Antibiotikaresistente Bakterien

10. November 2017 19:56; Akt: 10.11.2017 21:48 Print

Bundesrat warnt Bevölkerung vor Umgang mit Antibiotika

An den Folgen resistenter Bakterien sterben in der Schweiz jedes Jahr mehrere hundert Menschen. Ein Faktenblatt soll Patientinnen und Patienten besser aufklären.

storybild

Bundesrätlicher Appell: Antibiotika sollen nur dann eingesetzt werden, wenn es sie auch wirklich braucht. (Bild: admin.ch)

Zum Thema
Fehler gesehen?

Allein in der Schweiz sterben jedes Jahr hunderte Menschen an Infektionen, die durch antibiotikaresistente Bakterien ausgelöst wurden. Der Bund bemüht sich, die tödliche Bedrohung einzudämmen. Er kämpft einen Kampf gegen Windmühlen.

Die Ärzte, die die Medikamente verschreiben, wollen sich vom Bund bei der Behandlung nicht reinreden lassen. Die Patienten verstehen nicht, warum ihre Grippe nicht mit Antibiotika kuriert wird. Und die Bauern, deren Ställe Brutstätten resistenter Keime sind, ändern ihre Produktionsweise auch nicht über Nacht.

Trotz der akuten Bedrohung verzichtet der Bund aber auf verbindliche Vorschriften und setzt auf freiwillige Massnahmen. Und so geht es nur in kleinen Schritten voran. An einer Veranstaltung zwei Jahre nach Lancierung der Strategie Antibiotikaresistenzen (StAR) war am Freitag viel von «Leitlinien» und «Sensibilisierung» die Rede.

Viele Irrtümer

Eine Gelegenheit dafür bietet die von der Weltgesundheitsorganisation WHO ausgerufene «Antibiotika Awareness Woche», die am Montag beginnt. Fachleute diskutieren an Symposien über die Fortschritte, Interessierte können an Rundgängen und Führungen teilnehmen, zum Beispiel in der ARA Neugut in Dübendorf.

Ein Faktenblatt, das in Arztpraxen und Apotheken aufliegt, soll die Wissenslücken von Patientinnen und Patienten schliessen. Vor allem bei Jungen sind Irrtümer und Missverständnisse über Antibiotika weit verbreitet, wie eine Umfrage ergeben hat.

Der Flyer erinnert zum Beispiel daran, dass der Körper viele Krankheiten selber abwehren kann und dass Antibiotika nicht gegen Viren helfen. Die Patientinnen und Patienten werden aufgefordert, die Medikamente genau nach den Vorschriften des Arztes einzunehmen und die Behandlung nicht vorzeitig abzusetzen.

Umdenken in den Ställen

Die Ärzteschaft ist ebenfalls in der Pflicht. Derzeit erarbeiten die medizinischen Fachgesellschaften Verschreibungsrichtlinien, die ab 2018 gelten sollen. Falsch abgegebene Medikamente können ebenso zu Resistenzen führen wie falsch angewendete.

StAR hat auch die Bauern im Visier, denn die industrielle Tierhaltung ist eine Brutstätte für antibiotikaresistente Bakterien. In der Enge der Ställe, wo Tiere manchmal flächendeckend mit Antibiotika behandelt werden, entstehen für Menschen tödliche Erreger wie MRSA. Bei Mastpoulets sind kaum weniger gefährliche resistente Campylobacter-Bakterien verbreitet.

In der Landwirtschaft hat das Umdenken längst stattgefunden, der Antibiotikaeinsatz geht seit Jahren stetig zurück. Transparenz über den Verbrauch unter Schweinezüchtern, ein Kälbergesundheitsdienst oder komplementärmedizinische Angebote sollen den Verbrauch weiter drücken.

Wirksame Vorschriften

Einen messbaren Fortschritt hat StAR bei den so genannten kritischen Antibiotika gebracht, zu welchen es keine Alternativen gibt. Allein im letzten Jahr ist der Verbrauch um 25 Prozent zurückgegangen. Es handelt sich um einen der wenigen Bereiche, in welchen der Bundesrat verbindliche Vorschriften erlassen hat: Kritische Antibiotika müssen vom Tierarzt von Fall zu Fall verschrieben werden. Vorher konnten die Bauern solche Medikamente auf Vorrat kaufen.

Handfest ist auch das vom Parlament beschlossene Informationssystem Antibiotikaverbrauch. Die Datenbank wird derzeit programmiert und ist ab 2019 operativ. Ziel ist es, den Einsatz von Antibiotika und die Resistenzen in der Tiermedizin genau überwachen zu können. Technische Massnahmen sind auch bei den Abwasserreinigungsanlagen im Gang. Die meisten werden mit zusätzlichen Reinigungsstufen ausgerüstet, um Antibiotika aus dem Abwasser entfernen zu können.

Trendwende nicht geschafft

In den anderen Bereichen sind die Resultate im Kampf gegen Antibiotikaresistenzen weniger greifbar. «Es gibt keinen eindeutigen Trend», sagte StAR-Projektleiterin Karin Wäfler vor den Medien. MRSA-Infektionen nehmen zwar ab, was vor allem auf Fortschritte bei der Spitalhygiene zurückzuführen ist. Resistenzen bei Darmbakterien nehmen jedoch zu. Das ist besonders bedenklich, weil diese ihre Resistenz auf andere Erreger übertragen können.

An den folgen resistenter Bakterien sterben in der Schweiz jedes Jahr mehrere hundert Menschen. Die EU schätzt die Zahl der Toten auf 25'000 pro Jahr, weltweit sind es laut WHO 700'000. Für die Organisation handelt es sich denn auch um eine «globale Gesundheitskrise».

(nag/sda)

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Amina123 am 10.11.2017 20:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    massenvieh gehört schon lange weg

    wird wohl leider zu spät sein... auch wenn ich nicht täglich fleisch und geflügel esse,will ich garnicht wissen,wieviel antibiotika ich trotzdem intus habe...viel zu spät kommt die reaktion mal wieder,wie so oft. auch wenn ich seit geraumer zeit fleisch aus artgerechter haltung konsumiere,wofür ich gerne mehr bezahle,im poulet wirds wohl immer noch so sein.fünf vor zwölf ists schon ewig...nun ist punkt zwölf.

    einklappen einklappen
  • Peter E. am 10.11.2017 20:37 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Lach mich krumm

    Der Bund hat uns Leute mit Bakterien aus 228 Ländern ins Land gebracht und warnt uns nun vor dem Umgang mit Antibiotika.

    einklappen einklappen
  • Negan am 10.11.2017 20:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Massentierhaltung

    Alleine 2016 hat man über 86 Tonnen (!!!) AB den Ausnutztieren verfüttert, das so wiederum von mehr oder weniger fleissigen Fleischkonsumenten wissentlich oder halt oft aus Blindheit nicht wissentlich aufgenommen wurde.

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Friedrich Wolff am 14.11.2017 10:31 Report Diesen Beitrag melden

    Wann handelt der Bund endlich?

    Durch seine Passivität nimmt der Bund billigend Todesopfer in Kauf - absolut unverständlich und nur durch eine völlig falsches Auffassung von Liberalismus zu verstehen, nach dem Motto " der Markt wird es schon regeln". Darauf könnt ihr euch verlassen, dass die Folgen der Resistenz kommen, das ist so sicher wie das Amen in der Kirche, wenn schon die Reserve-Antibiotika, die bei Resistenz eingesetzt werden, ebenfalls verfüttert werden.

  • Kurt am 11.11.2017 16:24 Report Diesen Beitrag melden

    Penntruppe

    Schlaf weiter Bundesrat. Das Thema ist seit Jahrzehnten da. Und jetzt wo es sich zuspitzt, wollen die Polittränen noch schnell einsteigen. Zu peinlich !

    • Skywalker99 am 11.11.2017 19:11 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Kurt

      wieder so ein Kommentar wo es mir echt ablöscht. 1. Der Schreiber findet, er ist ein Siebesiech, 2. alle anderen sind unfähig und 3. schuld ist eh der Bundesrat. Und der Schreiber outet sich, dass er über das Funktionieren des Systems Schweiz nicht allzuviel Ahnung hat. Womit sich 1. objektiv stark relativiert.

    • Urs am 12.11.2017 08:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Kurt

      Aber offensichtlich ist es bei den meisten Ärzten noch nicht angekommen! Die sagen immer noch: Pack bis komplett leer aufbrauchen, sonst gibt es Resistenzen....oder wir wissen nicht genau was es ist und heben ihnen proforma Antibiotika.

    einklappen einklappen
  • Andrea am 11.11.2017 15:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Der Bund warnt uns Bürger?

    Welch fähige Personen doch beim Bund arbeiten. Warnt die Ärzte! Schiebt der Pharmalobby doch erst mal einen Riegel in Bundesbern als sowas zu verkünden...

  • Spatz am 11.11.2017 15:24 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Prioritäten

    Und warum warnt der BR die Bevölkerung vor dem Umgang mit Antibiotika. Letztendlich sind Antibiotika rezeptpflichtig, also bekommt man die nur vom Arzt. Und wie kann man sich gegen die Behandlung von Nutzvieh wehren, wenn der Bauer nicht mitmachen will? Plötzlich will sich der BR mit Vorschriften zurück halten. Bei unwichtigen Dingen kommt aber eine wahre Vorschriftenflut.

  • Mehrdi am 11.11.2017 13:24 Report Diesen Beitrag melden

    Weniger ist Mehr

    'Nur wenn nötig' sollten sich mal alle Patienten und alle Ärzte hinter die Ohren schreiben. Medis sind ein Milliardengeschäft und werden oft zu schnell verschrieben. Umsatz machen zählt halt.... falscher Anreiz