So funktioniert PID

07. Juli 2011 19:37; Akt: 07.07.2011 19:48 Print

Gentest im Reagenzglas

von Beat Glogger - Die genetische Untersuchung von Embryonen, die im Reagenzglas gezeugt wurden, ist in der Schweiz verboten. Jetzt will der Bundesrat diese Regelung liberalisieren. Das letzte Wort hat das Volk.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Paare, die wegen einer genetischen Vorbelastung riskieren, ein Kind mit einer schweren Erbkrankheit zu bekommen, können einen Embryo im Reagenzglas zeugen und vor dem Einsetzen in den Mutterleib testen lassen. Die Präimplantationsdiagnostik (PID) ist in den meisten europäischen Ländern unter Auflagen erlaubt, in der Schweiz nicht. Nun will der Bundesrat das Verbot lockern. Da das eine Änderung der Verfassung bedeuten würde, wird das Volk abstimmen können. Wir zeigen, wie PID funktioniert und unter welchen Bedingungen sie erlaubt werden soll.

Die Präimplantations- diagnostik – und was vorgeschlagen wird

Befruchtung im Reagenzglas
Bekommt ein Paar auf natürlichem Weg keine Kinder, kann es eine Befruchtung im Reagenzglas vornehmen lassen. So kamen im Jahr 2009 in der Schweiz 1891 Kinder zur Welt, die mit Hilfe der Fortpflanzungsmedizin gezeugt worden waren. Das sind 2,4 Prozent der Lebendgeburten.

Neu: Von der so genannten In-vitro-Fertilisation sollen künftig auch Paare profitieren, die das Risiko tragen, dass ihr Kind an einer schweren, unheilbaren Erbkrankheit leidet: zum Beispiel an zystischer Fibrose oder verschiedenen Formen von Muskelschwund. Entscheidend ist, ob die Krankheit zu einer verkürzten Lebenserwartung oder schwerer geistiger Behinderung führt.

Entwicklung des Embryos
Gemäss geltender Verfassung dürfen bei einer In-vitro-Fertilisation pro Zyklus nur so viele Embryonen heranwachsen, wie «sofort eingepflanzt werden können». In Zahlen sind das drei. Diese müssen alle eingesetzt werden, da es verboten ist, Embryonen für eine spätere Verwendung tiefzukühlen. Dies führte aber oft zu unerwünschten Mehrlingsschwangerschaften.

Neu: Es dürfen so viele Embryonen erzeugt werden, wie «für das Fortpflanzungsverfahren notwendig sind». Für die PID sind das acht. Zudem will der Bundesrat das Verbot der Aufbewahrung aufheben, um weniger Mütter und Kinder den Risiken einer Mehrlingsschwangerschaft auszusetzen.

Gewinnung von Zellmaterial

Nach drei Tagen, wenn der Embryo sechs bis zehn Zellen umfasst, wird seine Schutzhülle mit Säure, Laser oder mechanisch geöffnet. Anschliessend saugt man mit einer Glaspipette eine einzelne Zelle heraus. Dies ist für den Embryo unproblematisch. Ähnliches geschieht natürlicherweise bei der Entstehung eineiiger Mehrlinge. Dann sind noch alle Zellen identisch, sodass sich aus jeder einzelnen ein vollständiger Organismus entwickeln kann.

Als Nächstes wird die Erbsubstanz der Zelle vervielfältigt, damit genügend Material für den Gentest verfügbar ist. Dies muss rasch gehen, denn: Ist der Embryo gesund, muss er der Frau noch am selben Tag eingepflanzt werden.

Gentest vor Implantion
An der vervielfältigten Erbsubstanz erfolgt die genetische Analyse, um zu entscheiden, welcher Embryo eingepflanzt wird.

Neu: Es darf nur auf schwere Erbkrankheiten getestet werden. Nicht erlaubt ist etwa der Test auf Trisomie 21, die zum Down-Syndrom führt. Verboten bleibt in der Schweiz – anders als in einigen anderen Ländern – die Selektion so genannter Retter-Babys, welche kranken Geschwistern Gewebe oder Organe zur Transplantation spenden. Untersagt ist ausserdem, die PID zur Bestimmung des Geschlechts oder von Merkmalen wie Augen- oder Haarfarbe anzuwenden. Aufgrund dieser Bestimmungen rechnet das Bundesamt für Gesundheit, dass in der Schweiz jedes Jahr 50 bis 100 Eltern von der PID Gebrauch machen könnten.