Bern/New York

12. Januar 2012 22:18; Akt: 13.01.2012 13:29 Print

Stress macht sensibelStress macht sensibel

von Fee Riebeling - Wer unter Stress steht, fühlt sich beobachtet – auch wenn das nicht der Fall ist. So das Ergebnis einer Studie der Uni Bern. Die Resultate könnten helfen, Depressive besser zu verstehen.

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Gestresste fühlen sich von allen und allem bedroht. (Bild: colourbox.com)

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Ein kurzer Augenblick reicht aus, um grob einzuschätzen, ob unser Gegenüber Gutes oder Böses im Schilde führt. «Innert Sekunden interpretiert der Mensch Blickrichtung und Mimik der Personen in seinem Umfeld», sagt Janek Lobmaier von der Universität Bern. Doch nicht immer stimme diese erste Einschätzung, so der Verhaltenspsychologe. Denn der Mensch tendiere zu einer selbstgefälligen Interpretation seiner Umwelt: «Bei fröhlichen und attraktiven Gesichtern hat man häufig das Gefühl, sie schauten einen direkt an – auch wenn das nicht der Fall ist.» Unattraktive, wütende oder ängstliche Gesichtsausdrücke hingegen würden seltener persönlich genommen, selbst wenn einem die andere Person direkt in die Augen blicke. Das haben frühere Studien Lobmaiers gezeigt.

Was aber, wenn die einschätzende Person unter Stress steht? Dieser Frage ist der Berner Psychologe nun gemeinsam mit einer Kollegin in den USA nachgegangen (20 Mi­nuten Online berichtete). Das überraschende Ergebnis: Anders als entspannte Probanden bezogen gestresste Teilnehmer sämtliche Gesichtsausdrücke, die ihnen vorgelegt wurden, auf sich – unabhängig davon, welche Emotionen die abge­bildeten Personen zeigten und ob diese überhaupt in die ­Richtung des Betrachters schauten.

Das Fazit der Forscher: Gestresste Menschen sind auf alles gefasst. Deswegen beziehen sie zunächst einmal alles auf sich. «Erst dann prüfen sie, ob die Emotion des Gegenübers tatsächlich auf sie gemünzt ist», sagt Janek Lobmaier.

Für den Alltag bedeutet dies: Auch in stressigen Situationen die Ruhe bewahren – es ist nicht alles persönlich gemeint.Die Resultate könnten künftig auch helfen, depressive Per­sonen oder solche mit einer Angststörung besser zu ver­stehen. Denn auch sie weisen erhöhte Werte des Stresshormons Cortisol auf.