickt ein Rezept an die Versandapotheke mit der er zusammen arbeitet und nach ein paar Tagen hab ich mein Medi. Nix von dauernd zum Arzt oder so. Scheint, es gibt Aerzte und Aerzte.....

    • naja am 28.04.2011 16:28 Report Diesen Beitrag melden

      Leider...

      Ja bei meinem Hausarzt funktioniert das glücklicherweise tadellos, nur jeder weiterer Arzt den ich aufsuchte, hatte hier massive Probleme...

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