Schweinegrippe-Impfung

05. November 2009 09:33; Akt: 05.11.2009 13:48 Print

Verunsicherung bei MS- und Rheuma-Patienten

von Runa Reinecke - Tausende von Menschen in der Schweiz leiden unter einer Autoimmunerkrankung wie Rheuma, Multiple Sklerose oder Morbus Crohn. Viele Betroffene fürchten durch die Impfung eine Verschlimmerung ihres Krankheitsbildes - zu Recht?

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Impfen oder nicht impfen lassen gegen die Schweinegrippe? Was für Gesunde vielfach zur Nebensächlichkeit verkommt, ist für chronisch Kranke mehr als eine Gewissensfrage: Besonders Menschen mit Autoimmunerkrankungen, dazu zählen bestimmte rheumatische Beschwerden, entzündliche Darmkrankheiten wie Morbus Crohn, aber auch Multiple Sklerose (mehr zu Autoimmunerkrankungen, siehe Info-Box), sind irritiert - und das vielleicht nicht völlig grundlos.

Berechtigte Bedenken?

Charakteristisch für diese Gruppe von Erkrankungen sind Entzündungsprozesse, die in zeitlich begrenzten Schüben oder schleichend auftreten können. Und genau hier liegt für viele Betroffene das Problem: Bei einer Impfung wird das Immunsystem mit Hilfe einer minimen Entzündung provoziert. Viele Menschen mit entzündlichen Erkrankungen befürchten, dass diese sogenannte Inflammation zu einer Verschlimmerung ihres Gesundheitszustandes führen beziehungsweise einen vorübergehenden Krankheitsschub auslösen könnte. Auch der von MS (Multiple Sklerose) betroffene User Berni ist verunsichert und schreibt im Online-Forum der Multiple-Sklerose-Gesellschaft Schweiz: «Ich habe mit meinem Arzt noch nicht darüber gesprochen. Er müsste schon gute Argumente bringen, damit ich mich impfen lasse.»

«Nach Risikoabwägung ist Impfung zu empfehlen»

Berechtigte Bedenken? «Der Impfstoff, insbesondere in seiner lokalen Verabreichung, erfüllt einen hohen Sicherheitsstandard. Nach einer gründlichen Risikoabwägung ist die Impfung zu empfehlen, um vor allem die Ansteckungsgefahr für Risikogruppen zu verringern», erklären der Neuroimmunologe Burkhard Becher und der Virologe Christian Münz gemeinsam auf Anfrage von 20 Minuten Online.

«Autoimmunantwort im Tiermodell begünstigt»

In Bezug auf den im Impfstoff enthaltenen Wirkstoffverstärker - in der Fachsprache Adjuvans genannt - verlässt man sich darauf, was bewiesen beziehungsweise nicht bewiesen wurde: «Obwohl Adjuvantien im Tiermodell zeigen konnten, dass sie die Entstehung einer Autoimmunantwort begünstigen könnten», führen die beiden an der Universität Zürich forschenden Professoren aus, existierten «im Moment keine wissenschaftlichen Daten, die darauf hinweisen, dass die Schweinegrippe-Impfung ein erhöhtes Risiko für Menschen darstellt, die an einer Autoimmunerkrankung leiden.»

Nebenwirkungen der Impfung noch unbekannt

Dr. Nicolaus König, Chefarzt der Marianne-Strauss-Klinik am Starnberger See (D), zeigt sich diesbezüglich skeptisch: Auf myhandicap.ch rät er Multiple-Sklerose-Patienten, sich zwar gegen die saisonale Grippe impfen zu lassen, beim Vakzin für die pandemische Grippe empfiehlt er hingegen, noch zuzuwarten: «Im Moment wissen wir nicht, wie weit diese Grippeimpfung doch Nebenwirkungen hat. Wir sind mit Empfehlungen sehr zurückhaltend».

Kein allgemeingültiges Rezept

Bei der Rheumaliga empfiehlt man Rheumakranken unbedingt eine Impfung und warnt gleichzeitig vor einem vergleichbar schwereren Verlauf, der Patienten mit systemischen Autoimmunerkrankungen bei einer Infektion mit dem Virus droht. Impfwillige Patienten, die ihre Symptome mit Hilfe von bestimmten Medikamenten (Immunsuppressiva) unterdrücken, sollen sich - so die Experten - zwei Mal impfen lassen, um vor dem Virus geschützt zu sein.

Viel vorsichtiger zeigt man sich bezüglich Pauschalempfehlungen bei der schweizerischen MS-Gesellschaft: «Eine Schweinegrippe-Impfung ist MS-Betroffenen tendenziell eher zu empfehlen, allerdings muss die individuelle Krankheitssituation berücksichtigt werden (Medikation, Krankheitsstadium etc.)», verkündet der wissenschaftliche Beirat der Organisation.

AH1N1-Impfung bei Autoimmunerkrankung: Eine individuelle Entscheidung

Vielleicht sind es die «guten Argumente» des Mediziners, die MS-Patienten wie User Berni umstimmen können? Das beste Argument ist mit Sicherheit, sich im Zweifelsfall vom Fachspezialisten beraten zu lassen, denn: Nichts ist so individuell wie der Verlauf einer Krankheit.