Seuche auf Madagaskar

05. März 2011 15:53; Akt: 05.03.2011 17:18 Print

Die Rückkehr der Pest

von Runa Reinecke - Seit Jahresbeginn tötete die Pest allein auf Madagaskar 32 Menschen. Es fehlt an Medikamenten – doch selbst sie könnten schon bald nicht mehr wirken. Die Folgen für die Weltbevölkerung wären prekär.

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Den Menschen auf Madagaskar fehlt es an Vielem - vor allem an wirksamen Medikamenten gegen Seuchen.
(Bild: Keystone/AP)

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Der bitterarme Inselstaat Madagaskar kämpft Medienberichten zufolge mit Dutzenden von Pestfällen. Seit Jahresbeginn sollen bereits 32 Menschen an den Folgen der Krankheit gestorben sein, wie die Tageszeitung «Courrier» am Mittwoch berichtete. Mehr als 100 Menschen sind offenbar an der Seuche erkrankt.

Ausgelöst wird die Pest durch das Bakterium Yersinia pestis. Zum Menschen gelangt es über den Floh. «Säugetiere wie zum Beispiel Ratten können Träger des Bakteriums sein. Die Übertragung auf den Menschen erfolgt meist durch den Biss infizierter Rattenflöhe», wie Danielle Gyurech, Reise- und Tropenmedizinerin aus Zürich, erklärt. Doch das ist nicht der einzige Infektionsweg: Auch die Übertragung von Mensch zu Mensch sei möglich, so die Ärztin.

Regenfälle bringen die Pest in die Dörfer

Auf Madagaskar werden die Ratten während der Regenzeit durch die Fluten von den Feldern in die Dörfer und Städte getrieben. «Die Gefahr beschränkt sich keineswegs lediglich auf Madagaskar», bemerkt die Medizin-Expertin und ergänzt: «Überall dort, wo es zu Problemen mit der Abfallbeseitigung kommt, kann sich die Pest ausbreiten. Kommen dann noch klimatische Gegebenheiten wie zum Beispiel Regenzeit hinzu, steigt das Risiko.»

Bricht die Krankheit aus, macht sie sich zunächst mit unspezifischen Symptomen bemerkbar, wie Gyurech weiss: «Schüttelfrost und hohes Fieber treten zuerst auf.» Grundsätzlich müssten verschiedene Formen der Pest unterschieden werden. So seien beispielsweise bei der Beulenpest die Lymphknoten befallen. Gefürchtet sei auch «die Lungenpest oder der Befall der Hirnhäute». Gegenüber 20 Minuten Online stellt die Ärztin heraus, dass es «bei einer Streuung der Bakterien durch die Blutgefässe» zu einer so genannten Sepsis – einer Blutvergiftung – kommen könne. Sie verlaufe unbehandelt oft tödlich, wie Gyurech anmerkt.

Pesterreger: Antibiotika bald unwirksam?

Bei einer Pest-Erkrankung ist ein Antibiotikum Mittel der Wahl. Im Inselstaat Madagaskar, der die Charakteristik eines Entwicklungslandes aufweist, besteht allgemein ein grosser Mangel an Arzneien und somit auch am wirksamen Gegenspieler der Infektionserkrankung. Doch selbst bei ausreichender medizinischer Versorgung könnte nicht nur den Madagassen zukünftig Gefahr drohen. Bei Analysen unterschiedlicher Stämme des Pest-Erregers, machte die Pestexpertin Elisabeth Carniel vom Pariser Institut Pasteur eine beunruhigende Entdeckung: Zwei von ihr untersuchte Erreger-Stämme zeigten Resistenzen auf Antibiotika. Der Forscherin bereitet besonders einer der beiden Stämme grosse Sorge. Acht verschiedene von der Weltgesundheitsorganisation WHO empfohlene Antibiotika gegen Pest, konnten diesem Erreger nichts mehr anhaben. «Wenn sich diese Stämme weiter verbreiten, dann wird das ernsthafte Probleme für die öffentliche Gesundheit verursachen», sagte die Wissenschaftlerin in einem Beitrag der ZDF-Reihe «Abenteuer Wissen».

Carniel gelang es, die Herkunft des resistenten Stammes ausfindig zu machen. Seinen Ursprung fand sie in Madagaskar. Die Forscherin stellte fest, dass er Antibiotika-Resistenzen von anderen Bakterien übernommen hatte. Dabei handelte es sich offenbar um Keime, die in US-amerikanischem Rindfleisch zu finden sind und die – so vermutet die Expertin – im Magen des Rattenflohs mit dem Pest-Erreger mutiert sind. Vermutlich erwarb der im Rindfleisch gefundene Keim seine Resistenz durch den Zusatz von Antibiotika in Futtermitteln. Elisabeth Carniel glaubt, dass uns diese Problematik auch zukünftig beschäftigen wird: «Früher haben wir immer gedacht, dass der Mensch die Infektionskrankheiten besiegt hat. Heute wissen wir, dass das nicht der Fall ist. Es ist ein permanenter Kampf zwischen Mensch und Bakterium, bei dem der Mensch immer einen Schritt voraus sein muss, wenn er überleben will.»

Der Schwarze Tod - schlimmer als jeder Krieg

Auch wenn die Wunderwaffe Antibiotikum droht, stumpf zu werden: Vom Einsatz solcher Medikamente wagte man zu Zeiten des Mittelalters nicht einmal zu träumen. Damals sorgte der Schwarze Tod für Angst und Schrecken. Vermutlich tauchte die Erkrankung zum ersten Mal während des sechsten Jahrhunderts in Europa und Vorderasien auf. Im 14. Jahrhundert traf sie weite Teile Europas und Asiens hart und unerbittlich, raffte Tausende dahin. Heute sind sich Medizinhistoriker uneins darüber, ob es sich beim sogenannten Schwarzen Tod tatsächlich um die Pest handelte.

Während die gefürchtete Seuche in den westlichen Ländern als ausgerottet gilt, kommt es vor allem in Dritte-Welt- und Schwellenländern immer wieder zu Ausbrüchen der Krankheit, bei denen Dutzende von Menschen sterben. Einen der grössten Pest-Rückfälle der Neuzeit erlitt Indien im Jahr 1994: 6000 Menschen erkrankten an der Seuche, 56 Menschen überlebten die Infektion nicht. Ohne funktionierende medizinische Versorgung in den Entwicklungsländern und ohne den vernünftigen Umgang mit Antibiotika, wird uns die Pest vermutlich auch in den kommenden Jahrzehnten erhalten bleiben.