«Alters-Gene»

15. November 2012 19:28; Akt: 16.11.2012 12:44 Print

Im Polypen steckt der Traum vom ewigen Leben

Süsswasserpolypen altern nicht und sind potentiell unsterblich. Nun ist es deutschen Forschern gelungen, der Hydra ihr Geheimnis zu entlocken: Auch Menschen tragen das Gen in sich.

Bildstrecke im Grossformat »
Victoria Beckham will jung sein, unverschämt jung. Ihr Geburtstgewicht hat sie beinahe schon erreicht, nur im Gesicht meint die 38-Jährige müsste noch was getan werden. Ihr neuster Faltenkiller: Schafplazenta. Das ist aber noch nicht alles. Die vierfache Mutter gönnt sich neben der Schafsplazenta-Behandlung auch gern mal eine Kur mit Vogelkot. Aber nicht von Spatz und Taube, sondern von einer japanischen Nachtigall. Die Hinterlassenschaft des Piepmatz soll wahre Wunder wirken. Posh Spice ist aber nicht allein, wenn es um tierische Schönheitskuren geht. Schauspielerin Demi Moore schwört auf die Blutegel-Kur. Alle paar Monate dürfen sich dafür die Blutsauger an dem Lebensaft der 48-Jährigen labben. Auch «Desperate Housewives»-Star Eva Longoria (37) hat ein Schönheitsgeheimnis: Plazenta-Crème. Supermodel Elle Macpherson erzürnte mit ihrem Schönheitsgeheimnis Tierschützer rund um den Globus. Die 49-Jährige entdeckte nämlich Nashornpulver als ihren Jungbrunnen. Wenn Robbie Williams seine Liebste «heisse Schnecke» nennt, dann nicht ohne einen Grund. Ayda Field lässt sich ihre Falten nämlich von Schneckenschleim glätten. Natürlich nicht von irgendwelchen Schnecken, sondern von der chilenischen Braunschnecke. Apropos Plazenta: Auch der 49-jährige Schauspieler Tom Cruise lässt sich mittels Stammzellen-Kur hin und wieder auffrischen. Superdiva Jennifer Lopez schwört ebenfalls auf den Mutterkuchen anderer Frauen. Die 42-Jährige gibt dafür im Monat bis zu 1000 Dollar aus. Ob es wirkt oder nicht, die Sängerin sieht jedenfalls fabelhaft aus. Das Schönheitsgeheimnis von Jerry Hall ist zwar nicht tierischer Natur, dafür genauso bizarr. Die 57-Jährige lässt sich angeblich Porzellan unter die Haut spritzen. Damit bekommt die Aussage, «sie hat ein Haut wie Porzellan» eine völlig neue Bedeutung. Ihrer Tochter Lizzy Jagger macht die Blondine jedenfalls ziemlich Konkurrenz. Schauspieler Gwyneth Paltrow lässt sich zwar angeblich kein Botox-Gift spritzen. Dafür setzt die 39-Jährige auf Schlangegift, dass sie sich in ihr hübschen Gesicht reibt.

Der Traum von der ewigen Jugend: Vogelscheisse und Schafplazenta sind die neuen Faltenkiller von Posh Spice. Doch die Diva ist nicht allein. Nashornpulver, Blutegel und Schneckenschleim sollen die Hollywood-Ladies wieder jung und knackig machen.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Gibt es das ewige Leben? Wissenschaftler der Christian-Albrechts-Universität in Kiel sind dieser Frage nachgegangen und haben deshalb besonders langlebige Lebewesen auf Herz und Nieren geprüft. Im Mittelpunkt des Interesses standen Süsswasserpolypen. Die etwa einen Zentimeter grossen Hydra altern nicht und sind so potentiell unsterblich. Der Grund liegt in ihrer Fortpflanzung: Die Tiere haben keinen Sex, sondern teilen sich einfach selbst.

Um sich erfolgreich zu vermehren, müssen ihre Stammzellen stets in der Lage sein, sich zu erneuern. Menschen hingegen verlieren diese Fähigkeit im zunehmenden Alter. Mit der schwindenden Zellerneuerung erschlafft nicht nur die Haut, sondern auch Organe wie das Herz. Auch das Immunsystem ist bei Senioren bekanntermassen nur noch bedingt abwehrbereit.

Zu Beginn des Experiments isolierte das Team um Doktorandin Anna-Marei Böhm das fragliche Gen, dass die Polypen bei der Stange hält. «Auf der Suche nach dem Gen, das für die Unsterblichkeit der Hydra verantwortlich ist, sind wir unerwartet ausgerechnet auf das sogenannte FoxO-Gen gestossen», zitiert das Wissenschaftsportal «Labor Praxis» ihre Erkenntnisse, die auch im Fachmagazin «Proceedings of the National Academy of Sciences» publiziert worden sind.

Inaktiviertes FoxO-Gen schwächt Hydra

Warum aber bleibt das FoxO-Gen bei den Hydra jung und knackig, während dasselbe Gen bei alten Menschen seine Fähigkeiten verliert? In einem nächsten Schritt manipulierten die Kieler Forscher das entsprechende Gen in den Süsswasserpolypen: Bei einer Gruppe schalteten sie es ab, eine liessen sie unverändert und bei einer dritten verstärkten sie es.

Das Ergebnis: Tiere mir deaktiviertem FoxO-Gen trugen deutlich weniger Stammzellen in sich. «Da besonders aktives FoxO bereits bei über hundertjährigen Menschen festgestellt wurde, ist es mit grosser Wahrscheinlichkeit ein entscheidender Faktor beim Altern – auch beim Menschen», fasst Professor Thomas Bosch, der Leiter der Hydra-Studie, zusammen.

Erkenntnisse von 2009 bestätigt

Der Hintergrund: Forscher der Universität Kiel haben bereits vor drei Jahren entsprechende Untersuchungen angestellt: Sie nahmen DNA-Proben von 388 Deutschen, die älter als 100 Jahre sind, und verglichen die Ergebnisse mit den Proben von 731 jüngeren Versuchskaninchen. Dabei stiessen sie auf einen Gentyp namens FoxO3, der bei den «Methusalems» besonders häufig vorkommt.

Die neuen Ergebnisse bestätigen, dass die FoxO-Gene entscheidend für die Stammzellen sind, die wiederum für eine lange Lebensdauer verantwortlich sind. Ausserdem zeigen sie, dass der Erhalt der Stammzellen wesentlich für die Aufrechterhaltung des Immunsystems ist. Weitere Experimente müssen jedoch erst klären, wie FoxO beim Menschen genau funktioniert.

Solange will die «Bild»-Zeitung nicht warten und beurteilte die Studie gewohnt euphorisch: «Es steckt in uns allen: Forscher entdecken Gen für ewiges Leben». Ähnlich hat die Zeitung auch 2009 schon getitelt, als die Kieler damals das «Methusalem-Gen» fanden.

(phi)