Tattoo des Grauens

25. August 2012 15:18; Akt: 25.08.2012 15:18 Print

Mit der Libelle kam die Tuberkulose

In New York mussten 19 Personen zum Hautarzt, nachdem sich ihr neues Tattoo stark entzündet hatte. Als die Mediziner die Hautproben unter das Mikroskop legten, fanden sie Lebewesen, die dort gar nichts zu suchen hatten.

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Als ein 20-jähriger New Yorker Ende Oktober 2011 einen Arzt aufsuchte, sah sein Vorderarm nach einer Tätowierung schrecklich aus. (Bild: nejm.org)

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Als der junge Mann Ende Oktober 2011 den Arzt aufsuchte, sah sein Vorderarm grässlich aus. Die Haut war stark errötet und es hatte sich ein Ausschlag gebildet. Der 20-jährige New Yorker hatte sich Wochen zuvor an jener Stelle ein Tattoo machen lassen. Als Erstes suchte er einen Allgemeinmediziner auf.

In der Meinung, es handle sich um eine gewöhnliche Allergie nach einer Tätowierung, behandelte der Arzt den Patienten mit Kortikoiden. Doch das machte das Problem nur noch schlimmer. Bald landete der Patient bei einem Hautarzt. Als Dr. Mark Goldgeier die betroffene Stelle sah, wusste er sofort, dass dies keine Allergie war. Er entnahm ein Stück Haut aus dem infizierten Bereich und legte es unter das Mikroskop.

Tätowierer sauber, Pigmente bewilligt – und trotzdem ...

Behutsam erklärte er dann dem Patienten, dass sich ein wurmartiges Bakterium aus der Familie der Tuberkulose unter seiner Haut eingenistet hatte. Dann griff der Arzt zum Telefon und meldete seinen Fund dem Gesundheitsdepartement von Monroe. Der Patient musste sich zudem so rasch wie möglich bei einem Spezialisten für Infektionskrankheiten melden. Dr. Goldgeier hatte einen Verdacht: Die Krankheit konnte nur über das Tattoo in den Körper seines Patienten gelangt sein.

Das Tattoo-Studio wurde als Nächstes untersucht. Die Behörden fanden ein sauberes Arbeitszimmer. Der Tätowierer arbeitete mit sterilem Material, die Pigmente, die er benutzte, waren alle durch die staatliche Lebensmittelüberwachung und Arzneimittelzulassungsbehörde bewilligt. Und doch meldeten sich bald weitere 19 Personen – 13 Männer und sechs Frauen – mit ähnlichen Symptomen. Alle hatten eines gemeinsam: Sie waren mit einer grauen Farbe tätowiert worden.

Ein Restrisiko besteht immer

Es begann eine zehn Monate lange Recherche unter der Regie von Dr. Byron Kennedy, dem Leiter des Monroe Gesundheitsdepartements. Das Resultat wurde am Mittwoch im «New England Journal of Medicine» veröffentlicht: Das destillierte Wasser, mit dem die Tattoo-Pigmente verdünnt wurden, war nicht sauber. Auf der Spurensuche hatten die Ermittler eine Probe des Wassers in der Fabrik in Arizona genommen, in der das Mittel fabriziert wurde. Im Labor fanden Chemiker Reste von Mycobacterium chelonae, einem sich schnell vermehrenden Bakterium, das oft in schmutzigen Gewässern zu finden ist, aber auch in Tieren, in Spitälern und auf Böden. Das Immunsystem eines gesunden Menschen wird gut damit fertig, doch HIV-Patienten oder Menschen, die eine Chemotherapie machen, werden von diesem Schädling befallen.

Das Amt entdeckte das Problem bald: Während die Pigmente strikte von den Behörden kontrolliert werden, wird die verdünnte Farbe kaum überprüft. Ist das Wasser also kontaminiert, kann eine ganze Serie Tattoo-Tinten infiziert auf den Markt gelangen.

Die Patienten, die mit dem Bakterium infiziert wurden, mussten sich in der Zwischenzeit auf eine einjährige Therapie gefasst machen. Die Behörde kontaktierte zudem alle 60 Tattoo-Studios, die die Tinte bestellt hatten. «Auch wenn eine Person sich bei einem seriösen Betrieb tätowieren lässt, der alle Hygienemassnahmen befolgt, kann es vorkommen, dass sie sich aufgrund verseuchter Farbe eine Krankheit holt. Ein Restrisiko besteht immer», folgerte Pamela LeBlanc von der Gesundheitsbehörde.

(kle)