Amok an US-Schule

16. Dezember 2012 18:51; Akt: 17.12.2012 08:59 Print

«Täter muss riesige Probleme gehabt haben»

von M. Gröbli - Amokschütze Adam Lanza litt offenbar unter dem Asperger-Syndrom. Gerichtspsychiater Josef Sachs zu dieser Autismus-Form und möglichen Gründen für das Massaker.

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Die britische «Sun» berichtet am Dienstag, 18. Dezember 2012, über den fensterlosen, bunkerähnlichen Raum, in dem Adam Lanza im Haus seiner Mutter gelebt hat. Der Täter auf einem undatierten Bild aus einem Jahrbuch der Sandy-Hook-Grundschule in Newtown, Connecticut. Ryan Kraft war vor rund zehn Jahren der Babysitter von Adam Lanza. Dessen Mutter Nancy Lanza hatte den damals 14- oder 15-Jährigen vor ihrem Sohn gewarnt: «Kehre ihm bloss nie den Rücken zu.» Dieses Bild von Adam Lanza wurde von den Strafverfolgungsbehörden veröffentlicht und von NBC News verbreitet. US-Präsident Barack Obama spricht am 16. Dezember 2012 an einer Gedenkfeier für die Opfer der Sandy-Hook-Schule den Trauernden sein Beileid aus. In seiner Rede zeigt er sich auch selbstkritisch: Die USA hätten ihre Kinder nicht ausreichend geschützt und das müsste sich nun ändern, erklärte Obama. Vor seiner Rede hat Obama die Angehörigen der 26 Todesopfer (insgesamt 27, Adam Lanzas Mutter eingerechnet) getroffen und lange mit ihnen gesprochen. Es herrscht eine bedrückende Stimmung im Saal, die Trauer um die 27 Opfer ist allgegenwärtig. Überall versuchen sich die Menschen gegenseitig Trost zu spenden. Die US-Flagge vor der Sandy-Hook-Grundschule weht wie alle Flaggen im Land auf Halbmast. Die Einwohner von Newtown warten auf den Präsidenten. Alle wollen bei der Gedenkfeier dabei sein. Decken vom Roten Kreuz helfen gegen das nasskalte Wetter. Tagelang wird in Newtown um die Opfer des Amoklaufs getrauert. Die Betroffenheit ist grenzenlos. Die Mutter des Täters, Nancy Lanza, war das erste Opfer. Sie soll eine Waffennärrin gewesen sein. Waffen waren ihr Hobby, sagte ein Bekannter. Das Bild ist zur Ikone des Dramas geworden und auf zahlreichen Zeitungs- und Onlinefronten auf der ganzen Welt erschienen. Es zeigt Jillian Soto, die per Telefon über den Tod ihrer Schwester Victoria Soto informiert wird. Die 27-jährige Victoria Soto war Lehrerin an der Sandy Hook-Grundschule. Sie hat sich heldenhaft zwischen den Täter und ihre Schüler gestellt. Sie starb im Kugelhagel. Der Amokläufer Adam Lanza mit Kameraden aus dem Techclub, einer Vereinigung technikinteressierter Schüler. Das Foto stammt aus einem Jahrbuch der Newtown Highschool. Der 20-Jährige erschoss am 14. Dezember 2012 erst seine Mutter zu Hause und danach in der Schule 20 Kinder und 6 Erwachsene. Danach tötete er sich selbst. An Mahnwachen gedenken schockierte Amerikaner der Opfer, wie hier am New Yorker Times Square. Die Kirche Saint Rose of Lima in Newtown kann nicht alle Teilnehmer einer Mahnwache fassen, einige Trauernde müssen draussen bleiben. In Hoboken, New Jersey, berichten Reporter von einem zweiten Tatort. In Hoboken lebt der ältere Bruder des Täters, der erst selbst als Todesschütze bezeichnet worden war. Ryan Lanza wurde von der Polizei zur Befragung abgeführt. US-Präsident Barack Obama wandte sich noch am selben Tag aus dem Weissen Haus an die Angehörigen der Opfer. Der Präsident, der selber zwei Töchter hat, musste sich immer wieder eine Träne aus dem Auge wischen, als er sagte: «Unsere Herzen sind gebrochen.» Dannel P. Malloy (r.), der Gouverneur von Connecticut, besucht den Tatort. In der Sandy-Hook-Grundschule in Newtown, US-Stadt Connecticut, hat am 14. Dezember 2012 ein bewaffneter Mann das Feuer auf Schüler und Lehrer eröffnet Newtown ist eine Stadt im US-Bundesstaat Connecticut. Sie liegt rund 125 Kilometer nordöstlich von New York. Die Zahl der Toten war lange Zeit unklar. In ersten Meldungen hiess es noch, ein Mensch sei ums Leben gekommen. Erst viel später wurde das eigentliche Ausmass der Katastrophe bekannt. Laut CNN wurde die Leiche des Täters auf dem Schulgelände entdeckt. Der Mann soll gegen 9.40 Uhr die Schule betreten haben - eine halbe Stunde nach Schulbeginn. In den Aufzeichnungen des Notrufs hat ein Augenzeuge berichtet, dass sich der Schütze zusammen mit Kindern in einem Schulzimmer eingeschlossen habe. Er soll mit zwei bis vier Waffen bewaffnet gewesen sein. Polizeibeamte führen die Kinder weg vom Schulgelände. Ein Polizist rennt mit zwei Frauen und einem Mädchen weg von der Schule. Die Polizei hat eine Besammlungsstelle eingerichtet, wo Eltern und Kinder zusammengeführt werden. Eine Luftaufnahme von der Sandy Hook Elementary School in Newtown. Besorgte Eltern sprechen mit Polizeibeamten. Die Polizei ist mit einem Grossaufgebot vor Ort. Auch die Umgebung der Schule wird überwacht. Die Beamten sperren alles ab, was noch genauer untersucht werden muss- etwa dieses parkierte Auto. Die Kinder stehen unter Schock, sie warten auf ihre Eltern. Glücklich diejenigen, die ihre Kinder in die Arme schliessen können.

Der Amoklauf an einer Grundschule in Newtown.

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Herr Sachs, was treibt einen Menschen zu einem solch schrecklichen Amoklauf?
Josef Sachs:
Das ist beim gegenwärtigen Wissensstand schwer zu beantworten. Der Täter muss gewaltige Probleme gehabt haben.

Lanza litt unter dem Asperger-Syndrom. Ein möglicher Grund für die Tat?
Diese Störung allein erklärt diese Taten nicht. Aus ihr allein lässt sich auch keine Schuldunfähigkeit ableiten. Menschen mit Asperger-Syndrom haben zwar eine kleinere Stresstoleranz als andere, sind aber sehr selten gewalttätig. Es handelt sich dabei um eine mildere Form des Autismus. Jugendliche mit psychischen Problemen haben eine schwere Entwicklungsstörung, die sich auf das soziale Verhalten auswirkt. Sie sind einzelgängerisch, isoliert und wirken verschroben, sind jedoch nicht invalid und sind in den Arbeits- oder Schulalltag integriert.

Der Amokläufer tötete auch seine Mutter. Welche Rolle könnte die Beziehung zu seinen Eltern gespielt haben?
Die Eltern des Täters waren ja seit einigen Jahren geschieden, er dürfte mehr auf seine Mutter fixiert gewesen sein. Grundsätzlich ist zu sagen, dass Menschen mit dem Asperger-Syndrom eine stärkere Bindung an die Eltern haben und länger brauchen, um sich abzulösen. Da können gewaltige Konflikte entstehen.

Sehen Sie Parallelen zum Fall Breivik?
Mit dem Fall Breivik lässt sich die Tat nicht direkt vergleichen. Bei Breivik spielte seine gesellschaftspolitische Ideologie eine entscheidende Rolle. Ausserdem hat er die Tat sehr viel länger und minutiöser vorbereitet.

Amokläufe an US-Schulen häufen sich. Wie ist das zu erklären?
Einerseits ist in den USA die Verfügbarkeit von Waffen grösser als anderswo. Andererseits könnte auch das Schulsystem eine Rolle spielen. Die Einbindung in einen Klassenverband ist gering, was Schülern mit sozialen Problemen zusätzlich Mühe bereitet. Aber auch bei uns zeigt sich der grössere Druck aus der Gesellschaft – 30 bis 50 Prozent der Schüler benötigen zusätzliche Förderungen. Ganz allgemein haben Menschen mit Eigenheiten immer weniger Platz in der Gesellschaft, sie finden weniger soziale Nischen. Der Normierungs- und Leistungsdruck wird immer stärker und treibt manche noch mehr in die Isolation.

Sind nach diesem jüngsten Massaker Nachahmer-Taten zu befürchten?
Es wird möglicherweise Leute geben, die die Verunsicherung ausnützen wollen. Sie könnten Drohungen ausstossen und Panik auslösen, um damit irgendetwas zum persönlichen Vorteil oder Aufmerksamkeit zu erreichen.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Peter Keller am 17.12.2012 08:57 Report Diesen Beitrag melden

    Nebenwikrung Amoklauf

    Wieso bloss wird nach einem Amoklauf NIE die Medikamentierung in den Medien thematisiert? Weil die Pharmalobby noch viel mehr Macht als die Waffenlobby innehat.

  • Peter Silie am 16.12.2012 23:31 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Er hatte gewaltige Probleme?!

    Warum habe ich nur das dumpfe Gefühl dass ich selbst ohne Uni-Abschluss auf das selbe Resultat gekommen bin... Ich meine, da steht kaum einer auf am morgen, streckt sich und sagt sich: Oh heute ist ein guter Tag um 28 Leute und mich selbst umzubringen...

  • Sven E. am 17.12.2012 07:15 Report Diesen Beitrag melden

    Soso, der Täter soll also Probleme

    gehabt haben.... Danke für die Info. Was täten wir bloss ohne all die Experten.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Georges Dubi am 17.12.2012 10:31 Report Diesen Beitrag melden

    Probleme

    Der Täter muss gewaltige Probleme gehabt haben, sagt Josef Sachs. Das ist eine sehr scharfisinnige Einschätzung. Glücklicherweise wurde ich nun aufgeklärt. Ich habe gedacht, dass so etwas nur jemand tun kann, der glücklich ist und keine Probleme hat. Manchmal wäre nichts mehr!

  • Kariokel Kariokel am 17.12.2012 10:02 Report Diesen Beitrag melden

    ein Kind wird nicht so gebohren es wird so gemacht

    dass war warscheinglich erst der Anfang aller Tragödien und wird nur noch schlimmer. daran Schuld ist alleine die ganze Gesellschaft, und das System.... ein Kind wird nicht so gebohren es wird so gemacht... Und diese Kaltblütigkeit auf Menschen jeden Alters zu schiessen ist kein Mensch mehr.. ist Maschine ohne Gefühle.. ist dass was das Leben spiegelt..!! Depressionen werden belächelt, Krankheiten nicht ernst genommen.. Mensch werden alleine gelassen, die Liebe oft mit Füssen getretten...Grundwerte des Lebens sind schon lange vergessen, jeder schaut nur noch für sich... das ist die Tragödie

  • Asperger am 17.12.2012 09:13 Report Diesen Beitrag melden

    Nicht Invalid???????????????

    "Sie sind einzelgängerisch, isoliert und wirken verschroben, sind jedoch nicht invalid und sind in den Arbeits- oder Schulalltag integriert." Währen die Asperger intergriert hätte es diesen Amoklauf nicht gegeben. Wahrscheindlich arbeitet Hr.Sachs auch no für die IV, dies würde seine Ignoranz begründen. Sollte die Gesellschaft weiter so mit kranken umgehen, wird dies unter garantie nicht der letzte Amoklauf gewesen sein, was ich als Asperger nachvollziehen kann!!

  • Peach am 17.12.2012 09:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Dieser Artikel ist nutzlos

    Solche Kommentare von "Experten" zu einem Zeitpunkt, wo nicht einmal die Ermittler in den USA alle Fakten kennen, sind höchst fragwürdig und meiner Meinung nach sehr verantwortungslos. Keine Ahnung, warum es "Experten" gibt, die solche Täter und Taten ohne Kenntnis der entsprechenden Fakten beurteilen!

  • Peter Keller am 17.12.2012 08:57 Report Diesen Beitrag melden

    Nebenwikrung Amoklauf

    Wieso bloss wird nach einem Amoklauf NIE die Medikamentierung in den Medien thematisiert? Weil die Pharmalobby noch viel mehr Macht als die Waffenlobby innehat.