Brutale Arbeitsbedingungen

29. November 2016 12:47; Akt: 29.11.2016 12:47 Print

Mysteriöse Krankheit tötet Zehntausende Feldarbeiter

Die Männer sind jung und kräftig. Dann versagen ihre Nieren. Bisher starben mehr Menschen daran als an Leukämie, Diabetes und Aids zusammen.

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Im nicaraguanischen Ort Chichigalpa sind trauernde Menschen ein gängiges Bild: Seit rund zehn Jahren rafft dort eine mysteriöse Nierenkrankheit die Menschen dahin. Zehntausende Menschenleben hat das Leiden schon gefordert: Die Niereninsuffizienz ist dort für 46 Prozent aller Todesfälle bei Männern verantwortlich. Diejenigen, die mit dem Leben davongekommen sind, bleiben schwer krank und arbeitsunfähig. Sie bezeichnen sich selbst als wandelnde Tote. Auffällig ist, dass fast alle Betroffenen auf den Zuckerrohrfeldern in der Region gearbeitet haben. Forscher gehen davon aus, dass die auf den Feldern verwendeten Pestizide für die Krankheit verantwortlich sind. Aber auch die harten Arbeitsbedingungen kommen als Ursache in Frage. Die Männer schneiden oft zwölf Stunden lang bei bis zu 40 Grad Celsius das Zuckerrohr. Auf den Feldern gibt es kaum Schatten und nur wenig zu trinken. Obwohl eine - von der Zuckerindustrie in Auftrag gegebene - Studie das nicht bestätigen konnte, liegt der Verdacht auf der Hand. Denn auf Kuba beispielsweise, wo Zuckerrohr vor allem maschinell geerntet wird, ist die Krankheit noch nicht aufgetaucht. In Chichigalpa leben fast alle Familien von der Zuckerproduktion. Der grösste Zuckerhersteller der Region, Ingenio San Antonio, und der Rumhersteller Flor de Caña gehören der reichen Familie Pellas. Entschädigungen will das Unternehmer den Arbeitern nicht zahlen, weiterbeschäftigt werden die erkrankten Männer aber auch nicht. Dagegen gehen die Betroffenen und ihre Angehörigen auf die Strasse. Bei Protesten von ehemaligen Arbeitern marschiert die Polizei auf. «Die Regierung will nicht, dass bekannt wird, dass die Leute hier sterben wie die Fliegen», sagt ein ehemaliger Arbeiter. Firmenchef Carlos Pellas steht dem immer autoritärer herrschenden Präsidenten Daniel Ortega nahe. In Chichigalpa zerstört die Krankheit das soziale Gefüge. Weil die meisten Männer krank sind, können sie nicht mehr für ihre Familien sorgen. Das Dorf La Isla wird im Volksmund nur die «Insel der Witwen» genannt. Doch auch sie dürften bald zu den Kranken zählen: Weil ihre Männer verstorben sind oder für die Feldarbeit nicht mehr kräftig genug sind, müssen nun sie auf den Zuckerrohrfeldern arbeiten.

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In Industrieländern leiden vor allem alte Menschen an Nierenunterfunktion. Auslöser sind Übergewicht, Diabetes und Bluthochdruck. In Mittelamerika sind es junge Männer. Fast alle haben auf den Zuckerrohrfeldern gearbeitet.

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In Chichigalpa in Nicaragua war die Unterfunktion der Nieren in den vergangenen zehn Jahren für 46 Prozent aller Todesfälle bei Männern verantwortlich.

«Noch ist nicht ganz klar, was die Krankheit auslöst, aber es hat auf jeden Fall mit der Arbeit auf den Feldern zu tun», sagt Ex-Zuckerrohrschneider Juan Salgado. Er selbst war 36 Jahre lang aktiv und ist nun Präsident der Stiftung La Isla, die kranke Arbeiter unterstützt und die Forschung über die Ursachen vorantreibt.

Wissenschaft ratlos

«Wir haben es mit einem Notstand im öffentlichen Gesundheitswesen zu tun, aber wir wissen noch nicht, was los ist», sagt Rebecca Laws von der Universität Boston. Auch ihre Studie fand keine klaren Gründe. Die meisten Forscher glaubten an mehrere Ursachen und dass sie etwas mit der Arbeit zu tun hätten. Ursachen könnten Pestizide und die Arbeitsbedingungen sein.

Die Männer schneiden oft zwölf Stunden lang bei bis zu 40 Grad Celsius das Zuckerrohr. Auf den Feldern gibt es kaum Schatten und nur wenig zu trinken. Auf Kuba beispielsweise, wo Zuckerrohr vor allem maschinell geerntet wird, ist die Krankheit noch nicht aufgetaucht.

Sind Chemikalien schuld?

Auch in El Salvador grassiert die Krankheit. Seit rund 15 Jahren beobachtet Ricardo Leiva steigende Patientenzahlen. «Wenn sie zu uns ins Spital kommen, können wir oft nicht mehr viel tun», sagt der Nierenspezialist des Rosales-Spitals.

Eine von der Zuckerindustrie in Auftrag gegebene Studie kam 2010 zu dem Schluss, dass es keinen wissenschaftlichen Beweis gebe, dass die Chemikalien und Arbeitsbedingungen die Niereninsuffizienz auslösen. Der Zusammenhang sei zwar plausibel, aber nicht bewiesen. Dazu brauche es weitere Untersuchungen.

«Sie sterben wie die Fliegen»

Roberto Valdivia fordert Unterstützung von seinem früheren Arbeitgeber oder der Regierung. Der 35-Jährige muss häufig erbrechen, hat Schmerzen in den Gliedern und Gelenken, harte körperliche Arbeit kann er nicht mehr verrichten.

Wie er leben in Chichigalpa fast alle Familien von der Zuckerproduktion. Der grösste Produzent der Region, Ingenio San Antonio, und der Rumhersteller Flor de Caña gehören der Familie Pellas. Entschädigungen will das Unternehmer den Arbeitern nicht zahlen, weiterbeschäftigt werden die Kranken aber auch nicht.

Bei Protesten von ehemaligen Arbeitern marschiert die Polizei auf. «Die Regierung will nicht, dass bekannt wird, dass die Leute hier sterben wie die Fliegen», so Valdivia. Firmenchef Carlos Pellas steht dem immer autoritärer herrschenden Präsidenten Daniel Ortega nahe.

Insel der Witwen

In Chichigalpa zerstört die Krankheit das soziale Gefüge. Weil die meisten Männer krank sind, können sie nicht mehr für ihre Familien sorgen. La Isla – das Dorf, das der Stiftung ihren Namen gab – wird im Volksmund nur die «Insel der Witwen» genannt.

«Viele Kranke wollen lieber sterben, als ihren Familien zur Last zu fallen», sagt Maria Eugenia Cantillano, deren Vater an Niereninsuffizienz starb. Die hohen Medikamentenkosten treiben die Familien in den Ruin, für die teure Dialyse in der Hauptstadt Managua haben die meisten kein Geld.

«Jetzt arbeiten schon Frauen auf den Zuckerrohrfeldern, um ihre Familien durchzubringen», sagt Cantillano. Auch sie werden krank. Chichigalpa wird langsam entvölkert.

(fee/sda)