Schweizer Forscher

31. Mai 2012 22:23; Akt: 01.06.2012 10:40 Print

Gelähmte Ratten lernen wieder gehen

Neue Hoffnung für Paraplegiker: Querschnittgelähmte Ratten können wieder willensgesteuert laufen, wenn ihr Rückenmark zuvor «aufgeweckt» wird.

Wieder Gehen nach Rückenmarksverletzung (Quelle: Youtube/epflnews)
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Ratten mit einer Rückenmarkverletzung können wieder gehen, rennen und sogar Treppen steigen - und zwar willentlich. Von diesem Fortschritt berichtet ein Team um den Neurologen Grégoire Courtine von der ETH Lausanne im Fachblatt «Science».

Die Resultate zeigen laut Courtine, dass auch bei schweren Schädigungen Nervenzellen wachsen können und eine Erholung möglich ist. Doch dazu muss das Rückenmark zunächst «angeregt» werden. Dabei machen sich die Forschenden zunutze, dass das Rückenmark Schaltkreise besitzt, die auch ohne Input vom Gehirn rhythmische Bewegungen erzeugen können.

Das «Rückenmark-Gehirn» aktiviert

Schon in einer früheren Studie von 2009 - damals noch an der Universität Zürich - konnten die Wissenschaftler mit der Methode gelähmte Ratten wieder zum Laufen und Springen bringen. Dazu injizierten sie Substanzen ins Rückenmark, welche die Rückenmarknerven darauf vorbereiten, Bewegungen zu koordinieren.

Kurz darauf stimulierten sie das Rückenmark mit implantierten Elektroden. Beides zusammen - chemische und elektrische Signale - werden für Gehbewegungen benötigt. «Diese elektro-chemische Neuroprothese ersetzt den fehlenden Signal-Input vom Gehirn», sagte Courtine zur Nachrichtenagentur SDA.

Dann müsse nur noch eine Bewegung ausgelöst werden, erklärt Erstautorin Rubia van den Brand von der Universität Zürich in einer Mitteilung der Hochschule. Dies geschieht mit einem Laufband-Training.

Dieses fand damals auf einem automatischen Laufband statt, das die Gehbewegungen anregte. Da die Verbindung zum Gehirn jedoch nach wie vor unterbrochen blieb, waren diese Bewegungen vollständig unwillkürlich, erklärt Courtine.

Willentliche Bewegungen dank Spezial-Training

In der aktuellen Studie berichten die Forscher nun von zwei entscheidenden neuen Erfolgen: Erstens gelang es ihnen laut Courtine mit einem «super-optimierten» Training, die Ratten zu willentlichen Bewegungen anzuregen.

Dazu zogen sie den Ratten ein robotergesteuertes Laufgeschirr an, das die Ratten nur stützte, wenn sie strauchelten. So konnten die Tiere zweibeinig vorwärts laufen. Dies gab den Ratten den Eindruck, ein funktionierendes Rückenmark zu haben, was sie ermutigte, auf ein Stück Schokolade als Belohnung zuzulaufen.

Aus Gelähmten werden Athleten

Nach einigen Wochen Training konnten die Ratten nicht nur laufen, sondern auch Hindernisse überwinden, Treppen steigen und sprinten. «Wir sprechen von 100 Prozent Erholung der willentlichen Bewegung», freut sich Courtine. «Aus gelähmten Ratten sind Athleten geworden.»

Zweitens konnten die Forschenden nachweisen, dass dabei zahlreiche neue Nervenzellen entstanden. «Es war unglaublich», sagt Courtine. «Im ganzen Nervensystem begannen Neuronen zu wachsen.» Die Nerven wuchsen um die verletzte Stelle herum, und auch in der Gehirnrinde massen die Wissenschaftler einen 400-prozentigen Zuwachs der Nervenfasern.

Schlussendlich war das Signal stark genug, um eine Bewegung auf dem Boden auch ohne Laufband auszulösen. Die Ratten liefen auf die Schokolade zu und trugen dabei ihr gesamtes Gewicht mit ihren Hinterbeinen.

Tests am Menschen in ein bis zwei Jahren

Im Prinzip könnte diese Methode auch bei Menschen wirken, deren Rückenmark nicht vollständig durchtrennt ist, die aber zu schwach sind zum Laufen. «Bei noch schwereren Verletzungen wären keine bedeutsamen Verbesserungen zu erwarten», sagt Courtine. Doch bei jenen 50 Prozent der Querschnittgelähmten, die schon jetzt von Rehabilitation profitieren, könnte die Erholung noch gesteigert werden.

Ein klinischer Versuch mit implantierten Elektroden und Lauftraining, der mit gelähmten Patienten an der Universitätsklinik Balgrist in Zürich stattfinden wird, sei in Vorbereitung, sagt Courtine. Er werde voraussichtlich in ein bis zwei Jahren beginnen.

(sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Carmen Sager am 01.06.2012 11:11 Report Diesen Beitrag melden

    an all die tierlieben Menschen...

    ich hoffe mal dass alle Frauen die sich hier aufregen und auch die Männer, beim Sex ausnahmslos Kondome verwendet. Denn alle anderen Mittel, Pille, Ring, Stäbchen usw. wurden an Tieren erforscht und entwickelt. Und wozu? Damit ihr ohne Angst vor schwangerschaft eurer Lust nachgehen könnt! Ach ja, Latex und Konsorten wurde an Schweinehaut auf ihre irritativen Stoffe getestet... von Make-up, Bodylotion, usw. fange ich jetzt erst gar nicht an. Erst denken, dann schreien!

  • Thomas am 01.06.2012 08:54 Report Diesen Beitrag melden

    Prinzip Hoffnung

    Alle Jahre wieder kommt die Meldung, die Heilung für Para- und Tetraplegiker werde demnächst erfolgen, und das schon seit 50 Jahren.

  • f.h. am 01.06.2012 09:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ratten

    Diese Tiere werden für die Versuche gezüchtet. Einige Tiere zu opfern damit man auf die Ewigkeit hinaus Querschnittsgelähmten helfen kann scheint mir richtig. Hat doch einen grösseren Nutzen als die Millionen von Rindern, die nur wegen dem Fleischkonsum, der ansich nicht lebensnotwendig ist, getötet werden. Der Tod der Ratten zu Forschungszwecken gibt ihnen wahrscheinlich den grösstmöglichen Sinn überhaupt auf dieser Erde gewesen zu sein!

Die neusten Leser-Kommentare

  • M. Müller am 01.06.2012 16:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Danke liebe Forscher...

    ...dass ihr trotz den Anfeindungen weitergemacht habt mit den Tierversuchen. Hoffentlich gelingt es, Menschen mit durchtrennten Nervenbahnen im Rückenmark eines Tages wieder gehen können.

    • H.A. am 03.06.2012 11:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Ganz Genau

      Ich unterstütze dich voll.

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  • Mr Gur am 01.06.2012 15:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wenn ich nicht lache

    An alle Ratten Beschützer: viele von euch essen Fleisch und von wo kommt Fleisch von den Tieren. Aber das ist euch ja egal.Ihr habt sicher einen Hund oder eine Katze, habt ihr sie gefragt ob sie bei euch sein will, nein. Das Futter für die besteht auch aus Fleisch, auf der Welt verhungern Kinder und ihr gebt euren Tieren edelkost. Aber dann gegen Tierversuche wo Millionen von Menschen das leben rettet.Echt cool muss schon sagen. In der Natur fressen andere Rassen auch andere Rassen und wir sind auch nur eine Rasse die überleben muss. Und es gibt ja viel schlimmeres als Tierversuch.

  • Cc am 01.06.2012 14:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gerechtigkeit sind wir dem Tiere schuldig

    Ich verstehe sehr gut, dass sich gelähmte Menschen solche Hoffnungsschimmer nicht kaputtreden lassen wollen! Diverse Studien zeigen jedoch, dass Ergebnisse von Tierversuchen nicht auf den Menschen übertragen werden können, somit absolut unnötig und abscheulich sind! Wenn der Mensch über allen anderen Lebewesen erhaben ist, weshalb sollte er dann genauso auf Medikamente und Therapien reagieren wie Tiere? Sucht freiwillige Menschen,die hinhalten, dann habt ihr auch representative Forschungsergebnisse, anstatt Gelähmten falsche Hoffungen zu machen!! Quelle: google- tierversuche nutzen

  • Dragan L. am 01.06.2012 11:25 Report Diesen Beitrag melden

    Gesetzt der Natur

    Das Gesetz der Natur ist "Der stärkere Überlebt"... Wir Menschen haben seit je her, durch unsere NATÜRLICHE Neugier alles mögliche ausprobiert...dadurch haben wir überlebt. Weil wir uns durch Forschung weiterentwickelt haben und es noch immer tun. Unsere Stärke ist die Forschung. Ihr weint ja auch nicht herum wenn eine Katze ne Maus erlegt... In diesem Sinne: Weiter so (P.S. Das sind Zuchtratten die genau für diesen Zweck gezüchtet werden)

    • empty()set am 01.06.2012 16:26 Report Diesen Beitrag melden

      Korrektur

      "Survival of the Fittest" heisst "Überleben der Bestangepassten". Das ist ein entscheidender Unterschied.

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  • Gerda am 01.06.2012 11:20 Report Diesen Beitrag melden

    Missbrauch von Leben

    Wir missbrauchen andere Lebewesen für unsere Zwecke. Das darf nicht sein, egal wie krank jemand ist. Bedenklich, wie viele Menschen so etwas gutheissen. Wer von uns würde gerne als Experiment herhalten? Wir nehmen uns das Recht einfach heraus, wo ist unsere Moral geblieben?

    • Tommy am 01.06.2012 16:15 Report Diesen Beitrag melden

      Alternativen?

      Wenn jemand krank, verletzt oder behindert ist, dann soll man den einfach verenden lassen oder was? Diese Ratten sind nur der Höhepunkt dieser Entwicklung! Aber der grösste Teil unserer Medikamente wurde an Tieren getestet und die einzige Alternative dazu wären Menschenversuche. Und es kann ja nicht sein, dass erst 100 Menschen sterben müssen, damit wir ein Medikament entwickeln können! Oder würden sie lieber wieder in einer Zeit leben, in der man mit 40 als Greis gilt und wo eine Erkältung höchstwahrscheinlich tödlich endet?

    • Therese am 03.06.2012 10:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      ...

      Gerda: vielleicht würdest du umdenken, wenn du selber in der Situation des Kranken wärst... Ich bin auch nicht für alle Versuche an Tieren und stelle mich z.T. für Studien an Menschen zur Verfügung. Aber ich denke, dass man aus der Situation des Kranken anders denken "darf"!

    • Petra am 03.06.2012 14:04 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Ja ich will lieber mit 40 sterben

      Ja in so einer Zeit will ich leben, das wäre nämlich der lauf der Natur. Kranken Tieren wird ja auch nicht geholfen, wieso sollen also immer nur wir überleben? Wenn wir überleben wollen müssen wir auch Menschenleben und nicht mit Tierleben opfern!

    • Julia am 03.06.2012 17:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Gerda

      Liebe Gerda, dann darfst du nie Schwanger werden oder einen Unfall haben. Denn praktisch alle Medis laufen durch einen Tiertest. Ich wünsche dir gute Gesundheit.

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