Entzug und Rückfall

15. Februar 2012 23:23; Akt: 15.02.2012 23:24 Print

Und ewig lockt das PillendöschenUnd ewig lockt das Pillendöschen

Mindestens drei Mal wurde Whitney Houston nach dem Drogenentzug rückfällig. Warum gelingt es vielen Abhängigen nicht, sich endgültig von der Sucht loszusagen? Zwei Experten erklären den Teufelskreis.

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Vor knapp zehn Jahren machte Houston ihr erstes Drogeneingeständnis. In einem Interview mit dem Sender ABC unterstrich sie jedoch: «Ich bin keine Person, die sterben will. Ich bin eine Person, die Leben in sich hat und die leben will.» Gegen Rapper Bobby Brown wird ein Verfahren eröffnet. Er soll auf Whitney eingeprügelt haben. Whitney bleibt ihrem Ehegatten trotz handfester Attacken treu. Die Diva bricht einen Aufenthalt in der Entzugsklinik ab. Houston muss wieder einmal in eine Entzugsklinik einchecken. Das Ehepaar Brown lässt sein Privatleben von Fernsehkameras begleiten. Traurige Berühmtheit erlangte die Szene, in der der zugedröhnte Bobby die schwankende Whitney beleidigt. Houston droht die Zwangsversteigerung ihres Hauses in New Jersey. Sie hatte ihre Steuern und die Hypothek nicht bezahlt. Eine Auktion von Designerkleidern, Requisiten und Instrumenten soll der Diva aus den Schulden helfen. Der Richter bewilligt die Scheidung zwischen Bobby Brown und Whitney Houston. Das Sorgerecht für Töchterchen Bobbi Kristina erhält die Mutter. Zuvor hatte Whitney noch eine Entziehungskur beendet. Der damals 40-jährige Bobby Brown verlangt vor Gericht eine Neuregelung des Sorgerechts und möchte mehr Unterhalt von seiner Ex-Gattin. Houston dementiert eine erneute Liaison mit ihrem Ex-Mann Bobby Brown. Die beiden wurden gemäss der «Chicago Sun-Times» bei einem romantischen Abendessen gesichtet. Beim Auftakt der Welttournee in New York entschuldigt sich die Sängerin für ihr stimmliches Versagen: «Es tut mir leid. Ich war bei ‹Oprah›. Ich habe so viel gesprochen.» In der «Oprah Winfrey Show» beklagt sich die Diva, von ihrem Ex-Mann Bobby Brown auch emotional missbraucht worden zu sein. Er habe ihr unter anderem ins Gesicht gespuckt, erzählt Houston. Houston lässt sich in Paris in ein Spital einliefern. Offiziell heisst es, die Sängerin habe eine chronische Atemwegserkrankung. Gerüchten zufolge sollen aber wieder einmal die Drogen für ihren Zustand verantwortlich sein. Ihre Europatournee wird zu einem Desaster. In Frankfurt unterbricht sie ausgerechnet ihren grössten Hit «I will always love you». Manchmal rülpste sie auch ins Mikrofon und stolperte in Wien gar einige Male auf der Bühne. In London wird sie für ihre schlechte Performance ausgebuht. Am 9. Mai spielte die Sängerin auch im Zürcher Hallenstadion - jedoch mit Erfolg. Tochter Bobby Kristina Brown tritt in Mamas Fussstapfen. Die 18-Jährige wird beim Koksen fotografiert und landet in den Klatschspalten. Nach Entzug Nummero fünf heuert die Sängerin einen Life-Coach an. Seine Aufgabe ist es, die labile Künstlerin rund um die Uhr zu überwachen. Houston rebelliert in einem Flugzeug - sie weigert sich, die Sitzgurte anzuziehen. Nur aufgrund der Drohung aus dem Flugzeug geworfen zu werden, beruhigt sich die Diva wieder. Whitney Houston soll pleite sein. Wie der Internet-Dienst «RadarOnline» berichtet, bettelt die Sängerin ihre Freunde gar für 100 Dollar an.

Whitney Houston: Die Chronik eines angekündigten Todes. (Bilder: Keystone/AP)

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Was bleibt, ist die Frage nach dem Warum. Wieso werden Menschen, die der Sucht unter grossen Anstrengungen und schmerzlichen Entbehrungen entsagt hatten, wieder rückfällig? Was passiert mit einem Menschen, wenn er abhängig ist? Wie kann es ihm gelingen, sich nachhaltig von den Fesseln dieses Zwangs zu befreien?

«Die Sucht ist eine chronische Erkrankung», bemerkt Ihsan Salloum, Professor für Psychiatrie und Leiter der Abteilung für Alkohol- und Drogenmissbrauchs-Leiden an der Universität der Miami Miller School of Medicine. «Den Betroffenen ist es möglich, von der Sucht loszukommen», sagt Salloum, gibt aber einschränkend zu bedenken, dass die Patienten «ein lebenslanges Rückfallrisiko» hätten. Tatsächlich konnten diverse Studien belegen, dass eine Abhängigkeit sichtbare Veränderungen im Gehirn bewirkt: Betroffen sind dabei Areale, die für das Glücksempfinden zuständig sind. Auch das Belohnungszentrum wird aktiviert. «Drogen nehmen diese Zentren regelrecht in Beschlag», sagt Salloum im Gespräch mit webmd.com.

Von den Substanzen loskommen - aber wie?

Die Hilfsangebote für Abhängige sind vielfältig. Jeder Betroffene muss seinen eigenen, individuellen Weg aus der Sucht finden. Auf diesem schweren Weg können ihn eine persönliche Psychotherapie, eine Gruppen- oder eine Verhaltenstherapie unterstützen. Medikamente, die das Verlangen nach bestimmten Substanzen vermindern, können für den Patienten ebenfalls wertvolle Begleiter sein.
Gemäss Bruce Goldmann, Direktor am Zentrum für Suchterkrankungen des Zucker Hillside Hospitals in Glen Oaks (New York), ist es nicht nur wichtig, dass sich Süchtige Hilfe suchen. Auch die Dauer einer Therapie kann entscheidend für den nachhaltigen Erfolg sein: «Je länger ein Patient in Behandlung ist, desto besser stehen seine Chancen, später nicht rückfällig zu werden».

In der ruhigen und schützenden Umgebung einer Entzugsklinik lernen Süchtige, ohne Drogen auszukommen. Doch spätestens wenn sie wieder in den rauen Alltag entlassen werden, müssen sie sich in Disziplin üben. Dazu gehört auch der richtige Umgang mit Stress. «Das Stress-System ist in unserem Gehirn mit dem Belohnungszentrum verknüpft. Ehemals Süchtige laufen besonders Gefahr, rückfällig zu werden, wenn sie mit Stress konfrontiert sind», erklärt Salloum. Deshalb ist es laut dem Experten besonders wichtig für die Betroffenen, dass sie lernen, mit belastenden Situationen umzugehen.

Jeder Rückfall könnte der letzte sein

Der Rückfall in die Drogensucht ist, so sehen es die Experten, ein zweischneidiges Schwert. Zum einen bietet das Zurückfallen in alte Suchtstrukturen eine Chance, aus dem begangenen Fehler zu lernen: «Ein solcher Rückschlag kann einem Betroffenen dabei helfen, langfristig clean zu werden», meint Goldmann. Andererseits könne jeder Rückfall tödlich enden.

Alkohol, Medikamente und andere Drogen gehören zu beliebten und gleichwohl gehassten Wegbegleitern der Stars. Vielen gelingt es nicht, sich von der Sucht nach Pülverchen, Flüssigkeiten oder Tabletten zu befreien, wie Goldmann ausführt: «Prominente führen ein Leben im Scheinwerfer-Licht. Anonymität ist praktisch inexistent - jeder ihrer Schritte wird von der Öffentlichkeit verfolgt. Für ihren Ruhm bezahlen viele Stars einen hohen Preis». Show-Grössen wie die kürzlich verstorbene Whitney Houston kämen überdies leichter an verschreibungspflichtige Medikamente und Drogen heran als «Normalsterbliche». Ein Umstand, der vermutlich auch Whitney Houston das Leben kostete.

(rre)