Geheimer Bericht

16. November 2010 07:52; Akt: 16.11.2010 08:12 Print

USA gewährten Nazis UnterschlupfUSA gewährten Nazis Unterschlupf

Ein Bericht der US-Regierung zeigt, dass Amerika nach dem Zweiten Weltkrieg überzeugte Nazis aufnahm. Auch die Schweizer Nazigold-Kontroverse wird thematisiert.

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Arthur Rudolph mit einem Modell einer Saturn-V-Mondrakete. 1984 flüchtete er nach Deutschland, als gegen ihn wegen Kriegsverbrechen ermittelt wurde.

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Die «New York Times» zitierte entsprechende Belege am Sonntag aus einem 600 Seiten starken Bericht des US-Justizministeriums. Demnach schufen die US-Geheimdienste in manchen Fällen einen regelrechten «sicheren Hafen» für Nazis und Kollaborateure des Hitler-Regimes. Dem Bericht zufolge nahm Washington deswegen Dutzende Male Streit mit anderen Ländern in Kauf. Die «New York Times» konnte eine vollständige Version des Berichts einsehen, der vom Ministerium seit 2006 zurückgehalten werde.

Die wohl «vernichtendsten Enthüllungen», so die Zeitung, betreffen die Verstrickung des Geheimdienstes CIA mit eingewanderten Nazis. Sie sind nicht neu, doch der Bericht dokumentiere des Ausmass der amerikanischen «Komplizenschaft» ausführlicher als zuvor. Erwähnt wird Otto von Bolschwing. Er gehörte zu den Mitarbeitern von Adolf Eichmann, der während der NS-Zeit massgeblich für die Organisation der Deportation und Ermordung der europäischen Juden verantwortlich war, und arbeitete nach dem Krieg für die CIA. Seine Verbindungen zum Holocaust flogen offiziell erst Jahre später auf.

Bekannt sind auch die deutschen Raketenbauer, die nach dem Krieg in die USA gebracht wurde. Einer von ihnen war Arthur Rudolph, der nach Arbeiten am Pershing-Programm massgeblich an der Konstruktion der «Saturn 5»-Trägerrakete beteiligt war, die 1969 erstmals Menschen auf den Mond brachte. Während des Zweiten Weltkriegs entwickelte Rudolph Waffen für die Nazis und leitete am Kriegsende die unterirdische Raketenfabrik Mittelwerk bei Kronstein im Harz, in dem vor allem Zwangsarbeiter tätig waren.

Kurswechsel in den 70ern

Die Zahl der in die USA emigrierten Nazis wurde von Regierungsstellen bislang auf rund 10 000 geschätzt. Der Bericht des Justizministeriums kommt nun zum Schluss, dass es «mit grösster Wahrscheinlichkeit» deutlich weniger waren. In den 70er Jahren änderte sich mit zunehmendem Interesse am Holocaust das Klima. 1979 gründete das Justizministerium das Office of Special Investigations (OSI), das Büro für Sonderermittlungen, das Nazi-Kriegsverbrecher in den USA aufspüren und deportieren sollte.

Auch für Bolschwing und Rudolph wurde die Luft dünn. Otto von Bolschwing sollte 1981 abgeschoben werden, er starb jedoch im gleichen Jahr. Arthur Rudolph flüchtete 1984 nach Deutschland, als Ermittlungen wegen Verdachts auf Kriegsverbrechen gegen ihn eingeleitet wurden. Er starb 1996 in Hamburg. Eher makaber wirkt die Episode, wonach ein OSI-Direktor ein Stück von Josef Mengeles «Skalp» besass. Das OSI hatte offenbar noch in den 80er Jahren intensiv ermittelt, ob der berüchtigte Lagerarzt von Auschwitz in die USA geflüchtet war und allenfalls noch lebte. In Wirklichkeit war er 1979 in Brasilien gestorben.

«Eindeutiger Beweis» für Holocaust-Gold?

Der Bericht greift auch die Nazigold-Kontroverse nochmals auf, die in den 90er Jahren das Klima zwischen der Schweiz und den USA belastete. Schwerpunkt ist der Bericht von US-Unterstaatssekretär Stuart Eizenstat vom März 1997, der mit der Schweiz hart ins Gericht gegangen war. Im Vorfeld kam es offenbar zu Auseinandersetzungen zwischen Aussen- und Justizministerium. Das OSI besass demnach einen «eindeutigen Beweis», wonach die Schweiz den Nazis Gold von jüdischen Holocaust-Opfern abgekauft hat.

Gemäss der Fussnote im aktuellen Bericht des Justizministeriums handelt es sich um zwei Lieferungen von eingeschmolzenem Gold aus den Niederlanden, denen Opfergold beigemischt worden sein soll. Die Veröffentlichung des Eizenstat-Berichts sei dadurch verzögert erfolgt, schliesslich aber seien «alle wichtigen Streitpunkte bereinigt worden». Pikant: In einer bearbeiteten Version des neuen Berichts wurden die Aspekte gestrichen, schreibt die «New York Times». Die Gründe dafür sind unklar, denn selbst Dokumente, die seit langem öffentlich zugänglich sind, seien aus der redigierten Version entfernt worden.

(pbl/sda)