Hirnforschung

01. September 2012 20:24; Akt: 01.09.2012 20:24 Print

Psychopathen haben andere Hirne

Britische Neurologen haben die Gehirne von Gewalttätern gescannt und auf strukturelle Anomalien untersucht. Die Wissenschaftler wurden fündig.

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Kaum ein Thriller kommt ohne Psychopathen als Bösewicht aus. Diese Menschen, die eine schwere Persönlichkeitsstörung aufweisen, sind oft auf den ersten Blick charmant, gehen aber skrupellos und gewissenlos vor, um ihre Ziele zu erreichen. Zudem fehlt es ihnen an Empathie und sie kennen kein Gefühl von Schuld und Reue. Herkömmliche Verhaltenstherapien fruchten bei Psychopathen nicht. Jedoch sind nicht alle Psychopathen Gewalttäter, und umgekehrt sind auch nicht alle Gewalttäter Psychopathen.

Schon seit längerem versuchen Neurologen, der Psychopathie im Gehirn auf die Spur zu kommen und deviantes Verhalten im menschlichen Denkorgan zu verorten. Die Forscher analysierten die Hirntätigkeit von psychopathisch veranlagten Personen. Tatsächlich konnten sie nachweisen, dass verschiedene Hirnregionen bei Psychopathie ein Struktur- und/oder Funktionsdefizit aufweisen.

Weniger graue Masse

Die jüngsten Erfolge auf diesem Gebiet können sich britische Wissenschaftler vom psychiatrischen Institut des Londoner King's College an die Brust heften. In einer Studie wiesen sie nach, dass Psychopathen in jenen Bereichen des Hirns, die für das Verständnis von Emotionen anderer Leute zuständig sind, weniger graue Masse haben. Das Team hatte 44 erwachsene männliche Gewaltverbrecher im Magnetresonanztomograpen untersucht.

Studienleiter Nigel Blackwood sagte, aufgrund der Differenzen in den Gehirnen liessen sich psychopathische Kriminelle von gesunden Straffälligen unterscheiden. Es sei sogar möglich, Unterschiede zu anderen gewalttätigen Verbrechern festzustellen, die an einer antisozialen Persönlichkeitsstörung (APS) litten, ohne aber psychopathisch zu sein. Die Fähigkeit, diese beiden Gruppen scharf zu trennen, sei insbesondere deshalb von Belang, weil Personen mit einer APS auf eine Verhaltenstherapie ansprechen könnten. Bei Psychopathen dagegen hätte diese Methode keinen Sinn.

Sollte es tatsächlich möglich werden, Psychopathen aufgrund ihrer Hirnstruktur zweifelsfrei zu identifizieren, so hätte dies auch für die Rechtsprechung unabsehbare Folgen. Schon heute haben Straftäter, die als Psychopathen gelten, kaum Aussichten auf eine vorzeitige Entlassung. Auch bei der Urteilsfindung vor Gericht wirkt sich das Etikett «Psychopath» keineswegs strafmildernd aus.

Der «geborene Verbrecher»?

Wenn Wissenschaftler komplexe Verhaltensformen auf eine physische Grundlage zurückführen, ist aber Vorsicht angebracht. Man erinnere sich beispielsweise an den italienischen Arzt Cesare Lombroso (1835 - 1909), der die forensische Phrenologie begründete. Die Phrenologie versucht, geistige Eigenschaften klar abgegrenzten Hirnarealen zuzuordnen und unterstellt dabei einen Zusammenhang zwischen Schädelform und Charakter. Die aus dieser Pseudowissenschaft hervorgegangene Kraniometrie (Schädelvermessung) wurde später zur Paradedisziplin von Rassisten.

Lombrosos Werk, das den «geborenen Verbrecher» postulierte, steht in einer fragwürdigen kriminologischen Tradition, in der Verdächtigungen und Vorverurteilungen aufgrund von biologischen Merkmalen vorgenommen wurden. Die eugenischen Massnahmen wie Zwangssterilisierungen, wie sie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vor allem – aber nicht nur – von den Nazis vorgenommen wurden, bauten auf Lombrosos Thesen auf. Die Zuordnung von Verhaltensweisen auf strukturelle Hirnanomalien sollte daher mit gebührender Vorsicht erfolgen.

(dhr)