Ihre Story, Ihre Informationen, Ihr Hinweis?
feedback@20minuten.ch 
Wundermittel Fumarsäure
24. Oktober 2011 18:41; Akt: 09.03.2012 12:42 Print
Schuppenflechte-Arznei wirkt auch bei MS
von Runa Reinecke - Eine neue Studie bezeugt, dass ein Psoriasis-Medikament auch vielen Multiple-Sklerose-Patienten helfen könnte. Wir haben zwei an der Studie beteiligte Ärzte zu den Wirkmechanismen der Arznei befragt.

Multiple Sklerose unterbricht die Nervenbahnen. (Bild: Schweizerische MS-Gesellschaft)
Für die meisten Krankheiten, die ein Mensch im Laufe seines Lebens ereilen kann, hat die moderne Medizin einen passenden Antagonisten parat. Bei der Multiplen Sklerose, einer Autoimmunkrankheit, bei der das Myelin, die Isolationsschicht der Nerven durch punktuelle Entzündungen angegriffen wird, vermögen basistherapeutische Medikamente lediglich den Verlauf des Leidens mehr oder weniger zu verlangsamen. Eine Heilung gibt es nicht.
Multiple Sklerose (MS)Die Gründe für das Auftreten der Autoimmunerkrankung sind bisher unklar. In der Schweiz sind rund 10 000 Menschen von MS betroffen. Obwohl weltweit an wirksamen Medikamenten zur Heilung der MS geforscht wird, kann bisher nur der Verlauf der Krankheit begünstigt werden.
Zu Beginn der Erkrankung verläuft die MS meist in Schüben, bei denen das Immunsystem die Nervenstränge angreift. Das Myelin - die Isolationsschicht der Nerven - wird durch Entzündungsherde im Gehirn oder dem Rückenmark punktuell abgetragen. Die Leitfähigkeit der darunterliegenden Nerven wird angegriffen oder sogar zerstört. Diese Herde - auch Läsionen genannt - können sich beim Betroffenen mittels unterschiedlichster Symptome äussern: Besonders häufig kommt es zu Sehstörungen oder Erblindung, Sensibilitätsstörungen oder Lähmungen der Extremitäten. Oft erfahren die Patienten wenige Wochen nach Auftreten des Symptoms eine deutliche Besserung oder sogar eine vollständige Ausheilung des Schubes.
Nach mehreren Jahren des schubförmigen Verlaufs geht die MS in vielen Fällen in ein chronisches Stadium über: Die Behinderungen nehmen langsam zu und bilden sich nicht mehr zurück (sekundär-progredienter Verlauf). In seltenen Fällen verläuft die Krankheit von Beginn an chronisch (primär-progredienter Verlauf).
Bisher kann nur in den Verlauf einer Multiplen Sklerose eingegriffen werden. Hierfür stehen dem Patienten, insbesondere bei der schubförmigen Verlaufsform Medikamente, sogenannte Immunsuppressiva zur Verfügung, die das fehlgeleitete Immunsystem, das den eigenen Körper angreift, regulieren. Kortison (meist in Form einer hochdosierten Infusion) soll dazu beitragen, dass ein akuter Schub verkürzt wird. (rre)
Jetzt ruhen die Hoffnungen der MS-Patienten auf einem Medikament mit dem Wirkstoff Fumarat beziehungsweise Fumarsäure, das in einigen europäischen Ländern seit mehreren Jahren mit Erfolg zur Behandlung von Schuppenflechte (Psoriasis) eingesetzt wird. In der über zwei Jahre andauernden Phase-III-Studie gelang der Nachweis, dass es unter Gabe des Fumarsäure-Präparats BG-12 zu einer deutlichen Schubreduktion kam. Geleitet wurden die Untersuchungen vom deutschen Neurologen Ralf Gold. Während der diesjährigen ECTRIMS-Konferenz in Amsterdam sorgte der Direktor der Neurologischen Universitätsklinik in Bochum am Freitag für Begeisterung bei den anwesenden Fachpersonen. Die Zahlen, die der Professor während seiner Podiumspräsentation verkündete, überzeugten: Die Studienteilnehmer, die das Präparat des Pharmaunternehmens Biogen während der placebokontrollierten Studie zwei Mal am Tag einnahmen, hatten um 49 Prozent weniger Schübe erlitten. Bei den Probanden, die die Tabletten dreimal täglich eingenommen hatten, reduzierte sich die Schubrate um 50 Prozent gegenüber der Scheinmedikation. Über bildgebende Verfahren (MRT) zeigte sich darüber hinaus innerhalb von zwei Jahren eine signifikante Reduktion der für MS typischen Gehirnläsionen (siehe Info-Box).
Sicher und wirksam
Tatsächlich könnte BG-12 für MS-Patienten eine gute Alternative zu bisherigen Basis-Arzneien darstellen: «Insbesondere die Kombination aus hoher Wirksamkeit und Sicherheit machen das Medikament zu einer interessanten Behandlungsoption», kommentiert Ralf Gold die Erkenntnisse.
Zwar ist nun bekannt, dass BG-12 einen positiven Einfluss auf den schubförmigen Verlauf hat. Wie das Medikament aber genau wirke, sei noch nicht vollumfänglich geklärt, wie der an der Studie beteiligte Leiter der Neurologischen Klinik des Universitätsspitals Basel, Ludwig Kappos, anmerkt: «Wahrscheinlich besteht in zweierlei Hinsicht eine Interaktion mit dem Entstehungsprozess der Multiplen Sklerose». Das Präparat wirke sich einerseits «positiv auf die Regulation des fehlgeleiteten Immunsystems» aus. Darüber hinaus vermutet man, so Kappos gegenüber 20 Minuten Online, eine «Nervenzellen-schützende Wirkung».
An der sogenannten DEFINE-Studie hatten insgesamt 1237 Probanden mit schubförmig verlaufender MS im Alter von 18 bis 55 Jahren an 198 Standorten in 28 Ländern teilgenommen. Zwar gilt die Fumarsäure im Vergleich zu anderen Präparaten als gesundheitlich wenig beeinträchtigend, dennoch kam es bei insgesamt fast 96 Prozent der Patienten (inklusive Placebo) zu Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen, Diarrhö und Erschöpfung (Fatigue). Zu den häufigsten unerwünschten Effekten gehörten Magenbeschwerden und Flush (Hautrötungen).
BG-12: Eine Option für weitere Verlaufsformen?
Nach den Resultaten der DEFINE-Studie werden jetzt die Ergebnisse einer weiteren klinischen Untersuchung sehnlichst erwartet: Im Rahmen der CONFIRM-Studie wird BG-12 laut der Schweizerischen MS-Gesellschaft nicht nur mit einem Placebo, sondern auch mit dem etablierten Basismedikament Glatirameracetat (Handelsname Copaxone) verglichen. Die Ergebnisse der CONFIRM-Studie sollen noch dieses Jahr veröffentlicht werden.
Ob sich BG-12 auch bei anderen Verlaufsformen der MS profilieren könnte, wollte Ralf Gold gegenüber 20 Minuten Online nicht ausschliessen: «Aufgrund der oben genannten Mechanismen ist es auch für progrediente Verlaufsformen sehr vielversprechend. Das muss aber noch getestet werden.»
Fragen und Antworten rund um die Kommentar-Funktion
«Warum dauert es manchmal so lange, bis mein Kommentar sichtbar wird?»
Unsere Leser kommentieren fleissig - durchschnittlich gehen Tag für Tag 4000 Meinungen zu allen möglichen Themen ein. Da die Verantwortung für alle Inhalte auf der Website bei der Redaktion liegt, werden die Beiträge vorab gesichtet. Das dauert manchmal eben einige Zeit.
«Gibt es eine Möglichkeit, dass mein Beitrag schneller veröffentlicht wird?»
Wer sich auf 20 Minuten Online einen Account zulegt und als eingeloggter User einen Beitrag schreibt oder auf einen Kommentar antwortet, der wird vorrangig behandelt. Hat ein eingeloggter User bereits viele Kommentare verfasst, die freigegeben wurden, so werden seine neuen Beiträge mit oberster Priorität behandelt.
«Warum wurde mein Kommentar gelöscht?»
Womöglich wurde der Beitrag in Dialekt verfasst. Damit alle deutschsprachigen Leser den Kommentar verstehen, ist Hochdeutsch bei uns Pflicht. Sofort gelöscht werden Beiträge, die Beleidigungen, Verleumdungen oder Diffamierungen enthalten. Auch Kommentare, die aufgrund mangelnder Orthografie quasi unlesbar sind, werden das Licht der Öffentlichkeit nie erblicken. (oku)
Haben Sie allgemeine Fragen zur Kommentarfunktion?
Schreiben Sie an feedback@20minuten.ch
Hinweis: Wir beantworten keine Fragen, die sich auf einzelne Kommentare beziehen.
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Deshalb können Storys, die älter sind als 72 Stunden, nicht mehr kommentiert werden. Wir bitten um Verständnis.
-
Alle 4 Kommentare





























Nicht erhältich in CH
Es wäre vielleicht interessant zu erwähnen, dass Fumarsäure in der Schweiz nicht mehr zugelassen ist oder verkauft wird. Ich muss jedesmal nach Deutschland das holen gehen (teuer mit Verzollen) und mich jährlich mit der Krankenkasse rumschlagen (obwohl es als einziges Präparat bei meiner Psoriasis hilft)! Und das alles obwohl es von einer Schweizer Firma hergestellt wird!
Klar gibts Fumarat in der Schweiz!
Hallo Psi-Low Mein Tipp: Versuchs in einem Uni-Spital (die habens in ihrer Apotheke). Vielleicht solltest du dir mal dort einen Arzt suchen - nur die niedergelassenen Ärzte dürfens nicht verschreiben.
patienten umschiffen absurde §§
Spitalärzte dürfen verschreiben, niedergelassene Aerzte nicht - was für eine absurde vorschrift! Danke jedenfalls für den tipp, wir patienten wissen uns zu helfen trotz unsinnigen und patientenfeinflichen vorschriften.
Swissmedic schreiben!
Schreiben Sie doch mal eine Mail an Swissmedic. Ich weiss auch nicht, warum Fumaderm in der Schweiz nicht zugelassen ist.