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Clare Hollingworth
10. Oktober 2011 16:15; Akt: 13.10.2011 01:44 Print
«Ich bin gerne im Krieg»
von Martin Lüscher, Hongkong - Sie meldete als Erste den Ausbruch des 2. Weltkrieges und hat mehr Schlachtfelder gesehen als die meisten Soldaten: Clare Hollingworth, Kriegsreporterin, wird 100 Jahre alt.

Clare Hollingworth während der Feier zu ihrem 100. Geburtstag im Foreign Correspondents' Club in Hongkong (Bild: AFP/Laurent Fievet)
Die Fäule des Krieges war bereits zu riechen. Noch fielen keine Schüsse. Aber Gewehre wurden geladen, Granaten entsichert, Sturzkampfbomber betankt. Es war Ende August 1939, Clare Hollingworth war gerade einmal seit drei Tagen als Korrespondentin für den britischen «Daily Telegraph» tätig. Die Redaktion hatte sie nach Polen geschickt. Also schlug sie ihr Quartier beim britischen Generalkonsul im südpolnischen Kattowitz auf.
Im Jahr 1931, bevor Clare Hollingworth journalistisch tätig wurde. (Screenshot: telegraph.co.uk/video)
Infografik
Der Zweite WeltkriegNürnberger Prozess
Kaum angekommen, lieh sich die damals 27-Jährige den Dienstwagen ihres Gastgebers und fuhr unverdrossen über die Grenze nach Deutschland. Die Ortschaften waren wie ausgestorben. Doch dann stiess die Britin in ihrem Union-Jack-beflaggten Auto auf ein immenses deutsches Truppenaufgebot: eine grosse Anzahl an Truppen, Hunderte von Panzern, befestigten Fahrzeugen und Feldgeschützen. Hollingworth war klar: Dieses Aufgebot würde in Kürze in Polen eindringen.
«Robin, der Krieg hat begonnen!»
Am 1. September war es soweit. Während das Linienschiff Schleswig-Holstein die polnische Garnison auf der Westerplatte beschoss und die SS das polnische Postamt in Danzig stürmte, rüttelten kurz vor 5 Uhr heftige Explosionen Hollingworth aus dem Schlaf. Noch müde öffnete sie das Fenster: Am Himmel surrten deutsche Kampfbomber und in Richtung der kaum 20 Kilometer entfernten Grenze war heftiges Artilleriefeuer zu sehen. Der Zweite Weltkrieg hatte begonnen.
Was dann geschah, beschreibt Clare Hollingworth in ihren Memoiren «Front Line»: «Ich weckte den Generalkonsul und rief die britische Botschaft in Warschau an:
‹Robin, der Krieg hat begonnen!›
‹Bist du sicher, old girl?›
‹Hör zu!›
Ich hielt den Hörer aus dem Schlafzimmerfenster. Das aufkommende Röhren der Panzer war klar zu hören. Ich schrie nochmals: ‹Kannst Du es nicht hören?› Er schien überzeugt und riet mir, Kattowitz so schnell wie möglich zu verlassen.»
Hollingworth rief den für sie zuständigen Redaktor in Warschau an. Dieser wiederum kontaktierte das polnische Aussenministerium und konfrontierte es mit der Nachricht. «Unmöglich», erwiderten die Behörden, «wir verhandeln immer noch.» In diesem Moment ging in der polnischen Hauptstadt der Bombenalarm an. Der Zweite Weltkrieg hatte Warschau erreicht.
Ein Leben im Krieg
Für die Menschheit war es der Beginn zur grössten Katastrophe der Geschichte, für Clare Hollingworth begann ihre Berufung. Sie war nun Kriegsreporterin. Ihre weiteren Stationen führten sie zu den Kämpfen zwischen den Nazis und den Alliierten in die nordafrikanische Wüste, in den griechischen Bürgerkrieg und in die turbulenten letzten Jahre der britischen Besatzung in Palästina. Knapp 300 Meter stand sie neben dem König David Hotel, als es von jüdischen Extremisten in die Luft gejagt wurde. Damals war sie noch keine vierzig.
Angst habe sie eigentlich nur davor, im Lift stecken zu bleiben, erzählt Hollingworth im Gespräch mit ihrem Grossneffen Patrick Garett, der an ihrer Biographie schreibt. Nachdem er mit vielen Journalisten gesprochen hat, die mit ihr auf dem Schlachtfeld waren, ist für Garett klar: «Ihr Gehirn ist einfach nicht so verdrahtet, dass sie in der Schlacht Angst empfinden könnte.» Hollingworth drückt es gegenüber dem Telegraph etwas einfacher aus: «Ich bin gerne im Krieg. Ich mag es, wenn etwas passiert. Ich bin nicht besonders mutig, ich mag es einfach. Ich weiss nicht, wieso. Gott hat mich so gemacht. Ich bin nicht ängstlich.»
Nach ihrem Aufenthalt in Palästina zog es Hollingworth nach Paris, wo sie mehrheitlich ruhige 50er-Jahre verlebte und sich der Politik- und Wirtschaftsberichtserstattung widmete. 1960 ging sie zurück aufs Schlachtfeld: Sie berichtete aus Algerien, mitten aus dem Bürgerkrieg, später dann aus dem Krieg zwischen Pakistan und Indien und – natürlich – aus Vietnam.
Das Ende des Empires
Doch Hollingworths Biographie ist nicht nur eine Geschichte der Konflikte, sie ist auch eine Geschichte vom Ende des Britischen Weltreiches. Als Hollingworth am 10.10.1911 geboren wird, stand das Empire noch in voller Blüte. Robert Amund Scott starte den verhängnisvollen Wettlauf zum Südpol, vier Monate zuvor war die Titanic vom Stapel gelaufen.
Später begleitet sie den britischen Rückzug aus Palästina, die Suezkrise 1956, die Aufgabe der Kronkolonie Aden 1963. Als Schlusspunkt siedelte Hollingworth in den frühen 80er-Jahren nach Hongkong über, wo sie eigentlich nur ein Buch schreiben wollte. Fasziniert von den Verhandlungen zwischen China und Grossbritannien über die Rückgabe der Kronkolonie bleib sie in der Stadt – auch nachdem am 1. Juli 1997 der letzte Wurmfortsatz des einstigen Britischen Weltreiches Geschichte war.
So ist es denn auch kein Zufall, dass sich am heutigen Montagabend (Ortszeit), der britische Aussenminister William Hague mit einer verlesenen Grussbotschaft an die Kriegskorrespondentin wandte: Er dankte ihr, dass sie es den Lesern erlaubt habe, mit ihr an die Schauplätze des 20. Jahrhunderts zu reisen. Sie habe wahrlich einen Sitz in der ersten Reihe gehabt. Der frühere Chefredaktor der «Far East Economic Review», Philip Bowring, merkte während der Geburtstagsfeier im Foreign Correspondents‘ Club an: «Es nicht mehr ganz so selten, dass Menschen hundert Jahre alt werden. Dass aber Journalisten diese Marke erreichen, das ist die Ausnahme. War es der Verzicht auf Alkohol? Der Verzicht auf Sex? Der geruhsame Lebenswandel? Wohl kaum, das ist einzig und alleine der Zielstrebigkeit von Clare Hollingworth zuzuschreiben.» In diesem Sinne: Happy birthday, old girl!
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Alle 6 Kommentare






























BRAVO!
ein grosses Kompliment zu diesem Artikel. Sehr spannend & aufschlussreich. BRAVO!
Interessant
Endlich mal ein Bericht für interessierte Denker - frischer Wind fürs Gehirn der 20Minuten-Leser! Krass im Gegensatz zum bisher extra langsam geschriebenen Gesülze für Langsamleser.
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definitiv ein buch das sich zu kaufen / lesen lohnt. danke für den artikel!