Überraschender Befund

23. August 2016 10:43; Akt: 23.08.2016 21:56 Print

Täglich Sonnencreme auftragen bringt nichts

von F. Riebeling - Je öfter man Sonnencreme aufträgt, desto besser ist der Schutz vor Hautkrebs, heisst es. Eine Studie widerspricht. Kann das sein? Wir haben Experten befragt.

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Macht es einen Unterschied, ob man Sonnencreme jeden Tag verwendet oder nur dann, wenn man ein Sonnenbad plant? Dieser Frage sind kolumbianische Forscher in einer Studie nachgegangen. Ihr Fazit: Für die Entstehung von weissem Hautkrebs macht es keinen Unterschied, ob Sonnencreme täglich oder nur hin und wieder aufgetragen wird. Welchen Einfluss Sonnencreme auf die Entwicklung von schwarzem Hautkrebs hat, wurde hingegen nicht untersucht. Es ist laut Schweizer Dermatologen nicht das einzige Manko der Studie. Neben der «falschen Fragestellung» kritisieren sie auch die geringe Probandenzahl (1621 Australier) sowie den zu kurzen Beobachtungszeitraum von 4,5 Jahren. «Bis sich Hautkrebs entwickelt, dauert es Jahre. Dementsprechend lang müssen auch die Studien dauern», sagt Stephan Lautenschlager, Chefarzt am Dermatologischen Ambulatorium des Stadtspitals Triemli Zürich. In einem sind sich die Dermatologen aus der Schweiz einig: Sonnenschutz - egal ob routinemässig oder vor dem Sonnenbad aufgetragen - ist wichtig. Denn: Ein Sonnenbrand sei «eine kleine biologische Katastrophe» und müsse unbedingt vermieden werden. In der Bildstrecke erfahren Sie, was der Sonnenbrand mit der Haut anstellt, wie Sie ihn verhindern und was hilft, wenn es zu spät ist. Ein Sonnenbrand entwickelt sich: Etwa sechs Stunden nach Beginn eines zu langen Sonnenbads spüren Betroffene den Sonnenbrand. Am heftigsten ist er nach 24 bis 36 Stunden. Unsere Haut verfügt über zwei Systeme, die sie gegen UV-Strahlung schützen: Bräunung und Lichtschwiele. Beide werden durch den Kontakt mit UV-A und UV-B aktiviert. Bei intensiver Bestrahlung erhöht sich die Zellteilung der Haut, und die oberste Schicht, die Hornschicht, verdickt sich. Je dicker diese Lichtschwiele ist, desto grösser ist der Schutz. Darauf verlassen sollte man sich aber nicht. Deshalb raten Dermatologen dazu, sich entweder täglich oder zumindest etwa eine halbe Stunde vor dem Sonnenbad einzucremen und anschliessend das Prozedere alle zwei bis drei Stunden zu wiederholen. Die erste auf UV-Filterstoffen basierende Sonnencreme wurde im Jahr 1933 von Delial auf den Markt gebracht. Grund: Nachdem Anfang des 20. Jahrhunderts braune Haut noch als Zeichen niederen Standes galt, hatte die immer knapper werdende Bademode das Thema Sonnenbrand in den Fokus gerückt. Heute wählt man Sonnenschutz nach seinem Lichtschutzfaktor aus. Der Begriff entstand lange nach der ersten Sonnencreme: 1956 führte der Strahlenphysiker Rudolf Schulze zunächst den Begriff «Schutzfaktor des Lichtschutzmittels» ein. 1962 prägte Franz Greiter von Piz Buin den Ausdruck Lichtschutzfaktor. Der Lichtschutzfaktor verrät, um welchen Faktor sich die Eigenschutzzeit der Haut durch die Creme verlängert. Ein heller Hauttyp kann zum Beispiel mit einer Eigenschutzzeit von zehn Minuten mit LSF 25 25-mal länger an die Sonne, also 250 Minuten. Allerdings handelt es sich dabei um einen theoretischen Wert. Schweiss und Wasser reduzieren die Dauer des Schutzes. Macht sich der Sonnenbrand noch während des Sonnenbads bemerkbar, heisst die oberste Regel: Raus aus der Sonne und ein schattiges Plätzchen suchen. Aber Vorsicht: Rund 50 Prozent der UV-Strahlen erreichen einen auch da. Deshalb sollte man den Körper zusätzlich mit Kleidung schützen. Das ganze Ausmass eines Sonnenbrands macht sich erst nach ein paar Stunden bemerkbar. Schon beim kleinsten Anzeichen von geröteter Haut hilft es, sie zu unterstützen. Rasche Linderung bringen Hydrokortison-Lotionen und -Gele, die es rezeptfrei in der Apotheke gibt. Bei leichtem Sonnenbrand ohne Bläschenbildung helfen kühle Duschen und Umschläge. Beides hilft, die übermässige Hitze der Haut zu lindern. Ist die Dusche besetzt, kann man auch ein Geschirrtuch in Buttermilch, Milch oder Joghurt tränken und das Ganze für 10 bis 20 Minuten auf den Sonnenbrand legen. Auch das wirkt Wunder. Egal, wie stark der Sonnenbrand ist: Sie sollten viel trinken. Das kurbelt nicht nur den Regenerationsprozess der Haut an, sondern wirkt auch dem Flüssigkeitsverlust im Körper entgegen und unterstützt den Kreislauf, der auch unter der Verbrennung leidet. Kommen zu dem Brennen noch Schmerzen hinzu, können entzündungshemmende Schmerzmittel wie Acetylsalicylsäure oder Ibuprofen helfen. Kindern mit Sonnenbrand sollten Eltern jedoch nie einfach Medikamente geben, sondern immer zuerst Rücksprache mit dem Kinderarzt nehmen. Finger weg von fetthaltigen Bodylotions. Diese bilden einen Film auf der Haut, der die Heilung einschränken kann. Zudem reizen sie die verbrannte Haut und können zu Hitzestau führen. Besser sind ausgewiesene After-Sun-Produkte, die kühlen, Feuchtigkeit spenden und den Regenerationsprozess der Haut anregen. Auch wenn alles verheilt ist, ist die Gefahr nicht gebannt. Die UV-Schäden betreffen vor allem die Basalmembran der Haut, wo sich neue Hautzellen bilden. Bei einem Sonnenbrand kann es sein, dass die Reparatursysteme des Erbguts die Fehlerbeseitigung nicht zu 100 Prozent bewältigen, was zu Hautkrebs führen kann. Pro Jahr erkranken hierzulande etwa 2450 Menschen an einem malignen Melanom, dem schwarzen Hautkrebs. Das sind rund 6 Prozent aller Krebserkrankungen. Damit gehört das Melanom zu den häufigsten Krebsarten. Das zeigt: Ausreichender Sonnenschutz ist wichtig. Ob man dabei so weit gehen möchte wie diese beiden Damen, ist jedem selbst überlassen.

Zum Thema
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So schön Sonnenschein auch ist: Er birgt auch Gefahren. So können Sonnenstrahlen zu Sonnenbrand und im schlimmsten Fall zur Entwicklung von Hautkrebs führen (siehe Box 1). Deshalb raten Dermatologen Sonnenanbetern, freiliegende Hautpartien regelmässig mit Sonnencreme einzuschmieren.

Umfrage
Wie oft cremen Sie sich mit Sonnenschutz ein?
2 %
4 %
7 %
57 %
13 %
17 %
Insgesamt 10844 Teilnehmer

Ob das aber wirklich etwas bringt, zweifeln nun kolumbianische Forscher an: Das Team um Ingrid Arévalo Rodríguez und Guillermo Sánchez vom Instituto de Evaluación Tecnológica en Salud in Bogotá hat keinen Hinweis darauf gefunden, dass der tägliche Einsatz von Sonnencreme besser vor Hautkrebs schützt, als wenn sie nur vor dem Sonnenbad aufgetragen wird.

Alte Daten neu ausgewertet

Für die Studie haben die Forscher eine bereits existierende Untersuchung neu ausgewertet. In diese waren die Daten von 1621 Australiern eingeflossen, die sich viereinhalb Jahre lang regelmässig auf Hautkrebs hatten untersuchen lassen. Manche von ihnen schmierten sich täglich mit Sonnenschutzmitteln ein, andere nur hin und wieder.

Die Probanden waren gut gewählt, denn in kaum einem anderen Land gibt es so viele Hautkrebsfälle wie in Australien.

Selbstkritische Forscher

Das Ergebnis: Für die Entstehung von weissem Hautkrebs scheint es keine Rolle zu spielen, ob Sonnencreme täglich oder nur hin und wieder aufgetragen wird, wie das Fachjournal «Cochrane Review» berichtet. In beiden Gruppen entwickelten etwa gleich viele Personen weissen Hautkrebs. Welchen Einfluss Sonnencreme auf die Entwicklung von schwarzem Hautkrebs hat, wurde hingegen nicht untersucht.

Diese Auslassung wird auch von den kolumbianischen Wissenschaftlern als Manko bezeichnet, genauso wie die geringe Zahl an Probanden. Aufgrund der dünnen Datengrundlage empfehlen sie weitere Untersuchungen zu diesem Thema: «Möglicherweise kommen künftige Studien zu einem anderen Ergebnis», schreiben sie.

Schweizer Dermatologen üben Kritik

Mit ihrer kritischen Haltung gegenüber dem Resultat stehen die Kolumbianer nicht allein da.

Stephan Lautenschlager, Chefarzt am Dermatologischen Ambulatorium des Stadtspitals Triemli Zürich, hält die Studie allein schon vom Ansatz her für nicht aussagekräftig: «Bis sich Hautkrebs entwickelt, dauert es ein paar Jahre. Entsprechend lang müssen auch die Studien dauern», so der Experte. «Ein Beobachtungszeitraum von viereinhalb Jahren ist ungenügend.» Diese Meinung vertritt auch Peter Itin, Chefarzt der Dermatologie und Leiter des Hauttumorzentrums des Universitätsspitals Basel.

Sonnenbrand als «biologische Katastrophe»

Und auch Severin Läuchli, Leiter der Dermatochirugie am Universitätsspital Zürich, sieht die Untersuchung kritisch: «Die Fragestellung der Studie ist nicht das, was uns im Zusammenhang mit der Prävention von Hautkrebs interessiert.» Vor allem, da die Frage nach dem Anwendungsschema auch immer vom Patienten abhänge.

«Für viele Leute ist es einfach praktischer, sich regelmässig einzucremen, weil es dann zur Gewohnheit wird und der Sonnenschutz so sicher nicht in Vergessenheit gerät», sagt der Experte. Andere bestünden darauf, Sonnencreme nur im Ernstfall zu nutzen. «Das ist auch okay, solange sie sie rechtzeitig vor dem Sonnenbad auftragen.»

Aus Sicht von Peter Itin reicht das jedoch nicht aus: «Wichtig ist, dass man sich nach dem Auftragen von Sonnencreme nicht in falscher Sicherheit wiegt und sich der Sonne umso mehr aussetzt. Ein Sonnenbrand ist eine kleine biologische Katastrophe und muss unbedingt vermieden werden.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Rapinsel am 23.08.2016 11:00 Report Diesen Beitrag melden

    Wie bitte?!

    Es gibt Leute, die cremen sich täglich ein, egal ob sie in die Sonne gehen oder nicht?! Auf die Idee wäre ich gar nicht erst gekommen. Vielleicht macht das in Australien ja noch Sinn, aber hier? Ich trage Sonnencreme nur dann auf, wenn es wirklich nötig ist, vorallem auch deshalb, weil man ja auch nicht ganz ausschliessen kann, dass die Stoffe in den Crems so völlig harmlos sind.

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  • Manu am 23.08.2016 11:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Überraschender Befund?

    Was ist daran überraschend? Ich würde nie auf die Idee kommen einfach mal täglich Sonnencreme aufzutragen ohne in die Sonne zu gehen. Wie sollte denn Sonnencreme vor Sonne schützen, wenn man sine Haut nichtmal der Sonne aussetzt?

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  • rolf bühler am 23.08.2016 10:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    achtung

    durch die vielen chemikalien und auch alluminium in den sonnencremes steigt das erkrankungsrisiko bei regelmässigem gebrauch wahrscheinlich sogar. unsere haut und unser körper können mit sonnenlicht umgehen. solange man es einfach nicht übertreibt ist meiner meinung nach keine sonnencreme nötig. sonnencreme verhindert unter anderem auch die aufnahme von lebenswichtigen vitaminen über das sonnenlicht.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Lisa am 24.08.2016 10:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Natürlicher Sonnenschutz

    Der beste Sonnenschutz ist für mich noch immer, möglichst zwischen 11 und 15 Uhr die Sonne zu meiden. Eigentlich sollte man einfach auf den Körper horchen, denn ehrlich gesagt, macht es doch auch keinen Spass, an der glühenden Sonne zu brutzeln.

    • Conrelia am 24.08.2016 17:23 Report Diesen Beitrag melden

      Natürlich ist immer gut!

      @Lisa: Bin auch dieser Meinung. Was auch natürlich ist und super hilft zum Schutz der Sonne: Sanddron. Täglich 2 Esslöfel und die Haut ist dank viel Vitamin-C echt gut geschützt. Habs ausprobiert diesen Sommer. Keine Sonnencreme und auch keinen Sonnenbrand. Ich ging Wandern, Biken, Schwimmen....und das nicht im Ganzkörperanzug ;-)

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  • Irene Arletti am 24.08.2016 09:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sonnenschutz

    Wenn ich vorhabe , an die Sonne zu gehen, ob zu Fuss , in die Badi oder mit dem Velo, reibe ich regelmässig Sonnenschutz ein. Aber nur um Einkaufen zu gehen ( 10 Min hin und 10 Min zurück) brauche ich mich nicht einzucremen. Zudem ist die Sonnencreme eher unangenehm, da sie sich auf der Haut zu klebrig anfühlt.

  • Mirco am 24.08.2016 08:28 Report Diesen Beitrag melden

    Wozu soll das gut sein?

    Ich lache mich kaputt, gibt es immer noch Menschen welche denken dieses Cremes haben einen Nutzen? Unglaublich wie sich die Leute belügen lassen. Ich habe seit Jahrzehnten keine cremes mehr benutzt und hatte nie einen Sonnenbrand oder andere Komplikationen. Dann gibt es sogar Menschen die sich grundsätzlich mit dieser sinnlosen Creme einreiben? Ich bin baff...

    • Hellhäutiger am 24.08.2016 10:21 Report Diesen Beitrag melden

      Schon mal was von Hauttypen gehört?

      Ist ja schön für Sie wenn Sie keine Sonnencreme brauchen... glaube ich Ihnen auch. Es gibt aber auch andere Hauttypen! Ich wurde leider mit einem sehr hellen Hauttyp geboren... wenn ich 15min in der direkten Sommersonne sitze bin ich schon Feuerrot! Also bleibt nichts anderes als Sonnencreme... mit Faktor 50 kann ich mit einmal eincremen den ganzen Tag in der Sonne verbringen... von wegen Sonnencreme nützt nichts!

    • Urs Pfäffli am 24.08.2016 11:25 Report Diesen Beitrag melden

      Für das soll das gut sein!!!

      Ist wieder so ein Kommentar wo einer keine Ahnung hat. Ich habe sehr viele Muttermale, bin ein heller Hauttyp und 37 Jahre alt. Meine 4 jährige Tochter auch. Beide werden sofort rot. Meine Tante ist mit 35 jährig an Hautkrebs gestorben, also auch familiär bedingt. Ich muss einmal jährlich zum Dermatologen, Muttermale auf Melanom untersuchen. Die besten Sonnencrèmes für mich und meine Tochter sind die 50 er Cremes für Kids. Also, nicht auf irgendwelche Möchtegernbesserwisser hören, sondern auf den Hauttyp schauen und bei Bedarf mit Dermatologen besprechen.

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  • seimen am 24.08.2016 08:18 Report Diesen Beitrag melden

    CH höchste Hautkrebsrate in Europa

    wenn ich einige Kommentare hier lese, wird mir anders. Es erklärt aber, dass die CH die höchste Hautkrebsrate in Europa hat. Menschen in der CH sind leider schlecht aufgeklärt über Sonnenschutz und Risiken von Sonnenkrebs. Von wegen "Sonnencreme macht Hauptkrebst" und weitere unqualifizierte Aussagen.. eigentlich traurig! War gerade vor 2 Mt. beim Hautarzt zum Check und das sollte jeder regelmässig tun..

    • Stefan Meyer am 24.08.2016 08:33 Report Diesen Beitrag melden

      Aha und jetzt?

      Kann ihnen doch egal sein wie oft andere zum Hautarzt gehen. Denken Sie tatsächlich dass die Evolution den Menschen so ausgestattet hat, dass er Cremes von einer Fabrik braucht um an die Sonne gehen zu können? Für mich sind sie ein typisches Resultat der Werbe Industrie.

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  • Franko am 24.08.2016 08:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Cremes und Haut

    Ich glaub bei der ganzen Chemie die in den Cremes sind, wird man viel früher an irgendwas erkranken, als wenn man sich nicht einschmiert. Das Wichtigste ist doch sich nicht bis zum geht nicht mehr in der Sonne zu brutzeln.