«Absolut unmöglich»

24. November 2017 14:11; Akt: 24.11.2017 15:35 Print

Chirurg kündigt Kopftransplantation an

Der Italiener Sergio Canavero plant einen «monumentalen Eingriff», gleich wichtig wie die Mondlandung. Dabei fehlt die nötige wissenschaftliche Vorarbeit.

Bildstrecke im Grossformat »

Zum Thema
Fehler gesehen?

Vorsichtige Zurückhaltung ist die Sache eines Sergio Canavero nicht. Er will der erste sein, der mit der Transplantation eines Menschenkopfes in die Geschichtsbücher eingeht. Fachkollegen sind wenig begeistert - selbst sein engster Partner bremst, wo er kann.

Wie die weltweit erste Kopftransplantation ablaufen soll, hat Sergio Canavero genau vor Augen: In einem mindestens 200 Quadratmeter grossen Operationssaal arbeiten Spezialisten an Spender und Empfänger, die fixiert in Metallgestellen sitzen. «100 Experten aus aller Welt werden diesen monumentalen Eingriff wagen», schreibt der italienische Neurochirurg in seinem Buch «Medicus Magnus».

Ursprünglich für 2017 angekündigt, solle nun im kommenden Frühjahr der Kopf eines schwerkranken Menschen auf den Körper eines hirntoten Spenders gesetzt werden. So zumindest kündigt es der Verlag mit Verweis auf Canavero an.

«Absolut unmöglich»

Das wirkt vor allem deshalb so irrwitzig, weil jedwede wissenschaftliche Vorstufe fehlt: Weder wurden in den vergangenen Jahren massenhaft Tierköpfe erfolgreich verpflanzt, noch wurden reihenweise Menschen vermeldet, die nach Rückenmarksverletzungen geheilt wurden.

Das Urteil aus Fachkreisen hat darum seit den ersten Ankündigungen Canaveros nicht an Eindeutigkeit verloren: «Reine Publicity», sagt Edgar Biemer von der Praxisklinik Caspari in München, der in Deutschland an einer spektakulären Armtransplantation beteiligt war.

«Die Verbindung zum Rückenmark bei einer solchen Transplantation wieder herzustellen, halte ich für absolut unmöglich», sagt Biemer. Auch Veit Braun, Chefarzt der Neurochirurgie am Diakonie Klinikum Siegen, betont: «Wenn ich ein Rückenmark vom Kopf abtrenne, dann ist das hin, und zwar ein für alle Mal.»

Kopf eines Chinesen

Ein Chinese werde derjenige sein, der einen anderen Körper unter seinen Kopf gesetzt bekommt, verkündet Canavero, und überwiegend chinesisch auch das Spezialistenteam. «China will mit der ersten Kopftransplantation seine Stellung als neue Supermacht auch in der Medizin untermauern.» Im Gespräch strotzen seine Sätze vor Superlativen, sein Projekt hält er für mindestens ebenso wichtig wie die Mondlandung.

«Es geht hier um Ehrgeiz und nicht um die Sache an sich», sagte Uwe Meier vom Berufsverband Deutscher Neurologen vor einiger Zeit zu Canaveros Ankündigungen. Dass dem Italiener vor allem am Ruhm gelegen sein dürfte, lässt er auch in seinem Buch durchblicken. Immer nur der erste, der etwas Neues wage, lande in den Geschichtsbüchern, schreibt er. «Um die Menschheit zu verändern, muss man mutig sein - manche sagen auch ein Draufgänger.»

Und der Patient? Hat der nicht ein hohes Risiko, beim Umsetzen seines Kopfes zu sterben? «Ja, hat er», schreibt Canavero. «Jede andere Aussage wäre nicht ehrlich.» Ein Grund zum Abwarten ist das für ihn nicht. «Dürfen ethische Bedenken einen Wissenschafter hindern, zum Wohle der Menschheit moralische Grenzen, wie sie eine Gesellschaft versteht, zu überschreiten? Meine Antwort ist eindeutig: Nein.»

Canaveros Kollege ist viel zurückhaltender

Zweiter Hauptakteur in dem Schauspiel ist Ren Xiaoping von der Medizinischen Universität in Harbin in Nordostchina - der allerdings weitaus vorsichtiger agiert. Immer wieder wies er Ankündigungen Canaveros zurück. So auch diesmal. «Es ist noch ein langer Weg bis zu einer Kopftransplantation», wurde Ren Xiaoping kürzlich von der Pekinger Zeitung «Xinjingbao» zitiert. «Wann können wir es machen? Ich weiss es auch nicht.»

Zur Vorbereitung gab es einen Versuch mit Leichen, die Ergebnisse wurden vor einigen Tagen im Fachblatt «Surgical Neurology International» veröffentlicht: In 18 Stunden sei der Kopf einer frischen männlichen Leiche auf den Körper einer anderen gesetzt worden.

Mit dem Experiment sei aber lediglich ein erstes Operationsmodell geschaffen worden, erklärte Ren Xiaoping vor Journalisten. «Das ist es.» Für die Kopftransplantation gebe es noch keinen Zeitplan und keinen bestimmten Ort, widersprach Ren seinem italienischen Kollegen Canavero.

(sep/sda)