Pankreas-Krebs

09. September 2010 17:08; Akt: 10.09.2010 14:23 Print

«Nach fünf Jahren sind über 95 Prozent tot»

von Runa Reinecke - Patrick Swayze, Laurent Fignon und Nella Martinetti - sie leiden oder litten an Bauchspeicheldrüsen-Krebs. Ein Experte erklärt, warum die Diagnose für die meisten den sicheren Tod bedeutet.

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Verschiedene Faktoren stehen im Verdacht, Krebserkrankungen zu begünstigen. Nachfolgend einige Beispiele... . Viele Sonnenschutzmittel enthalten gesundheitlich bedenkliche Stoffe. Trotzdem gilt: Lieber dick mit einer Creme mit hohem Lichtschutzfaktor eincremen und somit das Hautkrebsrisiko minimieren. Sogenannte Azofarbstoffe werden auch zum Tätowieren verwendet. Sie stehen im Verdacht, krebserregend zu sein. Alkohol wird - wenn auch nur indirekt - zum Krebsrisiko: Seine Abbauprodukte können den Körper schädigen. Eine deutsche Studie brachte es ans Licht: Kinder, die in der Nähe von Atomkraftwerken aufwachsen, haben ein grösseres Risiko an Blutkrebs zu erkranken. Die genetische Disposition kann das Krebsrisiko erhöhen, wie zeigt. Schlanke Menschen leben gesünder - und verringern ihr Krebsrisiko (). Feuerwehrmänner leben auch langfristig wegen riskanter Einsätze gefährlich: Sie kommen regelmässig mit krebserregenden Stoffen in Kontakt. Diätexperten raten zum regelmässigen Verzehr von Fisch, Gemüse und Früchten. Wer viel rotes Fleisch (also Rind, Schwein, etc) zu sich nimmt und nicht auf eine ausgewogene Ernährung achtet, erhöht sein Darmkrebsrisiko. Das Rauchen eines Joints ist 20 Mal so krebserregend wie das Qualmen einer normalen Zigarette. Dies besagt eine Studie des Medizinischen Forschungsinstituts in Wellington, Neuseeland. Sogar in Kochutensilien wurden krebserregende Stoffe gefunden. gibts mehr zum Thema. Sogar Menschen, die regelmässig nachts arbeiten müssen, sind . Durch Raps erzeugter Treibstoff ist mit Vorsicht zu geniessen, wie in zu lesen ist.

Trotz Fortschritte in der Therapie hat der Krebs nicht an Schrecken verloren.

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Die Hoffnung stirbt zuletzt - eine abgedroschene und zugleich tröstliche Phrase, die vielen Krebspatienten Kraft gibt. Für Menschen, denen die Diagnose Bauchspeicheldrüsen-Krebs gestellt wird, ist diese Hoffnung allerdings kaum greifbar. Peter Bauerfeind, Professor und leitender Arzt für Gastroenterologie am Unispital Zürich, erklärt, was die Erkrankung so heimtückisch macht.

20 Minuten Online:
Herr Bauerfeind, die Diagnose Bauchspeicheldrüsen-Krebs (auch Pankreas-Karzinom genannt) wird besonders gefürchtet. Warum?

Peter Bauerfeind: Das Pankreas-Karzinom ist das zweithäufigste aller Magen-Darm-Karzinome. Obwohl dieser Tumor relativ schnell wächst, bleibt der Patient lange Zeit beschwerdefrei. Häufig wird das Karzinom erst dann bemerkt, wenn es sich in der Nähe des Gallengangs befindet und es zu einem Gallenstau kommt. Zu den Symptomen gehören eine gelbliche Haut. In diesem Stadium ist die Geschwulst meist schon relativ gross.

Wie häufig kommt er – im Vergleich zu anderen Krebserkrankungen - vor?
Insgesamt steht der Krebs der Bauchspeicheldrüse an zehnter Stelle von allen Krebsarten. In der Schweiz erkranken etwa 900 Personen pro Jahr daran.

Was weiss man über die Risikofaktoren?
Die familiäre Häufung gehört zu den Haupt-Risikofaktoren. Diese Patienten müssen genau beobachtet werden. Darüber hinaus sind Menschen mit chronischer Bauchspeicheldrüsen-Entzündung (Pankreatitis) eher gefährdet. Rauchen erhöht, wie bei vielen andere Krebsarten auch, das Risiko, am Pankreaskarzinom zu erkranken.

Über die Darm- oder Gebärmutterhalskrebs-Vorsorge wird immer wieder berichtet. Warum gibt es diese Aufklärung bei einem so gefährlichen Krebs wie dem Pankreas-Karzinom nicht?
Es gibt keine wirklich verlässliche Methode zur Früherkennung. Die regelmässige Suche nach einem Pankreas-Karzinom macht nur bei Menschen mit starker familiären Vorbelastung Sinn. Bei der Untersuchung kommen die Endosonografie (eine von innen durchgeführte Ultraschall-Untersuchung) oder bildgebende Verfahren wie beispielsweise die Computertomografie zum Einsatz. Diese belastenden Untersuchungen der ganzen Bevölkerung zuzumuten, wäre nicht sinnvoll. Ausserdem lässt sich dem Darmkrebs im Gegensatz zum Pankreas-Krebs bereits vor seiner Entstehung beikommen.

Was erwartet einen Patienten, dem diese Diagnose gestellt wird?
Die Prognose beim Pankreas-Karzinom ist im Vergleich zu anderen Krebsarten schlecht. Grosse Studien von Ländern, in denen alle Krebserkrankungen registriert werden, zeigen in Hinblick auf diese Erkrankung ein ernüchterndes Bild: Fünf Jahre nach Diagnose-Stellung waren über 95 Prozent der Patienten tot – unabhängig davon, ob eine Operation durchgeführt wurde oder nicht. Zum Vergleich: Mindestens 50 Prozent aller Darmkrebs-Patienten können geheilt werden.

Welche Heilungschancen hat ein Patient, bei dem man einen Tumor im frühen Stadium entdeckt?
Rund 70 Prozent aller Patienten sterben innerhalb der nächsten zwei Jahre, auch wenn man erfolgreich operiert und eine Chemotherapie anwendet.

Man kann doch auch ohne Bauchspeicheldrüse leben …
Das ist richtig, allerdings wird bei einer Krebs-Operation meistens nicht die ganze Bauchspeicheldrüse entfernt. Um die Insulin-Zufuhr weiterhin sicherzustellen, genügt es, wenn zehn Prozent des Organs im Körper belassen werden. Wird das Organ vollständig entfernt, muss sich der Patient zukünftig Insulin spritzen.

Aber warum ist die Sterberate so hoch, wenn das erkrankte Organ entfernt werden kann?
Selbst wenn eine vollständige Resektion (Entfernung) durchgeführt wurde, wächst an dieser Stelle der Tumor meistens wieder nach. Des Weiteren besteht die Gefahr, dass das Karzinom bereits gestreut, also Metastasen (Tochtergeschwülste) gebildet hat.

Wie steht es um die Behandlungsmöglichkeiten bei dieser Art von Krebs?
Die bereits erwähnte Operation ist unter Umständen eine Option. Hier muss eine Abwägung stattfinden, welchen Nutzen ein solch schwerer Eingriff für den Patienten hat. Die wenigen Menschen, die diesen Krebs überleben, sind Patienten, die sich einer solchen Operation unterzogen haben und bei denen es nicht zu einem erneuten Tumorwachstum kam.

Und die Chemotherapie?
Sie hilft, dem Patienten das Leben zu erleichtern. Die spezifisch beim Pankreas-Karzinom eingesetzte Chemotherapie führt weder zu starkem Haarverlust noch zu einer Gewichtsabnahme. Allerdings bleibt sie ohne Einfluss auf die Grösse des Tumors, beziehungsweise auf dessen Wachstum. Die Patienten haben aber weniger Bauchbeschwerden und eine bessere Lebensqualität.

Also müssen Sie die meisten Ihrer Pankreas-Krebspatienten irgendwann aufgeben?
Ja, leider! Und immer wieder muss sich der Arzt für oder gegen einen Eingriff entscheiden. Auf der einen Seite kann eine Operation einen Nutzen bringen, auf der anderen steht dem Patienten ein komplikationsanfälliger Eingriff bevor. Zwischen zwei und fünf Prozent der älteren Patienten überlebt entweder die Operation nicht oder stirbt unmittelbar danach.

Es ist bestimmt nicht leicht, die Betroffenen über die traurige Ausgangslage zu informieren.
Den meisten Medizinern fällt es sehr schwer, den Patienten diese ausweglose Situation zu vermitteln. Viele Patienten hoffen natürlich, dass ihnen eine Operation helfen kann: Sie klammern sich an diese Chance wie an einen rettenden Strohhalm. Aber es gibt auch Menschen, die das Operationsrisiko nicht eingehen wollen, wenn ihre Überlebenschance ohnehin nur bei etwa fünf Prozent liegt. Das sind meist ältere Patienten.

Welche Lebenserwartung hat ein Mensch, bei dem medizinische Therapien keine Heilung mehr versprechen?
70 Prozent dieser Patienten sind nach zwei Jahren tot.

Dem Bauchspeicheldrüsenkrebs wurde in den letzten Monaten nicht zuletzt Aufmerksamkeit geschenkt, weil immer wieder Prominente an ihm erkranken, darunter der Schauspieler Patrick Swayze, der ehemalige französische Radrennfahrer Laurent Fignon (beide sind verstorben) oder die offenbar unheilbar kranke Sängerin Nella Martinetti. Glücklicherweise wirkt sie sehr vital und von einem starken Gewichtsverlust (man erinnere sich an die Bilder des schrecklich abgemagerten Patrick Swayze) blieb sie bislang verschont …
Im Prinzip ist es so, dass der Tumor mit der Zeit die Substanz auszehrt. Je länger die Krankheit besteht, desto eher verlieren die Patienten an Muskelmasse und Fett. Korpulente Menschen haben also mehr Reserven. In einer solchen Situation ist Übergewicht also von Vorteil.