Biofeedback-Selbstversuch

25. Juni 2010 15:05; Akt: 28.06.2010 12:02 Print

«Gehirndoping» per Elektrode?

von Runa Reinecke - Bislang nur bei Kindern mit ADHS eingesetzt, steigern jetzt auch Manager oder Profisportler wie Simon Ammann ihre mentale Leistungsfähigkeit mit Biofeedback. 20 Minuten Online hat das Verfahren getestet.

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Grossraumbüro, hektisches Treiben: Die Zeit läuft - in nur einer Stunde soll mein Artikel fertig sein, sollte - denn noch ist das digitale Dokument auf meinem Bildschirm leer: kreative Ladehemmungen, Ideenstau, Denkblockade - wer kennt das nicht? Irgendwie mag nichts so richtig gelingen - die Gedanken heften sich praktisch automatisch an alles, was sich im Radius von drei Metern um mich herum bewegt – ich bin überall, nur nicht bei der Sache und das leider nicht nur heute.

Jetzt könnte ich es den Studenten gleichtun, die durch das gezielte Einwerfen eines Ritalins zum Denkroboter mutieren. Doch nicht nur die Rezeptpflicht hindert mich daran, das Medikament auszuprobieren: Die Wahrscheinlichkeit, dass sich Nebenwirkungen nach der Einnahme des vermeintlichen Wundermittels bemerkbar machen, belehren mich eines Besseren: Herzrhythmusstörungen, Nervosität, Abhängigkeit, Schlafstörungen - nein danke!

Gehirntraining statt Ritalin

Abfinden mag ich mich mit diesem Zustand trotzdem nicht - also verfolge ich den entscheidenden Tipp einer Bekannten: «Versuchs doch mal mit Bio- oder Neurofeedback», rät sie mir. Gehört hatte ich zuvor schon von diesem von Neuropsychologen entwickelten Gehirntraining, das besonders bei Kindern mit Aufmerksamkeitsdefizit die Konzentrationsfähigkeit steigert - angeblich. Mit der auf esoterischem Gedankengut basierenden Bioresonanz hat Biofeedback ebenso wenig zu tun wie mit Gehirnjogging.
Letzteres verspricht einer aktuellen Studie nach ohnehin mehr, als es hält. Trotzdem bin ich als eher pragmatisch denkender Mensch skeptisch. Deshalb informiere ich mich zunächst eingehend über diese Behandlungsmöglichkeit und werde wenige Tage später bei Jakob Scherrer vorstellig, einem Zürcher Psychologen und ausgewiesenen und gut ausgebildeten Biofeedback- beziehungsweise Neurofeedback-Experten vom Zentrum für Psychotherapie in Zürich. In den vergangenen Jahren, so erzählt mir der sympathische und erfahrene Spezialist während unseres ersten Gesprächs, habe sich das Training auch bei vielen Erwachsenen mit Konzentrationsstörungen bewährt. Zu ihm kommen Menschen mit unterschiedlichsten Beschwerden im Alter von neun bis 70, vom Schüler bis hin zum Manager.

Neurofeedback, Biofeedback …was denn nun?

Biofeedback, Neurofeedback – wo liegt denn da der Unterschied, möchte ich von Scherrer wissen. Neurofeedback, so wird mir erklärt, ist ein Teilbereich des Biofeedbacks (siehe Info-Box). Der Spezialist gerät ins Schwärmen: «Das Biofeedback bietet dem Psychologen eine zusätzliche Behandlungsmöglichkeit, denn es geht über die gängige Therapieform des Gesprächs hinaus. Auf diese Weise lässt sich effektiver mit dem Nervensystem arbeiten – das ist faszinierend.»

Es funktioniert – aber nicht bei jedem

Trotzdem weist der Experte auf die Grenzen des Verfahrens hin: Nicht bei jedem funktioniert Bio- beziehungsweise Neurofeedback. Aus diesem Grund seien Heilsversprechen vor einer Therapie unseriös. Trotz aller positiven Aspekte und Fortschritte: die empirische Biofeedback-Forschung stecke in der Schweiz – so erklärt mir der Fachmann – immer noch in den Kinderschuhen. Allgemein seien die mittels Studien gesammelten Informationen weitaus dürftiger als die durch die Praxis erlangten Erkenntnisse (siehe Info-Box).

Ich lausche interessiert und erzähle dann von meinen kognitiven Ladehemmungen und der zunehmenden Ablenkbarkeit. Nach unserem Eingangsgespräch absolviere ich zwei Papier-und Bleistifttests - beide sollen sozusagen den «Ist-Wert» meiner Konzentrationsfähigkeit feststellen. Während des ersten Tests muss ich in möglichst kurzer Zeit auf besondere Weise gekennzeichnete Buchstaben durchstreichen, beim anderen Test läuft die Stoppuhr gegen mich, während ich mich bemühe, möglichst schnell unsortiert angeordnete Zahlen chronologisch auf einem Blatt Papier mit Bleistiftstrichen zu verbinden. «Drei, zwei, eins ..uuuuund stopp!». Die Zeit ist um. Die Auswertung beider Tests bestätigten, was mir zu schaffen macht: Meine Konzentrationsfähigkeit ist - zumindest diesen Auswertungen zufolge – im Keller. Ich verziehe das Gesicht, der Psychologe beschwichtigt: «Durch das Ergebnis lassen sich keinerlei Rückschlüsse auf die Intelligenz ziehen.»

Endlich: meine erste Neurofeedback-Trainingseinheit

Gespannt nehme ich auf einem bequemen Ledersessel Platz, auf dessen Rückseite bunte Kabel herunterbaumeln. Vor mir befindet sich eine Leinwand, auf die ein Beamer, der an einen Computer angeschlossen ist, für mich undefinierbare Diagramme und Messdaten projiziert. Was sich aus diesen Kurven und Graphen wohl interpretieren lässt? Zum Glück sind wir vom Gedankenlesen durch Hirnstrommessungen noch meilenweit entfernt ...

Damit Scherrer weiss, wo er später die für die Neurofeedback-Messungen nötigen Elektroden ansetzen muss, misst er zunächst meinen Schädel ab und zeichnet danach zwei Markierungen auf die Kopfhaut. Diese zuvor gekennzeichneten Punkte befreit er mit Wattestäbchen und Rubbelcreme von Fettrückständen und Hautschüppchen, damit die Elektroden später die Hirnströme besser ableiten. Nun werden mir mit einer vaselineartigen Kontaktcreme zwei Elektroden auf die beiden angezeichneten Stellen geheftet. Eine weitere Elektrode klemmt an meinem Ohrläppchen. Das Ohrläppchen, so erklärt mir der Psychologe, sei ein «garantiert gehirnneutraler Punkt», die hier angesetzte Elektrode würde helfen, die Messungen zu stabilisieren.

Über eine geringe Batteriespannung werden Aktivitäten meiner Gehirnwellen wie bei einem EEG (Elektroenzephalogramm) gemessen. Einige dieser sogenannten Frequenzbänder sollen trainiert, andere mit störendem Einfluss gedrosselt werden. Auf der Leinwand vor mir erscheint jetzt eine dreidimensionale Grafik, die an ein steiles Gebirgsmassiv erinnert. Sie gibt die gemessenen Hirnwellenmuster wieder. Dann wechselt das Bild.

Bevor ich mit dem eigentlichen Neurofeedback-Training starte, heisst es entspannen. Jahrelanges Yoga und Meditation zeigen nach wenigen Sekunden Wirkung. Mit dem Entspannen auf Knopfdruck klappt es schon ganz gut. Damit ich auch mit geschlossenen Augen bemerke, ob ich mich auch tatsächlich in einem tranceähnlichen Zustand, dem sogenannten Alphazustand, befinde, meldet der mit den Elektroden am Kopf verbundene Computer während einer gut verlaufenden Trainingsphase ein Tonsignal zurück. So lerne ich sukzessiv, mich noch schneller und noch tiefer zu entspannen. Nur so lassen sich beim darauffolgenden Training gute Werte erzielen.

Höchste Konzentration bei der Segelboot-Regatta

Nach wenigen Minuten des Abdriftens gehts dann an die eigentliche Arbeit – das Neurofeedback-Training. Mit Hilfe einer Animation werde ich auf spielerische Art lernen, meine Gehirnzellen auf Leistung zu programmieren. Wieder wechselt das Bild: Auf der Leinwand erscheinen drei untereinander angeordnete Segelboote, jedes in einer anderen Farbe: das obere ist pink, das Boot in der Mitte gelb, das untere blau. Scherrer erklärt mir, dass das pinkfarbene meine Schläfrigkeit, das Blaue meine Muskelanspannung wiedergibt – beide Werte gilt es während des Trainings möglichst tief zu halten. Das Gelbe in der Mitte – so erfahre ich – gibt Auskunft über die Aktivität der Gehirnwellen, die meine Konzentrationsfähigkeit ausmachen. Nur wenn es mir gelingt, die Aktivität dieser Frequenzbänder zu steigern und gleichzeitig Negativfaktoren wie Muskelanspannung und Schläfrigkeit möglichst gering zu halten, bewegt sich das gelbe Boot vorwärts. Leichter gesagt als getan: Denn was ich genau tun muss, um meine offenbar nicht optimal auf Konzentrationsfähigkeit ausgerichteten Gehirnströme zu aktivieren und damit mein kleines Segelboot auf Kurs zu bringen, muss ich noch herausfinden. Dass das Herangehen an einen zunächst völlig unterbewusst ablaufenden Geisteszustand alles andere als einfach ist, wird mir sofort bewusst.

Ich konzentriere mich auf das gelbe Boot, «los, beweg dich», denke ich, es geht voran – wenn auch nur schleppend – dann stockt es wieder. Dieser ominöse Trainingszustand, in dem ich mich hineinversetzen soll, lässt sich kaum beschreiben. Einen Plan oder eine Anleitung gibt es nicht – das macht die Funktionsweise des Neurofeedbacks so abstrakt. Und so versuche ich an irgendetwas Kompliziertes zu denken, während das «Team» Muskelanspannung bei der virtuellen Grips-Regatta auf nahezu gleicher Höhe hart am Wind mitsegelt. Endlich, nach wenigen Minuten trudelt mein gelbes Böötli im Ziel ein – eine Fanfare ertönt – ich bin erleichtert und darf wieder in den entspannenden Alphazustand abtauchen. Danach wieder eine Konzentrationsphase mit den Segeltörn-Animationen, dann wieder Entspannung. Nach jeder Runde zeigt mir der Experte ein Verlaufsdiagramm meiner Trainingseinheiten. Am Ende der Stunde entfernt er die Elektroden und die am Haaransatz klebende Kontaktcreme mit Alkohol: die Frisur ist hin – hoffentlich sieht es im Oberstübchen nicht ähnlich wirr aus, denke ich und verabschiede mich.

Die darauffolgenden Monate nehme ich brav meine Neurofeedback-Termine wahr. Eine Stunde pro Woche trainiere ich jetzt meine Konzentrationsfähigkeit, und das über einen Zeitraum von ungefähr vier Monaten. Meine Werte werden laut Diagramm immer besser. Damit mir nicht langweilig wird, trainiere ich mit unterschiedlichen Animationen. Den mir längst nicht mehr fremden Bewusstseinszustand versuche ich in den Alltag zu transferieren. Verblüffend: meine Gedanken werden Woche für Woche klarer – irgendwie unheimlich.

Biofeedback: Profisportler wie Simon Ammann profitieren davon

Die anfänglich als Pflichttermin empfundene Neurofeedback-Stunde ist längst zum Wochenhighlight geworden: Plötzlich freue ich mich auf mein Training und nur Übung macht bekanntlich den Meister. Das wissen auch Sportler, deshalb gehören unterschiedlichste Techniken zur mentalen Wettkampfvorbereitung längst zum Trainingsplan jedes Profiathleten. Durch das Training mit peripherem Biofeedback lernen sie, Körperfunktionen willentlich zu steuern und ihre physische Leistungsfähigkeit durch kognitiven Einfluss zu steigern. Auch der Schweizer Ausnahmeskispringer und Olympiasieger Simon Ammann nutzt ein ähnliches Verfahren, um sich auf den Wettkampf optimal vorzubereiten. Dafür arbeiten Ammann und sein Team mit Forschern der ETH Zürich zusammen. Während der vergangenen Winterolympiade startete der Skispringer mit Elektroden, die über Funk mit einem EKG (einem Gerät zur Messung der Herzströme) und Bewegungssensoren verbunden wurden. «Wir wollten feststellen, ob sich die mentalen Vorbereitungsschritte, die Simon Ammann im Training einsetzt, auch auf die Wettkampfsituation übertragen lassen», erklärt mir Simon Ammanns Sportpsychologe Hanspeter Gubelmann. Die Daten fliessen in eine Studie der ETH ein, die voraussichtlich noch in diesem Herbst publiziert wird.

Während es dem Skisprung-Star möglich ist, sich praktisch auf Knopfdruck in die Wettkampfsituation hineinzuversetzen, bleibt mir zunächst nur der Kampf gegen die allgegenwärtigen Ablenkungsmanöver – der eine oder andere Etappensieg ist mir aber trotzdem schon gelungen: ich finde beim Durchlesen meiner soeben geschriebenen Texte bedeutend weniger Fehler als noch vor wenigen Wochen. Komplexere Informationen bleiben länger im Hauptspeicher meines Gedächtnisses. Dann, nach fünfzehn Wochen Training, sind meine Werte so gut, dass ich die Neurofeedback-Therapie beenden kann. Der abschliessende Papier und Bleistift-Test bestätigt die Steigerung meiner Konzentrationsfähigkeit von unter- auf überdurchschnittlich. Zum Auffrischen muss ich auch nicht mehr wiederkommen, denn Bio- beziehungsweise Neurofeedback ist wie Velofahren: was sich das Gehirn antrainiert hat, verlernt es so schnell nicht mehr.