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Rien ne va plus
01. November 2012 10:37; Akt: 01.11.2012 12:09 Print
«Spielsucht ist ein 24-Stunden-Job»
von D. Wild - Alles beginnt in einer Imbissbude. Thomas Becker* wirft erstmals eine Münze in einen Spielautomaten. Dann verliert er die Kontrolle, drei Freundinnen und sehr viel Geld. Er warnt vor dem neuen Zürcher Casino.

Die Sucht habe bereits mit dem ersten Spielautomaten ihren Anfang genommen, sagt Thomas Becker* heute. Jahrelang war er ein exzessiver Spieler. Bis er sich in den Schweizer Casinos selbst sperren liess.
Geld, Glück, Glamour: Der Gang ins Casino ist das Eintauchen in eine flimmernde Scheinwelt. Im Casino gibts keine Uhren und selten Fenster, das Geld ist aus Plastik und Glück kommt aus dem Automaten. Seit gestern Abend findet man dieses Glück auch in Zürich. An der Sihlporte eröffnete das grösste Casino der Schweiz. Hier werden Tausende um den Jackpot spielen.
Ines Bodmer ist Psychotherapeutin. Sie behandelt Spielsüchtige, darunter auch Thomas Becker.
Frau Bodmer, Sie therapieren problematische und pathologische Spieler. Inwiefern unterscheidet sich diese Sucht von anderen?
Das Spezielle an der Glücksspielsucht sind die Zwischengewinne. Die Sucht ist kein kontinuierlicher Abstieg, sondern immer wieder geprägt von der Verlockung und Hoffnung eines Gewinns. Gewinne werden dann natürlich gleich wieder investiert – es sind unrealisierte Profite.
Was ist für Betroffene das Schwierigste an der Sucht?
Die Spielsucht ist eine nicht stoffgebundene Sucht – keine Substanz kann verantwortlich gemacht werden. Süchtige schämen sich deshalb oft enorm, ziehen sich zurück, bleiben mit ihrer Sucht allein. Die Verantwortung bleibt an der Person hängen. Die Reaktion ist oft: Hör doch einfach damit auf. Das sagen sich auch die Spieler. Das gesellschaftliche Verständnis ist eindeutig kleiner als bei anderen Süchten.
Was bewirkt die Eröffnung des Casino Zürich?
Wir erwarten nicht den grossen Ansturm, weil jetzt ein neues Casino eröffnet wird. Die Casinodichte ist ja schon jetzt sehr hoch, abgesehen davon, dass mit dem Internet heute jeder ein Casino zuhause hat. Aber klar, es wird den Probierkonsum geben und der eine oder andere wird da vielleicht hängen bleiben und ein problematisches Verhalten entwickeln.
Was können Süchtige tun?
Sich von den Schweizer Offline-Casinos fernzuhalten ist mit einer Spielsperre verhältnismässig leicht und radikal zu bewerkstelligen. Aber es gibt viele Ausweichmöglichkeiten, sodass es sinnvoll ist, sich beraten zu lassen. Als Präventions- und Behandlungsstelle sind wir für Betroffene und Angehörige da.
Weitere Informationen finden Sie hier.
Allerdings sind Spielerfolge meist nur von kurzer Dauer – die Gier danach aber kann ein Leben lang dauern. Gemäss Zahlen der Eidgenössischen Spielbankenkommission gelten in der Schweiz rund
«Irgendwann ging ich allein, nach Feierabend, am Mittag»
«Wir waren 16, eine Gruppe von Jungs unterwegs. Wir gingen in einen Imbiss, da sah ich zum ersten Mal einen Spielautomaten. Ich schmiss mehrmals einige Münzen rein – das wars eigentlich schon. Aber dann hat alles angefangen. Als wir 18 wurden, gingen wir öfters in die Spielhallen. Ich spielte immer mehr, ging irgendwann nur noch allein, nach Feierabend, über Mittag – ich setzte mir keine Grenzen.»
Die geldschluckenden Automaten liessen Becker nicht mehr los. «Es ist das Geflimmer, die Musik, all die Spielsorten – das faszinierte mich schon immer.» Er floh vor dem Alltag in die Spielwelt. «Ich dachte, wenn ich mal viel verdiene, habe ich weniger Probleme und spiele weniger. Aber das ist natürlich Schwachsinn. Die Einsätze werden einfach höher.» Doch ums Geld sei es irgendwann ohnehin nicht mehr gegangen, nur noch ums Spielen.
Keiner weiss, dass Thomas Becker süchtig ist
Bald hatte er
Noch immer weiss niemand in Beckers Umfeld, dass er spielsüchtig ist. «Es ist schwierig. Ich weiss nicht, wie andere darauf reagieren würden. Bis jetzt habe ich nur negative Erfahrungen gemacht.» Das Tückische: Einem Spielsüchtigen sieht man die Sucht nicht an. «Manchmal wäre ich froh gewesen, andere hätten mir mein Problem angesehen. Dann hätte mir vielleicht jemand Hilfe angeboten.»
«Casino-Betreiber überprüfen oft nur alibimässig»
Von den Casinos sieht sich Becker im Stich gelassen. «Die verdienen an dir, es ist denen egal, ob du dir das Spielen leisten kannst oder nicht. Ich kenne viele Spieler – niemand wurde von einem Casino gesperrt, alle liessen sich selbst sperren.» Der Eröffnung eines Casinos in Zürich steht er denn auch kritisch gegenüber. Sie sei unnötig und gefährlich. «Das wird zu mehr Problemen führen.» Becker weiss, wovon er spricht. «Auch ich habe Lust, ins Casino zu gehen, zu schauen, wie es da aussieht. Aber ich kenne die grausame Seite des Spiels.»
Der Ex-Spielsüchtige Thomas Kaiser will gegen die Casinos in der Schweiz vorgehen. Ab Ende November will er auf einer Homepage ruinierten Leidensgenossen dabei helfen, Klage gegen Casinos zu erheben. Denn auch für Kaiser ist klar: «Casino-Betreiber überprüfen oft nur alibimässig, ob Besucher mit Einsätzen spielen, die sie sich leisten können.» Sie würden die Sorgfaltspflicht verletzen und bewusst in Kauf nehmen, dass sich jemand in den Ruin spiele.
Manchmal fährt er nach Deutschland in eine Spielhalle
Dem entgegnen die Casino-Betreiber: «Die strikten Vorkehrungen der Schweizer Casinos zum Sozialschutz haben internationalen Vorbildcharakter. Wir setzen alles daran, Menschen mit Spielsucht frühzeitig zu erkennen, auf Therapiemöglichkeiten hinzuweisen und vom Spiel zu sperren», sagt Martin Vogel von der Gruppe Swiss Casinos, zu der auch das Casino Zürich geht.
Thomas Becker musste die Entscheidung, ob er weiterhin ins Casino soll oder nicht, selbst treffen – indem er sich sperren liess. Trotzdem: Die Bremse habe er zu spät gezogen, zu lange war er ein exzessiver Spieler gewesen. Seinen Schuldenberg konnte er mittlerweile auf
*Name geändert

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