Dickes Problem

22. März 2012 22:57; Akt: 22.03.2012 22:57 Print

Weichmacher unter fettem Verdacht

von Runa Reinecke - Täglich sind wir hormonähnlich wirkenden Stoffen ausgesetzt. Eine neue Studie zeigt, dass Weichmacher und andere Chemikalien nicht nur krank, sondern auch dick machen könnten.

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Sind nicht nur Bewegungsmangel, falsche Ernährungsgewohnheiten und genetische Disposition Schuld am Übergewicht? (Bild: Colourbox)

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Entkommen kann man ihnen kaum, denn sie finden sich in zahlreichen Alltagsgegenständen wie Duschvorhängen, Gummistiefeln, diversen Elektrogeräten und Konservendosen, über die sie sogar in unsere Nahrung gelangen: Chemikalien wie Bisphenol, Weichmacher und Flammschutzmittel, die die Ausbreitung von Bränden eindämmen sollen.

Ein Teil dieser Verbindungen, sogenannte POPs (persistent organic pollutants, zu deutsch: persistente organische Schadstoffe, zum Beispiel PCB und Dioxine) werden mit unterschiedlichsten gesundheitlichen Beeinträchtigungen in Verbindung gebracht. Bislang galten sie vor allem als dringend verdächtig, Störungen der Sexualfunktion zu verursachen. Einige dieser synthetischen Verbindungen wirken auf den Organismus wie körpereigene Botenstoffe und könnten auf diese Weise dafür sorgen, dass das Hormonsystem komplett durcheinander gerät.

Machen Chemikalien dick?

Nun erhärtet sich ein weiterer, schlimmer Verdacht: Gemäss einer von Chem Trust veröffentlichten Studie verursachen hormonähnliche Chemikalien möglicherweise Diabetes und Fettleibigkeit. Im Rahmen ihrer Übersichtsarbeit hatten Miquel Porta (Barcelona) und sein südkoreanischer Kollege Lee Duk-Hee (Daegu) knapp 240 Untersuchungen ausgewertet.

«Der Anstieg des Vorkommens von Fettleibigkeit fällt mit dem Anstieg der Verwendung und Verbreitung von Industriechemikalien zusammen, die eine Rolle bei der Entstehung von Fettleibigkeit spielen könnten. Das legt nahe, dass hormonelle Chemikalien mit dieser Epidemie in Zusammenhang stehen könnten», heisst es im Bericht. Bislang sei man davon ausgegangen, dass Fettleibigkeit eine Folge von zu viel Essen und zu wenig Bewegung sei; die Ergebnisse der Untersuchung lassen aber vermuten, dass die hormonähnlich wirkenden Stoffe einen Einfluss auf das Gewicht haben könnten.


Schadstoffe im Fett gespeichert

Timo Bütler misst solchen Faktoren weniger Relevanz bei, als seine an der Chem-Trust-Studie beteiligten Forscherkollegen: «Ich glaube, dass die Einflüsse von Chemikalien in Bezug auf das Übergewicht eher eine untergeordnete Rolle spielen», erklärt der Pharmakologe und Toxikologe der Universität Zürich. Zudem, so Bütler, speichere ein Mensch, der über viel Körperfett verfügt, grössere Mengen an fettlöslichen Schadstoffen wie beispielsweise Dioxine oder POPs. Deshalb sei «aus einer in epidemiologischen Studien gefundenen Assoziation zwischen POPs und Übergewicht kein ursächlicher Zusammenhang ableitbar.»

Die weit verbreitete Annahme, allein die Menge mache das Gift, trifft bei bestimmten synthetischen Verbindungen, die über die Atemluft, Haut oder Nahrung in den Körper gelangen können, nicht immer zu. Häufig ist der Zeitpunkt, zu dem man mit den Chemikalien in Kontakt komme, entscheidender, als die Höhe der Dosis. Wie der deutsche Toxikologe Gilbert Schönfelder von der Charité Berlin gegenüber der Nachrichtenagentur dapd bestätigte, seien Kinder oder Schwangere besonders gefährdet. Die Auswirkungen der Exposition gegenüber hormonaktiver Substanzen zeige sich gemäss Experten erst nach vielen Jahren.

Geringe Dosierung - starke Wirkung?

Zudem kursiert seit einigen Jahren in Fachkreisen die Hypothese, dass geringe Mengen solcher Schadstoffe stärker auf das Hormonsystem einwirken könnten, als hohe Konzentrationen. Für Timo Bütler macht das - nach heutigem Stand der Wissenschaft - keinen Sinn: «Aus biologischer Sicht ist nicht klar, warum Stoffe in niedrigerer Dosierung stärker wirken sollen, als hochdosierte. Es gibt Exponenten, die sich bei dieser Hypothese auf Beobachtungen stützen. Eine wissenschaftlich fundierte Erklärung gibt es dazu aber noch nicht.»

Für den deutschen Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) wäre eine Reduktion der Schadstoffe keine Lösung. Er verlangt von der deutschen Regierung, schädliche Stoffe, zumindest in Produkten, mit denen Kinder in Kontakt kommen, komplett zu verbieten. Doch lassen sich die in die Kritik geratenen chemischen Verbindungen überhaupt ohne Weiteres durch andere Stoffe ersetzen? «Wir wissen einfach noch nicht, wie sicher die Alternativen sind», gibt Bütner zu bedenken und ergänzt: «Nur weil sie nicht oder wenig hormonaktiv sind, ist nicht auszuschliessen, dass sie auf eine andere Art und Weise toxisch wirken.»

Beim schweizerischen Bundesamt für Gesundheit will man sich zum momentanen Zeitpunkt nicht zur Übersichtsarbeit von Porta und Lee äussern: «Wir werden die Studie prüfen und - falls nötig - Massnahmen einleiten», nimmt Eva van Beek, Mediensprecherin des BAG auf Anfrage von 20 Minuten Online Stellung.

Mit Material der Nachrichtenagentur dapd