Gefährliche Darmerreger

03. Juni 2011 16:10; Akt: 08.06.2011 11:33 Print

Experte schliesst EHEC-Anschlag nicht aus

Wurden die krankmachenden EHEC-Bakterien im Labor gezüchtet und vorsätzlich in Umlauf gebracht? Ein Berliner Hygiene-Experte hält dieses absurd anmutende Szenario nicht für unmöglich.

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«Das Problem ist eigentlich nicht das Bakterium selbst, sondern ein Toxin (Giftstoff), das von ihm produziert wird», sagt Andreas Widmer, Leitender Arzt der Spitalhygiene des Universitätsspitals Basel. Laut Widmer Eine derartige Häufung der Krankheitsfälle und die teils schweren Verlaufsformen liessen allerdings darauf schliessen, dass nicht der ursprüngliche Typ des Erregers für die zahlreichen Infektionen verantwortlich gemacht werden könne. Bereits nach den ersten EHEC-Ausbrüchen in Deutschland vermuteten Experten, dass es sich es sich handle. Nachdem der Übeltäter als Serotyp 0104:H4 enttarnt wurde, verwarf man diese Hypothese aber zunächst wieder. Nach aktuellem Wissensstand ist nun doch alles ganz anders, als bisher angenommen. Während man am Uniklinikum Münster ausschliesslich die Oberflächenstruktur des EHEC-Erregers analysierte und zuordnete, gelang es deutschen und chinesischen Forschern wenig später, das Erbgut des Keims zu entschlüsseln - mit überraschendem Resultat: Bislang wurde hauptsächlich von deutschen Infektionsfällen mit dem EHEC-Erreger berichtet. Andreas Widmer: «Nein, ich persönlich rate aber dazu, in Deutschland gekauftes Obst und Gemüse nicht ungekocht oder ungeschält zu verzehren, solange die Infektionsquelle noch unklar ist.» Bei Schweizer Früchten und Gemüse besteht Widmer zufolge derzeit keine Gefahr. «Von Mensch zu Mensch wird der Erreger über eine Schmierinfektion übertragen. Da es sich um ein Darmbakterium handelt, kann es selbst durch geringe Mengen Stuhl übetragen werden», sagt Widmer. Geschätzte 20 Prozent aller Ehec-Erkrankungen werden auf diesem Wege verbreitet. «Starker, häufig auch blutiger Durchfall ist für eine EHEC-Infektion typisch», sagt Widmer. Anders als bei einer Infektion mit Salmonellen mache sich EHEC aber nicht durch Fieber bemerkbar. Treten die für EHEC typischen Beschwerden auf, rät der Professor dazu, sich umgehend in die Notfallstation eines Spitals zu begeben. Andreas Widmer: «Mit Hilfe einer Laboranalyse. Alledings ist hierfür ein spezieller Test notwendig - es muss also bereits ein dringender Verdacht vorliegen, damit dieser Test gemacht wird.» Aufgrund der zahlreichen EHEC-Fälle in Deutschland, entwickelten Forscher des Universitätsklinikums Münster einen Schnelltest. «Ganz im Gegenteil: Antibiotika führen zu einer massiven Verschlechterung des Zustands, weil durch das Abtöten der Erreger die Freisetzung von Giftstoffen angekurbelt wird», warnt Widmer. Auch von einer Selbstbehandlung mit Durchfallmedikamenten rät der Spezialist ab: «Sie fördern die Aufnahme dieser Toxine.» «Normalerweise sind schwere Verläufe eher selten. Einige der aktuellen Fälle in Deutschland verlaufen jedoch ungewöhnlich schwer», sagt der Experte. Bei einem kritischen Verlauf könne es zu einer schweren Blutgerinnungsstörung, einem sogenannten HUS (hämolytisch-urämischen Syndrom), sowie zu schweren Nierenschädigungen bis hin zu Nierenversagen kommen. Andreas Widmer: «Mit einer intravenösen Salzlösung wird die verlorengegangene Flüssigkeit ersetzt». Um Nierenschäden durch die im Organismus freigesetzten Giftstoffe zu verhindern, kann eine Dialyse (Blutwäsche) zum Einsatz kommen.» Ansonsten seien die Therapiemöglichkeiten sehr beschränkt, wie Widmer ergänzt. Andreas Widmer: «Nein, bislang steht uns keine Immunisierung zur Verfügung.»

EHEC: Antworten auf die wichtigsten Fragen.

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Noch immer gibt es keine Spur, die zur Quelle des EHEC-Erregers führt. Der Chefarzt für Hygiene an den Vivantes-Kliniken Berlin, Klaus-Dieter Zastrow, bemängelte im Gespräch mit dapd-Korrespondent Holger Mehlig am Freitag in Berlin, dass vorhandene Experten bei der Suche noch gar nicht eingebunden seien. Zugleich kritisierte er, dass Behörden die Möglichkeit nicht in Betracht zögen, dass die Epidemie durch einen Anschlag mit im Labor produzierten EHEC-Bakterien ausgelöst worden sein könnte.

Warum ist es so schwierig, die Quelle des EHEC-Darmkeims zu entdecken?
Klaus-Dieter Zastrow:
Der EHEC-Erreger wird über die Nahrungsmittelaufnahme verbreitet. Das Problem ist, dass kein Nahrungsmittel ausgeklammert werden kann. Ausnahmen sind die, die vorher entsprechend erhitzt worden sind: Zehn Minuten über 70 Grad. Da kann man beispielsweise Suppen, gekochtes Gemüse und auch kurz gebratenes Fleisch ausnehmen, auch Kaffee oder Tee. Aber Achtung: Eine wichtige Übertragungsquelle für alle Seuchen ist immer Wasser.

Also sollte man Leitungswasser nicht mehr ungekocht trinken?
Doch, das ist weiter möglich, weil die Trinkwasserqualität in Deutschland hervorragend ist. Hier werden jeden Tag bei den Wasserversorgern sehr viele Proben gemacht. Wenn aber jemand einen Brunnen auf dem flachen Lande hat, dann weiss man es nicht so genau. Es geht dann um die Frage, wie viele Menschen Zugang haben zu diesem, wie viele davon trinken. Was die Erkrankten verzehrt oder getrunken haben, muss man durch Befragungen rauskriegen. Das ist aber äusserst schwer.

Was ist das Problem?
Die Inkubationszeit beträgt bis zu zehn Tagen. Und wer kann schon sagen, was er vor zehn Tagen gegessen hat? Im Norden wurden die meisten Fälle gemeldet. Da muss es eine bislang völlig unbeachtete Quelle geben. Die gilt es, jetzt schnell zu finden. Das Robert-Koch-Institut ist überfordert, weil es auf keinen Fall genügend Leute hat, um da flächendeckend tätig zu werden. Vier oder fünf Leute reichen nicht aus. Eine gute Lösung wäre, die in Deutschland vorhandenen Experten und Hygieniker aus den Kommissionen am Robert-Koch-Institut (RKI) oder das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) einzubinden. Das beim Verbraucherschutzministerium angesiedelte BFR, hat auch eine Hygiene-Kommission, die noch gar nicht angesprochen wurde. Man hat die Leute, nutzt aber die Ressourcen nicht. Darüber muss man sich schon wundern.

Kann man spekulieren, wo die Quelle sein könnte?
Es gibt Verkehrsknotenpunkte, an denen viele Menschen vorbeikommen. Beispielsweise Flughäfen oder Autobahnen. Das Flugzeug hat Verspätung, die Leute warten, also essen sie noch schnell ein Softeis oder eine Currywurst - und peng, haben sie sich mit irgendwelchen Keimen infiziert. So was muss man suchen. Es ist unglücklich, dass dieser EHEC-Keim so früh auf Gurken entdeckt wurde. Dadurch wurde alles andere ausgeblendet. Wichtigste Aufgabe ist es, die Quelle schnell zu finden, damit es nicht zur Erkrankung kommt. Da kann und muss man mehr tun.

Es kursieren Verschwörungstheorien, nach denen das Ganze ein Anschlag sein könnte.
Es ist nicht gut, in diesem Zusammenhang von Verschwörungstheorien zu reden, weil man dann gleich nicht mehr ernst genommen wird. Aber es gibt auch Verrückte, die in unserem Land rumlaufen, wie in der Vergangenheit schon häufig gesehen. Wir hatten doch schon Fälle, bei denen Leute zum Beispiel die Mayonnaise in Supermärkten vergifteten. Es kann durchaus sein, dass ein Schwachkopf unterwegs ist und denkt, ich bringe mal ein paar Leute um oder verpasse 10 000 Leuten Durchfälle. Das aus dem Blickfeld zu nehmen, halte ich für einen Fehler und geradezu fahrlässig. Man soll doch nicht so tun, als ob es so etwas nicht gäbe. Einen Terroranschlag halte ich allerdings auch für unwahrscheinlich. Dafür wären die üblichen Bekennerschreiben typisch - und die gibt es ja nicht.

Es soll sich ja um völlig neue Erreger handeln. Können solche Mutationen denn überhaupt von Kriminellen oder Terroristen produziert werden?
Ja, wer Geld hat, kann Labore beauftragen, die sich mit solchen Dingen beschäftigen. Im Internet sind ja auch Anleitungen zu finden, wie man Sachen panscht. Gerade jetzt, da es sich um einen völlig neuen Stamm handeln soll, einen Typ, von dem das Loeffler-Institut heute morgen sagte, er sei auch noch nie bei Rindern gesehen worden, lässt ja auch an ein Kunstprodukt denken. Wenn wir es jetzt mit einem völlig neuen Keim zu tun haben, muss man auch fragen, woher er kommt.

(ap)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • over lord am 04.06.2011 01:52 Report Diesen Beitrag melden

    meine Annahme

    die Pflanzen wurden mit Mist von Nutztieren gedüngt, welche mit einer Form von Antibiotika behandelt wurden, z,B über das Futter. Nun hat sich in den Eingeweiden dieser Tiere ein resistentes, dür sie nicht schädliches, Bakterium entwicklet.

  • Claudia am 03.06.2011 17:57 Report Diesen Beitrag melden

    Keime ändern sich nicht nur in Labors

    Jaja, wenn man nichts findet kommt man wieder mit den Terroranschlägen. Den Spaniern kann man nun ja nicht mehr die Schuld einfach mal so in die Schuhe schieben. Vielleicht lieber die Energie darauf verwenden den Ursprung des Erregers zu finden. Bakterien können sich auch ausserhalb eines Labors verändern.

  • Max Röthlisberger am 03.06.2011 19:22 Report Diesen Beitrag melden

    Dann ratet noch einen Moment weiter...

    bis ihr rausfindet, wo die Mutation sich"abgeseilt" hat !

Die neusten Leser-Kommentare

  • broennimann marianne am 04.06.2011 10:31 Report Diesen Beitrag melden

    Mehr Lebensmittel kontrollieren!

    Man darf nicht nur Gemüse kontrollieren, der Erreger kann auch in anderen Lebensmitteln sein!Wenn Grippeviren im Schweeinefleisch bestens weiterdümpeln!

  • over lord am 04.06.2011 01:52 Report Diesen Beitrag melden

    meine Annahme

    die Pflanzen wurden mit Mist von Nutztieren gedüngt, welche mit einer Form von Antibiotika behandelt wurden, z,B über das Futter. Nun hat sich in den Eingeweiden dieser Tiere ein resistentes, dür sie nicht schädliches, Bakterium entwicklet.

  • Jamc am 04.06.2011 00:35 Report Diesen Beitrag melden

    Geeeenau

    Als AIDS und Ebola zuerst auftauchten wurde damals auch von Virenzucht die Rede ... Ein Virus führt den selben Überlebenskrieg wie alles auf diese Erde.

    • Birgit am 07.06.2011 10:36 Report Diesen Beitrag melden

      Bakterium

      DAS IST KEIN VIRUS!! und hat auch andere Eigenschaften. Dasmit dem èberlebenskampf stimmt aber

    einklappen einklappen
  • Marco Kälin am 03.06.2011 23:19 Report Diesen Beitrag melden

    In den USA gab es das schon einmal!

    Der Aussage, dass es sich bei dieser Epedemie um einen Anschlag handeln könnte, ob von einem Spinner oder einer Terrororganisation oder einigen Fanatikern die glauben so die Welt verändern zu können, stehe ich nicht negativ gegenüber. Es kann durchaus sein das sich diese Geschichte so in die Welt gebracht hat und es wäre nicht zum ersten mal das es passiert. Wie einfach ist es an einem Salatbuffet, an einer Kirmes oder an einem öffentlichen Ort eine kleine Sprühflasche mit verseuchter Flüssigkeit hervor zu nehmen und etwas zu besprühen das dann viele aufnehmen werden? So wie in den USA pas.

  • Analytiker am 03.06.2011 22:58 Report Diesen Beitrag melden

    Logisch schliesst er es nicht aus

    Da könnte er ja höchstens verlieren ... so macht er eigentlich keine Aussage.