Unters Messer

27. Oktober 2013 22:07; Akt: 28.10.2013 11:12 Print

Streit um Magenbänder für dicke Kinder

von Camilla Alabor - Magen-OPs an fettleibigen Kindern sollen in Ausnahmefällen erlaubt werden, findet eine Expertengruppe. Das sei unverantwortlich, mahnen Kritiker.

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Magenoperationen bei Kindern sind heute in der Schweiz nicht möglich. Ein Fachverband von spezialisierten Ärzten möchte das ändern. (24.10.2013) «Zwar müssen Magenoperationen an Kindern die absolute Ausnahme bleiben», sagt Martin Sykora, Chirurg und Leiter des Adipositas-Zentrum am Kantonsspital Luzern. «Doch wenn ein Kind mit 10 Jahren gesundheitlich am Anschlag ist, sich kaum noch bewegen kann und alles andere nicht geholfen hat - dann sollte eine solche Operation möglich sein.». Sykora ist Mitglied beim Swiss Study Group for Morbid Obesity, welche die Richtlinien zurzeit erarbeitet, gemeinsam mit der Schweizerischen Gesellschaft für Pädiatrie. Dagmar Lallemand, Kinderärztin und Spezialistin am Ostschweizer Kinderspital, hält dagegen: «Magenoperationen sind gar nicht das Thema. Richtlinien sind deshalb nicht nötig: Wir müssen nicht für den Ausnahmefall eine Regel schaffen.» Viel stossender sei doch, dass die Krankenkassen den Kindern keine Ernährungsberatung zahlten. Für Ruth Baumann-Hölzle, Leiterin des Instituts Dialog Ethik, kann eine Operation als letztes Mittel und in Ausnahmesituationen vertretbar sein. «Die Gefahr besteht aber, dass man das Problem medizinalisiert - im Sinne von, bei fettleibigen Kindern kann man ja immer noch operieren», sagt die Medizinethikerin, «das ist nicht Lösung.» Vielmehr brauche es mehr Ressourcen für Präventionsprogramme und striktere Regeln für die Nahrungsmittelindustrie. «Es kann nicht sein, dass zum Beispiel ein Joghurt sechs Würfelzucker enthält.»

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Bei einer Grösse von 1.30 Meter wiegen sie 60 Kilo oder mehr, und das im Alter von acht Jahren. Sieben Prozent der Kinder in der Schweiz sind fettleibig. Sie können weder einem Ball hinterher rennen, noch in einem normalen Laden Kleider kaufen. Für ausgewachsene Jugendliche sei in besonderen Fällen eine Magenoperation (siehe Box) eine Lösung, sagt Martin Sykora vom interdisziplinären Adipositas-Zentrum Zentralschweiz in Luzern.

Umfrage
Soll bei fettleibigen Kindern eine Magen-Operation durchgeführt werden dürfen?
37 %
55 %
8 %
Insgesamt 3027 Teilnehmer

Was aber ist mit Operationen bei fettleibigen Kindern? «Die Nachfrage existiert in der Schweiz durchaus», sagt Chirurg Sykora. Doch weil es noch keine Richtlinien für solche Operationen gebe, würden sie nicht durchgeführt – im Gegensatz zu den USA oder Australien.

«Junge Patienten sprechen besser auf Eingriff an»

Das will der Fachverband Swiss Study Group for Morbid Obesity (SMOB) ändern. Der Verband, bestehend aus Chirurgen und anderen Experten für Fettleibigkeit, erarbeitet gemeinsam mit der Schweizer Gesellschaft für Pädiatrie momentan solche Richtlinien.

«Wenn ein Kind mit 10 Jahren gesundheitlich am Anschlag ist, sich kaum noch bewegen kann und alles andere nicht geholfen hat – dann sollte im Ausnahmefall eine solche Operation möglich sein», sagt SMOB-Mitglied Sykora. Denn zu warten, helfe nicht weiter: «Junge Patienten sprechen auf den Eingriff besser an als Erwachsene.» Zudem schafften es nur drei Prozent aller fettleibigen Erwachsenen, das Normalgewicht aus eigener Kraft zu erreichen. Am Luzerner Kantonsspital läuft nun ein Pilotprojekt (siehe Box).

«In Frage für eine Operation kommt nur, wer ein strenges Assessment durchläuft und vorher mit Hilfe eines Ernährungsberater versucht hat, die Essgewohnheiten umzukrempeln», sagt der leitende Arzt Martin Sykora. Auch die Eltern müssten das Kind unterstützen. Schliesslich sei die Operation nur ein kleiner Teil eines ganzen Programms. Die Zweitmeinung eines anderen Arztes sei zwingend.

«Ein neues Leben»

Für den Chirurgen ist klar: «Die Operation bringt extrem viel.» Sykora hat in den letzten zehn Jahren fünf Jugendlichen den Magen verkleinert – mit grossem Erfolg: «Nach einer Operation verlieren die Patienten 60 bis 70 Prozent ihres Übergewichts. Sie haben ein komplett neues Leben.»

Unterstützung erhält Sykora vom Verband der Schweizer Kinderärzte. Deren Vorstand Rolf Temperli möchte Operationen an Kindern nicht ausschliessen: «Als allerletzte Massnahme sollte das möglich sein.»

«Operation ist unverantwortlich»

Bettina Isenschmid, Präsidentin des Fachverbands Adipositas im Kindes- und Jugendalter, lehnt Operationen an Kindern dagegen strikte ab. «Es ist nicht zu verantworten, ein zehnjähriges Kind zu operieren», sagt die Ärztin. «Zu diesem Zeitpunkt ist das Wachstum noch nicht abgeschlossen. Sie warnt vor Mangelernährung. Ausserdem müssten die Patienten ein Leben lang Vitamine zu sich nehmen. Auch fehlten entsprechende Langzeitstudien.

Für die Kinderärztin und Hormonspezialistin Dagmar Lallemand kommen Eingriffe an Kindern nur in Frage, wenn ein Kind an Leib und Leben bedroht wäre. «Es kann nicht sein, dass wir für den Ausnahmefall eine Regel schaffen», findet Lallemand. Zudem litten viele fettleibige Kinder auch an psychischen Störungen. Daran ändere eine Operation nichts. «Der eigentliche Skandal ist, dass fettleibige Kinder in der Schweiz alleine gelassen werden», sagt Lallemand. Krankenkassen bezahlten eine Ernährungsberatung erst ab einem BMI von 30 – eine Zahl, die bei Erwachsenen Sinn machen möge, bei Kindern jedoch nicht.

Auch die Fachgruppe Adipositas der Schweizerischen Kinderärztegesellschaft lehnt den Eingriff bei Kindern ab.

Nahrungsmittelindustrie zur Verantwortung ziehen

Für Ruth Baumann-Hölzle, Leiterin des Instituts Dialog Ethik, kann eine Operation als letztes Mittel vertretbar sein. «Die Gefahr besteht aber, dass man das Problem medizinalisiert – im Sinne von: bei fettleibigen Kindern könne man ja immer noch operieren», sagt die Medizinethikerin, «das ist nicht Lösung.»

Fettleibigkeit sei nicht als individuelles Problem zu betrachten, sondern als gesellschaftliches. «Es braucht mehr Ressourcen für Präventionsprogramme und striktere Regeln für die Nahrungsmittelindustrie. Es kann nicht sein, dass zum Beispiel ein Joghurt sechs Würfelzucker enthält.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Herr Wettermann am 28.10.2013 09:55 Report Diesen Beitrag melden

    Lächerlich!

    Ich finde die gesamte Diskussion absolut lächerlich. Ich bin Vater von 4 Kindern im Alter von 5-14. Bei uns trinken ALLE Kinder fast ausschliesslich WASSER!! Und zwar zu Hause, wie auch auswärts! Und wie oft passiert es, dass man schräg angeguckt wird, wenn ein Kind auf Besuch Wasser bestellt?!! Ich wurde schon gefragt, ob meine Kinder krank seien... Sorry, liebe Eltern, wenn ihr übergewichtige Kinder habt, dann seid ihr - sagen wir mal zu 95% - selbst schuld! Mal ehrlich: Was trinkt ihr selbst? Vorleben ist die beste Erziehung!

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  • Vinci Senderos am 28.10.2013 13:00 Report Diesen Beitrag melden

    Ja klar...

    Wie wäre es mit ausgewogener Ernährung. Ach ja... Wasser statt Cola wäre auch sinvoll. Und nur so ein Tipp: Bewegung statt Spielkonsole. Aber das ist ja für die meisten zu stressig mit dem Kind was zu unternehmen...

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  • Visionär am 28.10.2013 07:52 Report Diesen Beitrag melden

    Vorbild Eltern...

    Erst jahrelang das Essvergnügen und sich jetzt auf unsere Kosten (Krankenkasse) operieren lassen (ca. 5000.- / OP). Die Eltern dieser Kinder sind hier gefordert und nur bei krankheitsbedingter Fettleibigkeit sollte operiert werden.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Werner am 31.10.2013 11:14 Report Diesen Beitrag melden

    Gandhi

    Was Du tust, spricht so laut, ich kann Deine Worte nicht hören. oder würde jemand in die Fahrschule gehen zu einem Fahrlehrer der nicht fahren kann? Oder zu einer Ernährungsberatung der/die zu dick ist? Die Geschichte von Gandhi findet ihr im Internet unter deine taten sind so laut ich kann deine worte nicht hören

  • Mike am 30.10.2013 20:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Es geht schon...

    In den meisten Fällen ist es reine Disziplin und Vernunft. Ich habe mit 12 Jahren und 116kg geschafft die Notbremse zu ziehen und bin nun seit 18 Jahren (heute 33) stabil. Nicht dünn, aber 78kg. Auch heute ist es noch hart, aber während 3-4 Jahren fast 40kg abzunehmen und zu halten war hart - als Teenager. Das schafft man alleine nicht und auch die Eltern nicht. Sucht euch einen guten Erhährungsberater und treibt Sport. Ein operativer Eingrif ist definitiv der falsche Weg.

  • baba am 30.10.2013 09:37 Report Diesen Beitrag melden

    Schulen sollen Sport fördern

    der Staat sollte lieber Sportaktivitäten besser mitfinanzieren so dass sie sich eine Familie auch leisten kann wenn die Kinder ins Ballet, zum Fussball oder zum Kunstturnen wollen. Noch besser währe wenn neben dem Stinknormalen Sport an der Schule solche Sportgruppen gefördert würden, und von der Schule organisiert und finanziert würden wie in England oder den USA. Dann kann jedes Kind den Sport machen den er will und nicht 1x die Woche das was der Sportlehrer cool findet... (wir haben in der Sek immer das gleiche gemacht nur weil der Lehrer das mochte, da verleidet einem der Sport)

    • Strolchi am 31.10.2013 08:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @ baba

      Mein lieber Schwan, sind Sie schlecht informiert! Meine Kinder spielten in den USA Fussball und Basketball und lernten Segeln - jede Sportart kostete pro Jahr ein Vermögen! Eine Fussballsaison $1000, jawohl Eintausend Dollar! Von wegen Leibchen gibt's vom Club - selbst kaufen und auch jedesmal selbst waschen! Basketball kostete an der Schule für drei kurze Monate $350! So sieht's wirklich aus, also bitte erst informieren! Ach ja, Schulsport in der Schweiz ist wesentlich besser!!

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  • J.C. am 30.10.2013 08:54 Report Diesen Beitrag melden

    Ich bin froh..

    Schon toll, wie wir mit unseren Kindern umgehen: Magenbänder wegen Übergewicht, Pillen gegen Hyperaktivität, Benimm-Kurse, gemanagte Freizeitaktivitäten, und natürlich, grosszügige Abwesenheitszeiten der Eltern. Zur Kompensation: seelenlose Plastikspielzeuge, Schoolbussing, und dafür Abends noch ein wenig "Bachelor" oder "DSDS"(möglichst für kids, weil das ist ja so süss). Ich bin froh, bin ich heutzutage kein Kind mehr... und man fragt sich, an wem es liegt? Na klar doch: an den kids! Also: noch mehr Therapien, noch mehr Programm. Bald wird Kindsein als Krankheit deklariert.

  • Daniel H. am 30.10.2013 07:58 Report Diesen Beitrag melden

    Zucker

    Viele achten auf das Fett eines Produktes, sehen aber nicht den Zucker, der in vielen Produkten extrem Hoch ist. Genauer lesen was wo drinne ist. Durch die Industrie wird man Süchtig nach Produkten mit Zucker, Unbewusst. Produkte mit weniger Zucker schmecken nicht mehr. Dazu kommt mangelnde Bewegung, Wir bewegen uns weniger, Heute wird an Konsolen gespielt, nicht mehr draussen, in Schulen gibt es weniger Sportunterricht, usw. usw. Wenn die Energie die Aufgenommen wird, nicht verarbeitet wird, nehmen Wir zu.

    • Strolchi am 30.10.2013 12:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @ Daniel H.

      Ich stimme Ihnen absolut zu! Ich empfinde es als Verbrechen an der Bevölkerung, was uns "aufgetischt" wird!! Man findet kaum mehr Joghurt, der nicht vor Zucker strotzt, ebenso wie Brot! Ich frage mich wirklich, was Zucker in Brot verloren hat - NICHTS!! Zwischen 1 und 3g Zucker pro Scheibe Brot ist unverantwortlich!

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