Zahnarzt-Phobie

28. Oktober 2010 16:24; Akt: 28.10.2010 17:08 Print

«Ich fühlte mich wie ein Versager»

von Runa Reinecke - Ihre Zähne waren komplett ruiniert, trotzdem ging Iris von Bischopinck nicht zum Zahnarzt. Das sollte sich im Mai dieses Jahres ändern.

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Sieben Jahre lang war es da - das drückende, schlechtes Gewissen. Immer wieder stieg er in ihr auf – der Gefühlsmix
aus unabwendbarer Angst, Scham und Wertlosigkeit. Iris von Bischopinck wollte es jeden Tag anpacken, sagte sich morgens: «Heute, Iris, heute machst du einen Termin beim Zahnarzt» um am Abend dann doch wieder zu Bett zu gehen und erneut erkennen zu müssen, dass sie es wieder nicht geschafft hatte – so wie während der Tage, Wochen, Monate und Jahre zuvor. «Ich lebte mit dem ständigen Gefühl, versagt zu haben», erinnert sie sich im Gespräch mit 20 Minuten Online. Damals, sagt sie «hatte ich mich nur noch versteckt. Niemand sollte sehen, wie schlecht meine Zähne sind.»

Umfrage
Haben Sie grosse Angst vor dem Zahnarzt?
22 %
29 %
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Insgesamt 3206 Teilnehmer

Fehlender Mut zu Lücke

Die 47-jährige Berliner Krankenschwester machte aus ihrer Not eine Tugend, um die «Ruine» im Mund vor dem Umfeld zu verstecken. Sie schmunzelte oder lächelte mit geschlossenen Lippen. Lachen? Verboten! Wenn es mal allzu emotional aus ihr heraus brach, wendete sie sich geschickt von ihrem Gegenüber ab. Das Verstecken war längst zum täglich trainierten Talent geworden. Niemand sah, wie schlimm es tatsächlich um ihre Zähne stand, nicht die Arbeitskollegen, nicht die engsten Freunde, nicht einmal ihr eigener Mann und die beiden erwachsenen Töchter.

Doch irgendwann liess der Verfall des Gebisses selbst die Meisterin des Versteckens an Grenzen stossen: Als sich die heraus gefallenen Füllungen nicht mehr an die kaputten, vorderen Zähne kleben liessen, wurde sie erfinderisch: «Aus Knetmasse hatte ich mir einen Zahnersatz für die Schneidezähne gebastelt, den ich selbst modelliert hatte und im Backofen härtete». Als selbst das Provisorium Marke Eigenbau nicht mehr hielt, musste sie handeln. Doch zum Zahnarzt wollte sie nicht gehen – Angst und Scham waren zu gross: «Ich hatte genug von Vorwürfen wie ’Sie müssen besser auf Ihre Mundhygiene achten’. So etwas wollte, konnte ich mir einfach nicht mehr anhören». Hinzu kam der Gedanke an frühere Besuche beim Zahnarzt. Wenn sie es überhaupt in eine Praxis geschafft hatte, durchlitt sie Symptome wie starke Atemnot, Schweissausbrüche, Zittern und Übelkeit.

Erst als sie von einem Angebot für Zahnarzt-Phobiker hörte, fasste die 47-Jährige neuen Mut. Auf der Website des Dentalmediziners Michael Leu, der sich auf die Behandlung von Phobie-Patienten unter Vollnarkose spezialisiert hat, fand sie einen Phobie-Selbsttest. Durch den Test wurde der zweifachen Mutter bewusst, was ihr wirklich fehlte: «Zuvor war mir überhaupt nicht klar, dass ich unter einer Zahnarzt-Phobie leide».

Unendliches Leid, saftige Rechnung

Nach einem langen Gespräch, der Aufnahme des Befundes und der Röntgenaufnahmen, wurde das Gebiss der Frau im Mai während einer fast sieben Stunden andauernden Operation unter Vollnarkose behandelt, Implantate und ein Provisorium eingesetzt. Bei einem noch ausstehenden Termin soll das Provisorium durch Brücken und weitere Implantate substituiert werden. Zwar ist die Patientin nach dem Eingriff längst nicht angstfrei – trotzdem hat sie gelernt, mit ihrem Problem umzugehen. Für die komplette Sanierung, inklusive Vollnarkose und Zahnersatz bezahlt sie rund 20 000 Franken.

Für Iris von Bischopincks Zahnarzt Michael Leu, der auch in der Schweiz praktiziert, ist das Besiegen der Phobie ein Phänomen, das sich bei seinen Patienten fast immer zeige: «So absurd es klingen mag: Meiner Beobachtung nach sind die meisten Betroffenen nach der Behandlung von ihrer Phobie befreit.» Ängstlich seien sie dann zwar immer noch, doch sie würden dann wieder regelmässig zu einem «normalen» Zahnarzt gehen. Warum das so ist, sei dem Experten zufolge – zumindest in wissenschaftlicher Hinsicht - noch ungeklärt.

Mangelnde Hygiene nicht immer an Zahnproblemen schuld

Dem Mediziner nach müsse der Zahnarzt-Phobie nicht immer ein traumatisches Ereignis während der Zahnbehandlung – zum Beispiel in der Kindheit – vorausgehen: «Das ist eine naheliegende Vermutung, nicht zuletzt wenn man hört, was Patienten bei Zahnärzten so alles erleben», bestätigt er. Häufig sei es vor allem die Scham, die seine Patienten von einem herkömmlichen Besuch beim Zahnarzt abhalte und heftige Symptome bei ihnen auslöse.

Dabei, sagt Leu, sei mangelnde Zahnhygiene nicht immer Grund für den schlechten Zustand eines Gebisses: «Wird ein Zahn – zum Beispiel durch eine Überbelastung durch Fehlstellung – zu stark beansprucht, kann er beschädigt werden und Risse bekommen. Über diese Risse gelangen Bakterien ins Zahninnere.» Die dadurch entstehende Karies würde den Zahn innen aushöhlen, der Zahn könne dann abbrechen, regelrecht zerfallen.

Zahnarzt-Phobiker wie Iris von Bischopinck gibt es auch in der Schweiz viele: Schätzungsweise leiden rund vier Prozent aller Menschen hierzulande unter dieser Erkrankung. Doch längst nicht alle Patienten, die sich trotz der Phobie in eine Praxis trauen, unterziehen sich einer Behandlung unter Vollnarkose. Einige suchen Rat bei einem Psychotherapeuten. Je nach Ausprägung dauert die Therapie mehrere Monate, bis sie Erfolge zeigt. Auch das Zentrum für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (ZZMK) der Universität Zürich arbeitet einem Bericht der «Schweizer Familie» zufolge mit Psychotherapeuten zusammen, die auf Zahnarzt-Phobiker spezialisiert sind.

Mehr zum Thema Zahnarzt-Phobie zeigt die Reportage «Mitten im Leben» am Freitag auf RTL (siehe Info-Box).

Leiden Sie unter grosser Angst vor dem Zahnarzt? Erzählen Sie uns von Ihren Erlebnissen!

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • tom am 30.10.2010 10:29 Report Diesen Beitrag melden

    Finanzieller Ruin

    die 20'000+ muss man erst mal ausgeben können. (in diesem Fall werden es wohl eher 50'000werden, ist ja erst der Anfang ! ) nicht jeder kann sich das leisten.

  • Working Poor am 28.10.2010 17:56 Report Diesen Beitrag melden

    Überleben ist wichtiger...

    ich würde sofort zum "Zahni" gehen ... nur ich vermag es einfach nicht ... also fallen die Kacheln nach und nach aus ... und das ganze schaut aus wie ein abgebranntes Bergdorf...

  • thomas m am 28.10.2010 19:35 Report Diesen Beitrag melden

    der Zahnarzt ist nicht das Problem

    Ich habe auch eine Phobie zwar nicht vor dem Zahnarzt aber vor dessen gigantischen Rechnungen.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Werner K. am 20.02.2017 12:43 Report Diesen Beitrag melden

    Achtung

    ich habe mich von dem arzt dr. leu behandeln lassen. würde ich nie wiedermachen in meinem leben kostet extrem viel und nicht wurde gemacht im gegenteil noch mehr schmerzen und mehr zahnarzt termine Nicht bei dr. leu) der ist absolut unfähig verspricht eim sachen und haltet sich nicht an die eigene regeln einach nur ein krimmineller arzt der auf kosten von schon krankne menschen viel geld macht es gibt auch noch andere zahnärzte die besser als der dr. leu sind vorischt vor dem geldmacher. gerne würde ich ein foto einsenden vor und nach der behandlung abzocker dr. leu

  • Lori am 05.11.2010 17:54 Report Diesen Beitrag melden

    Selberschuld

    Ich verstehes echt nicht.als ehemalige DA kann ich nur sagen dass ich kein Verständniss für solche Leute habe. Wenn man schon angst vom Zahnarzt hat sollte man auch die Zähne besser Putzen und mehr darauf achten. Ich würde mich nur schon unwohlfühlen wenn ich ohne Zähne putzen aus den Haus gehen würde. Aber dies hat mit Pflege und Sauberkeit zutun.Wer verfaulungenim Mund hat(+dies braucht lange zeit bis es soweit ist),ist für mich ein "schmutziger" mensch der nicht auf seine Pflege achtet.ich hab KEIN Verständniss!mal was von RATENZAHLUNG gehört?? kein geld ist nur ne faule ausrede!

  • Marika Szönye am 02.11.2010 12:35 Report Diesen Beitrag melden

    das Geschäft mit den Zähnen

    Zahnärzte sind die grössten Pfuscher und abkassierer. Ich putze meine Zähne mit Zucker und habe keine Karies. Natürlich mit Xylit ! Lest mal aufmerksam folgenden link ! würden wir das alle machen könnten die Zahnärzte dicht machen. Doch das erzählt Euch kein Zahnarzt und wird angehenden Eltern auch nicht beigebracht.

  • tom am 30.10.2010 10:29 Report Diesen Beitrag melden

    Finanzieller Ruin

    die 20'000+ muss man erst mal ausgeben können. (in diesem Fall werden es wohl eher 50'000werden, ist ja erst der Anfang ! ) nicht jeder kann sich das leisten.

  • Fluffy am 29.10.2010 15:07 Report Diesen Beitrag melden

    Beim Personal fängts ja schon an..

    Findet mal einen der wirklich gut ist. Ich bin Jahrelang ungern hingegangen weil die immer mit so einem Unterton mitteilten: Achte mehr auf die Hygiene. (so quasi schäm dich so rumzulaufen!) Und während der Behandlung lästerten die über die anderen Patienten (mit Mundgeruch und so.)statt zu erklären was sie tun. Ich dachte das sei überall so. Solch ein Ambiente widert echt an. Aber bis man wirklich einen guten findet dauerts halt, einige sind zu gestresst und schludern, die anderen haben blödes Personal. Ich bin mittlerweile endlich fündig geworden und kann relaxed hingehen.