Europas höchste Staumauer

22. September 2011 08:13; Akt: 23.09.2011 11:16 Print

Grande Dixence wird 50

von Daniel Huber - Hoch in den Walliser Alpen riegelt eine gewaltige Staumauer den Lac des Dix ab. Vor 50 Jahren wurde das 285 Meter hohe Bauwerk in Betrieb genommen.

Bildstrecke im Grossformat »
Eine Betonwand feiert Geburtstag: Am 22. September 1961 wurde die damals grösste Staumauer der Welt fertiggestellt. Symbolische Vollendung: Damals wurde in Anwesenheit zahlreicher Gäste und Pressevertreter der letzte Kübel Beton entleert. Der Festakt bei der Fertigstellung der Staumauer. Die Bauarbeiten für den ganzen Kraftwerkkomplex Grande Dixence hatten insgesamt 15 Jahre gedauert; bereits nach zehn Jahren konnte jedoch das Kraftwerk in Betrieb genommen werden. Der Bauplatz im Jahr 1957. Mehr als 3000 Bauarbeiter, Geologen, Hydrologen, Ingenieure und Führer arbeiteten unter schwierigen Bedingungen auf rund 2400 Metern Höhe an dem riesigen Bauwerk. Die gigantische Staumauer übt auch heute noch grosse Faszination auf ihre Besucher aus. Es ist ein Bauwerk der Superlative: Europas höchste Talsperre ist mehr als doppelt so hoch wie der Prime Tower in Zürich. Das Ungetüm ist 15 Millionen Tonnen schwer. Bild: Am Fuss der Staumauer befindet sich die Kapelle St. Jean. Das ungeheure Gewicht stabilisiert die Mauer - Grande Dixence ist eine so genannte Gewichtsstaumauer, die dem Wasserdruck mit ihrem Eigengewicht trotzt. An der Basis ist sie beeindruckende 198 Meter dick - zwei Mal die Länge eines Fussballplatzes -, auf der Krone sind es noch 15 Meter. Grande Dixence ist schwerer als die Cheops-Pyramide in Ägypten. Mit den sechs Millionen Kubikmetern Beton, aus denen das Bauwerk besteht, liesse sich eine 1,5 Meter hohe und zehn Zentimeter breite Mauer rund um den Äquator bauen. Hinter der Mauer stauen sich die Wasser der Dixence und bilden den Lac des Dix. Der Stausee ist 5,3 Kilometer lang und 227 Meter tief. Wenn der See voll ist, drückt er die 695 Meter lange Mauerkrone um maximal elf Zentimeter talwärts. Das Stauvolumen von 400 Millionen Kubikmetern - zweimal das Volumen des Hallwilersees - entspricht einem Fünftel der gesamten in der Schweiz speicherbaren elektrischen Energie. Die gesamte Anlage erzeugt durchschnittlich zwei Milliarden Kilowattstunden pro Jahr, was dem mittleren Verbrauch von Haushalten entspricht. Vier Pumpstationen versorgen den Kraftwerkkomplex über ein 100 Kilometer langes Netzwerk von Stollen mit Wasser von 35 Walliser Gletschern. Das Einzugsgebiet erstreckt sich über 420 Quadratkilometer. Im Inneren der Mauer ist ein Labyrinth von insgesamt 32 Kilometer langen Stollen angelegt, ... ... die der Wartung und Kontrolle des Bauwerks dienen. Über das ganze Zuleitungsnetz sind 400 Messpunkte verteilt, ... ... deren Daten in Echtzeit an das Wasserbewirtschaftungszentrum in Sitten übermittelt werden. Kontrolleure und Messinstrumente überwachen das Bauwerk. Sieben fest installierte Pendel zeigen Bewegungen der Mauer an, Seismographen registrieren Erschütterungen. Die Daten werden auf der Schalttafel in der Leitzentrale der Staumauer kontrolliert. Auch die Rohrleitungen im Inneren der Mauer werden regelmässig überprüft. Um die gespeicherten Wassermassen besser zu nutzen, wurden in den Neunzigerjahren neue Stollen und das neue Kraftwerk Bieudron angelegt. Damit stieg die Leistung der gesamten Anlage von 800 auf 2000 Megawatt, ungefähr die doppelte Leistung eines Atomkraftwerks. In der Zentrale von Bieudron arbeitet der grösste Generator der Welt. 1997 wurde er im Turbinenschacht montiert. Der Generator ist 454 Tonnen schwer und erbringt eine Leistung von 35,7 MVA/Pol. Im Dezember 2000 riss eine Druckleitung auf, die das Wasser zum Kraftwerk Bieudron leitet. Bild: Die demontierte geborstene Druckleitung Eine Flutwelle löste einen Erdrutsch aus; mehrere Gebäude wurden weggerissen, 100 Hektar Wald und Nutzfläche wurden verwüstet, drei Menschen kamen ums Leben. Das Kraftwerk Bieudron konnte erst im Januar 2010 wieder in Betrieb genommen werden. Die Mauer als Leinwand: Im Juli 2007 wurde eine Light Show an die riesige Betonwand projiziert.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Es ist ein Bauwerk der Superlative: Am südlichen Ende des Walliser Val d'Hérémence erhebt sich ein Sperrriegel aus Beton, 15 Millionen Tonnen schwer, mehr als doppelt so hoch wie der Prime Tower in Zürich – Grande Dixence, die höchste Gewichtsstaumauer der Welt (siehe Infobox).

Vor 50 Jahren, am 22. September 1961, wurde der letzte Kübel Beton verbaut - drei Jahre früher als geplant. Die Offiziellen feiern das heute; für die Öffentlichkeit findet am Samstag ein Tag der offenen Tür statt – unter anderem mit einer Ausstellung am Fusse des Staudamms zu seiner Entstehungsgeschichte sowie mit Besichtigungsmöglichkeiten im Innern des Staudamms.

Super-Dixence gegen den Energiehunger

Vor dem Bau der mächtigen Talsperre existierte bereits eine ältere Pfeilerstaumauer. Sie war von der Energie de l'Ouest-Suisse (EOS) zwischen 1929 und 1935 erbaut worden; ihre Reste liegen heute unter den Fluten des Lac des Dix. Als nach dem Zweiten Weltkrieg der Energiehunger stetig anstieg, reifte der Plan für eine Super-Dixence.

1951 wurde mit dem Bau der heutigen Mauer begonnen. Die Bauarbeiten für den ganzen Kraftwerkkomplex Grande Dixence dauerten insgesamt 15 Jahre, bereits nach zehn Jahren konnte jedoch das Kraftwerk in Betrieb genommen werden. Mehr als 3000 Bauarbeiter, Geologen, Hydrologen, Ingenieure und Führer arbeiteten unter schwierigen Bedingungen auf rund 2400 Metern Höhe, um dieses gigantische Bauwerk zu erstellen. Dabei kam es auch zu tödlichen Unfällen.

Um die Arbeiter unterzubringen, baute man ein grosses Gebäude, dem die Männer den Übernahmen «Le Ritz» gaben. Heute ist das «Ritz» ein Restaurant und ein Hotel. Gegen 10 000 Leute besuchen heutzutage zwischen Juni und September das Gebiet rund um den Stausee.

Staumauer der Rekorde

Die gigantische Staumauer übt auch heute noch grosse Faszination auf ihre Besucher aus. An der Basis ist sie beeindruckende 198 Meter dick – zwei Mal die Länge eines Fussballplatzes –, auf der Krone sind es noch 15 Meter. Das Bauwerk ist schwerer als die Cheops-Pyramide – mit den sechs Millionen Kubikmetern Beton, aus denen es besteht, liesse sich eine 1,5 Meter hohe und zehn Zentimeter breite Mauer rund um den Äquator bauen.

Im Inneren der Mauer ist ein Labyrinth von insgesamt 32 Kilometer langen Stollen angelegt, die der Wartung und Kontrolle des Bauwerks dienen. Die 695 Meter lange Mauerkrone liegt auf 2365 Meter über Meer. Hinter ihr stauen sich die Wassermassen der Dixence und bilden den Lac des Dix, einen 3,65 Quadratkilometer grossen Stausee. Wenn der 5,3 Kilometer lange und 227 Meter tiefe See voll ist, drückt er die Krone um maximal elf Zentimeter talwärts. Sein Stauvolumen von 400 Millionen Kubikmetern entspricht einem Fünftel der gesamten in der Schweiz speicherbaren elektrischen Energie.

Vier Pumpstationen versorgen den Kraftwerkkomplex Grande Dixence über ein 100 Kilometer langes Netzwerk von Stollen mit Wasser von 35 Walliser Gletschern. Das Einzugsgebiet erstreckt sich über 420 Quadratkilometer. Produktionszentralen in Fionnay, Nendaz, Bieudron und Chandoline erzeugen durchschnittlich zwei Milliarden Kilowattstunden pro Jahr, was dem mittleren Verbrauch von 400 000 Haushalten entspricht. Der gesamte Komplex ist an der Elektrizitätsversorgung von 18 Kantonen beteiligt.

Geborstene Druckleitung

Um die gespeicherten Wassermassen besser zu nutzen, wurden in den Neunzigerjahren neue Stollen und das neue Kraftwerk Bieudron angelegt. Damit stieg die Leistung der gesamten Anlage von 800 auf 2000 Megawatt, ungefähr die doppelte Leistung eines Atomkraftwerks. Ein Jahr nach der Fertigstellung dieser Erweiterung kam es am 12. Dezember 2000 zu einem schweren Unfall: Die Druckleitung, die das Wasser von der Staumauer Grande Dixence zum Kraftwerk Bieudron leitet, riss auf einer Länge von mehreren Metern auf; 27 000 Kubikmeter Wasser schossen ins Tal und lösten einen Erdrutsch aus. Mehrere Gebäude wurden weggerissen, 100 Hektar Wald und Nutzfläche wurden verwüstet. Drei Menschen kamen ums Leben. Das Kraftwerk Bieudron konnte erst im Januar 2010 wieder in Betrieb genommen werden.

Die zerstörerische Gewalt der Wassermassen, die sich nur schon bei diesem begrenzten Unglück zeigte, lässt erahnen, was bei einem Bruch der Dixence-Staumauer geschehen würde. Die Wassermassen des Lac des Dix – zweimal das Volumen des Hallwilersees – würden als gewaltige Flutwelle zu Tale stürzen; beim Walliser Kantonshauptort Sitten wäre die Wasserwalze noch 35 Meter hoch. Der Strom, der sich Stunden später in den Genfersee ergiessen würde, wäre fünf Kilometer breit.

Noch immer intakt

Damit dieses Horrorszenario niemals Wirklichkeit wird, überwachen Kontrolleure und Messinstrumente das Bauwerk. Sieben fest installierte Pendel zeigen Bewegungen der Mauer an, Seismographen registrieren Erschütterungen. Über das ganze Zuleitungsnetz sind 400 Messpunkte verteilt, deren Daten in Echtzeit an das Wasserbewirtschaftungszentrum in Sitten übermittelt werden.

Obwohl Grande Dixence nun schon 50 Jahre alt ist, wurde noch nie ein Schaden an der Staumauer festgestellt. Die Anlage gilt ohnehin noch nicht als «alt»: Zur Amortisierung wurde die Zeitspanne von zwei Jahrhunderten veranschlagt. Die Mauer muss also noch ein Weilchen stehen bleiben.


Videos: Impressionen von der Grande Dixence
(Quelle: YouTube)

Mit Material der Agentur sda