Blaue Haut, schneller Tod

06. Januar 2018 20:59; Akt: 06.01.2018 22:03 Print

Die Grippe, an der bis zu 100 Mio Menschen starben

Schnell, ansteckend und tödlich: Die Spanische Grippe traf die Menschen so rasch und hart wie keine andere Pandemie der Moderne.

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Die erste grosse Grippewelle des 20. Jahrhunderts war die Spanische Grippe, die 1918 erstmals auftrat. (Im Bild: Erkrankte werden im Walter-Reed-Militärspital in Washington versorgt.) Mehrere Millionen Menschen erkrankten – und starben – daran. (Im Bild: Übersicht über die an der Spanischen Grippe Verstorbenen in 49 spanischen Provinzen) Allein in der Schweiz fielen ihr fast 25'000 Menschen zum Opfer. (Im Bild: Sanitäter in einem Wagen des Rekonvaleszenz-Zentrums Gunten-Sigriswil, in dem Schweizer Betroffene behandelt wurden) Schätzungen zufolge starben bis zu 100 Millionen Menschen an dem Virus. Dabei begann alles relativ harmlos: Laut dem Berliner Historiker Wilfried Witte erkrankten während der ersten Ansteckungswelle im Frühjahr 1918 zwar sehr viele Menschen, aber relativ wenige starben. Im Herbst nahm jedoch eine weitere, tödliche Welle ihren Lauf. Auch die Schweiz wurde in drei Wellen getroffen: im Juli 1918, im Oktober-November 1918 und im Dezember-März 1918-1919. (Im Bild: Ein Rekonvaleszentenzentrum bei einer Alphütte. Man ging davon aus, dass Frischluftkuren den Heilungsprozess vorantreiben.) Gerade dort, wo Menschen geballt aufeinandertrafen, wie in Rekruten- oder Kriegsgefangenenlagern, steckten sich laut Witte auf einen Schlag zahlreiche Menschen an. (Im Bild: US-Rekruten vor einem Lager.) Therapien wie invasive Beatmung standen Ärzten noch nicht zur Verfügung. Wenn überhaupt hätten Kranke in der Regel Mittel zur Kreislaufstärkung bekommen. «So etwas hat natürlich nicht geholfen», so Witte. (Im Bild: Kurzfristig errichtetes Lager für Erkrankte in den USA, 1918) Wo die Spanische Grippe ihren Ursprung hat, ist nicht gänzlich geklärt. Relativ sicher ist aber, dass sie nicht aus Spanien kam. Einer der Gründe, weshalb sie dennoch nach dem Land benannt wurde, ist, dass der damalige spanische König Alfons XIII. an dem damals noch unbekannten Virus erkrankte. Ein weiterer prominenter Betroffener war der norwegische Maler und Grafiker Edvard Munch. (Im Bild: Munchs Selbstbildnis nach überstandener Spanischer Grippe, 1919) Laut Historiker Wildfried Witte geht man heute davon aus, dass die Grippe im März 1918 zuerst Schüler und Soldaten in Kansas, USA, krank machte, die dann das Virus an Bord von Truppenschiffen nach Europa gebracht haben. Um die Infizierten unterzubringen, mussten Spitäler weltweit Notfallzentren errichten. Auch wenn die Grippewelle noch nicht über sie hereingebrochen war, standen bald in vielen Städten Notlazarette bereit. (Im Bild: Eine Halle der Universität von Burlington im US-Bundesstaat Vermont) Mit Plakaten versuchte man, die Lage unter Kontrolle zu bringen. Wie hier in Seattle machten Polizisten an vielen Orten vor, wie man den Mundschutz richtig einsetzt. Denn übertragen wurde der Erreger durch winzige Tröpfchen beim Husten oder Niesen. Wer ihn nicht trug, wurde von seinen Mitmenschen auf das Versäumnis hingewiesen. Dieser Schaffner verweigert einem Mann ohne Maske das Einsteigen. Für den Hausgebrauch gab es spezielle Grippe-Masken. Ärzte sahen bei Infizierten gewisse Muster: Nicht nur starben ungewöhnlich oft vermeintlich robuste Menschen zwischen 20 und 40 Jahren. Auch hatte sich die Haut der Erkrankten oft dunkelblau verfärbt – Zeichen der Unterversorgung mit Sauerstoff, wie Witte sagt. Wegen des fast schon schwarzen Teints hätten sich die Menschen an die Pest erinnert gefühlt. (Im Bild: Hand mit Pest-Symptomen) Zeitgenössische Ärzte hielten ein «Grippe-Bakterium» für die Ursache, obwohl man diese Theorie damals schon anzweifelte. Der wahre Auslöser, das Influenza-Virus, sollte später entdeckt werden – 1933. Obwohl es nach wie vor Pandemien gibt, gehen Experten wie Silke Buda vom Robert Koch-Institut (RKI) in Berlin nicht davon aus, dass sich Szenarien wie bei der Spanischen Grippe noch einmal wiederholen. Denn vor 100 Jahren seien die Umstände andere gewesen als heute. Viele Menschen hätten auch zusätzlich schon andere Krankheiten wie Tuberkulose gehabt. Zudem waren die Ärzte auch machtlos gegen die oftmals tödlichen bakteriellen Lungenentzündungen, die auf die Grippe folgten, weil es noch keine Antibiotika gab. (Im Bild: Penicillin-Werbung in einer deutschen Apotheke, 1954) Mehr über die schlimmste Grippe-Pandemie der Geschichte können Sie in Laura Spinneys Buch «1918 – Die Welt im Fieber» erfahren, das Ende Januar 2018 auf Deutsch erscheint.

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Schlimmer als die Kampfhandlungen des Ersten Weltkriegs (1914–1918) traf die Menschen zu Anfang des 20. Jahrhunderts die Spanische Grippe.

Innerhalb von nur zwei Jahren entwickelte sie sich bis ins Jahr 1920 zur schlimmsten Grippe-Pandemie der Geschichte mit 27 bis 50 Millionen – manchen Quellen zufolge sogar bis zu 100 Millionen – Toten. Allein in der Schweiz starben fast 25'000 Menschen.

Lange verdrängt

Anders als bei anderen derartigen Katastrophen sucht man Denkmäler und Relikte jener Zeit nahezu vergeblich, selbst Fotos sind eher rar.

Die vielleicht grösste Vernichtungswelle der Menschheitsgeschichte sei einer Art kollektivem Vergessen anheimgefallen, heisst es in dem Buch «1918 – Die Welt im Fieber» der Wissenschaftsjournalistin Laura Spinney, das am 29. Januar erscheint.

Erst in jüngerer Vergangenheit sei die Spanische Grippe vermehrt ins Bewusstsein der Menschen gerückt, auch weil sie zum Stoff von Büchern, Filmen und Serien wie «Downton Abbey» wurde. Zuvor: nicht viel mehr als eine Fussnote des Weltkriegs.


Die Angst, die damals umging, ist auch in der britischen TV-Serie «Downton Abbey» zu spüren. (Video: Youtube/stargazerparadox1945)

Unterschiedliche Heftigkeit

Im Deutschen Reich sollen einer Studie zufolge rund 426'000 Menschen der Grippe zum Opfer gefallen sein – das entspricht einer mittleren Grossstadt, einfach ausradiert. «Bei unserem heutigen Gesundheitssystem wäre das unerträglich, praktisch nicht vorstellbar», sagt die Grippe-Expertin Silke Buda vom Robert Koch-Institut (RKI) in Berlin.

Gleichwohl: Indien und Südafrika etwa erwischte es sehr viel heftiger. Und längst nicht aus allen Ländern gibt es überhaupt Daten. Aussagen mit letzter Sicherheit sind daher schwierig.

Drei Wellen

Der Berliner Historiker und Oberarzt der Charité, Wilfried Witte, hat über die Spanische Grippe geforscht. Der Nachrichtenagentur DPA sagte er, es habe damals alles relativ harmlos begonnen. Während der ersten Ansteckungswelle im Frühjahr 1918 erkrankten zwar sehr viele Menschen, aber relativ wenige starben. Im Herbst nahm jedoch eine weitere, tödliche Welle ihren Lauf.

Auch die Schweiz wurde in drei Wellen getroffen: im Juli 1918, im Oktober-November 1918 und im Dezember-März 1918-1919.


Im Baselbiet erkrankte jeder fünfte Einwohner an der Spanischen Grippe, vor allem junge Männer und Frauen. (Video: Youtube/GeschichteBaselland)

Gerade dort, wo Menschen geballt aufeinandertrafen, wie in Rekruten- oder Kriegsgefangenenlagern, steckten sich laut Witte auf einen Schlag zahlreiche Menschen an. «Die meisten sind an einem akuten Lungenversagen gestorben. Das ging rapide schnell vonstatten.»

Therapien wie invasive Beatmung standen Ärzten noch nicht zur Verfügung. Wenn überhaupt hätten Kranke in der Regel Mittel zur Kreislaufstärkung bekommen. «So etwas hat natürlich nicht geholfen», so Witte.

Ursprung unklar

Selbst der spanische König soll an dem damals noch unbekannten Erreger erkrankt sein. Es ist ein Grund, aus dem die Pandemie als «Spanische Grippe» in die Geschichte einging. Dass sie nicht von dort kam, ist aber relativ sicher.

Um den wahren Ursprung ranken sich mehrere Theorien. Witte zufolge wird angenommen, dass die Grippe im März 1918 zuerst Schüler und Soldaten in Kansas, USA, krank machte. Mit Truppenschiffen soll das Virus auch nach Europa gelangt sein. Die Menschen steckten sich durch winzige Tröpfchen beim Husten oder Niesen an, wohl jeder Ort hatte Opfer zu beklagen.

Blauer Teint

Ärzte sahen bei Infizierten gewisse Muster: Nicht nur starben ungewöhnlich oft vermeintlich robuste Menschen zwischen 20 und 40 Jahren. Auch hatte sich die Haut der Erkrankten oft dunkelblau verfärbt – Zeichen der Unterversorgung mit Sauerstoff, wie Witte sagt. Wegen des fast schon schwarzen Teints hätten sich die Menschen an die Pest erinnert gefühlt.

Zeitgenössische Ärzte hielten ein «Grippe-Bakterium» für die Ursache, obwohl man diese Theorie damals schon anzweifelte. Der wahre Auslöser, das Influenza-Virus, sollte später entdeckt werden – 1933. Inzwischen sehen Wissenschaftler die Spanische Grippe nicht mehr unbedingt als Einzelfall, sondern als Prototyp von Pandemien. Sie kann sich wiederholen – das zeigten etwa die Asiatische Grippe (1957) und die Hongkong-Grippe (1968), wenn auch in geringerem Ausmass.

Viren werden gefährlicher

Damals seien die Umstände andere gewesen als heute, betont Buda. Genau die gleiche Situation wie 1918 werde so nicht mehr eintreten. Damals seien die Lebensbedingungen viel schlechter gewesen. Viele Menschen hätten auch zusätzlich schon andere Krankheiten wie Tuberkulose gehabt. Gegen oftmals tödliche bakterielle Lungenentzündungen, die auf die Grippe folgten, waren Ärzte machtlos: Antibiotika gab es noch nicht.

Gleichwohl gebe es heute andere grosse Herausforderungen, sagt Buda. Dazu gehörten zum Beispiel zunehmende Antibiotika-Resistenzen. Zudem könne der globale Reiseverkehr zu einer noch viel schnelleren Virus-Verbreitung weltweit führen als 1918. «Die Menschen werden heute zudem sehr viel älter als früher, haben dann aber oftmals Grunderkrankungen und sind anfälliger für schwere Krankheitsverläufe», sagt sie.

Das sind die schlimmsten Infektions-Krankheiten weltweit

(fee/sda)

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Beat am 06.01.2018 21:29 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ähm

    das 19te Jahrhundert ist von 1801 bis 1900 liebe Autoren

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  • Oli am 06.01.2018 21:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    O.m

    Sorry aber das war das 20. Jahrhundert

  • Smartina am 06.01.2018 22:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nonna wo immer du bist

    Meine Grossmutter überlebte die Spanische Grippe, zum guten Glück!!!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Trucker am 15.01.2018 13:54 Report Diesen Beitrag melden

    Wäre wieder mal (dringend) nötig

    Die Überbevölkerung steigt stetig, und ich habe echt keine Lust bald an jeder Kasse oder jedem Automaten eine halbe Stunde lang anzustehen.

  • M.G. am 08.01.2018 12:47 Report Diesen Beitrag melden

    Einzigartige Pandemie

    Diese Grippe war einzigartig. In 2006 gelang die Reaktivierung von Viren der spanischen Grippe welche man aus Leichen im Permafrostboden gewonnen hatte. In Mäuse injeziert zeigte sich der sogenannte Zytosinsturm der erklärt warum junge und vorher gesunde Menschen an dieser Form der Grippe starben. Diese Art Überreaktion des Immunsystems wurde seither bei keiner anderen Influenza-Variation mehr beobachtet. Zytosin ist der körpereigene Botenstoff der die Menge an Abwehrzellen steuert. Nur bei dieser Variante des A/H1N1-Virus greift das Immunsystem das komplette Lungengewebe an, auch das gesunde.

    • Cartman1993 am 08.01.2018 16:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @M.G.

      Mal ein interessanter Kommentar:)

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  • Martin am 08.01.2018 10:19 Report Diesen Beitrag melden

    Und Heute ...

    ... sind Ärzte auch Machtlos weil die Viren Antibiotika Resistent sind. Antibiotika ist halt kein Wundermittel.

    • Daniela am 08.01.2018 11:57 Report Diesen Beitrag melden

      Antibiotika wirken nicht gegen Viren

      Antibiotika helfen ja auch nicht gegen Viren

    • asdfasdf am 08.01.2018 13:27 Report Diesen Beitrag melden

      Daniela hat recht

      Lieber Martin, Antibiotika wirken tatsächlich nicht gegen Viren. Wie der Name andeutet, wirken diese gegen (anti) Leben (bios). Viren werden nicht als Lebewesen kategorisiert.

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  • Ruedi O am 07.01.2018 20:24 Report Diesen Beitrag melden

    Machtlose Ärzte?

    "Gegen oftmals tödliche bakterielle Lungenentzündungen, die auf die Grippe folgten, waren Ärzte machtlos: Antibiotika gab es noch nicht." - Dort sind wir schon bald wieder, denn die heute z.V. stehenden Antibiotika werden zunehmend unwirksam, wegen Resistenzen bzw. Multiresistenz der Krankheitskeime. Anderseits sind wir schon bei 7,5 Mia. Menschen auf dem Planeten. Wird die Natur sich schliesslich selber helfen?

  • Theres am 07.01.2018 15:33 Report Diesen Beitrag melden

    zu starke Immunabwehr

    Der Grund weshalb viele Junge Menschen(vor allem aus gutem Haus) starben, ist folgender. Diese Leute hatten ein gutes Immunsystem und dieses gute Immunsystem reagierte überschiessend auf den Erreger. Die Leute starben also nicht an der Grippe selbst, sondern an der heftigen Reaktion darauf.