Religion – Teil 2

13. September 2014 00:02; Akt: 13.09.2014 00:02 Print

Islam – die unheimliche Religion

von Rolf Maag - Spätestens seit dem 11. September 2001 ist der Islam vielen Menschen im Westen nicht ganz geheuer. Doch früher war sein Image noch viel schlechter.

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Muslimische Krieger waren jahrhundertelang der Schrecken Europas (Bild: Keystone/AP/Muhammed Muheisen)

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«Erhalt uns, Herr, bei Deinem Wort und schütz uns vor der Türken Mord, die Jesum Christum, Deinen Sohn, stürzen wollen von seinem Thron.» So betete Martin Luther im frühen 16. Jahrhundert. Damals erreichte die beinahe ein Jahrtausend alte Rivalität zwischen der christlichen und der muslimischen Welt einen neuen Höhepunkt – der Orient galt als ein Hort der Finsternis.

Begonnen hatte alles nach dem Tod des Propheten Mohammed im Jahr 632. Innerhalb von 90 Jahren eroberten seine Nachfolger ein Gebiet, das vom Indus bis zu den Pyrenäen reichte. Dabei gerieten zahlreiche Christen unter muslimische Herrschaft, besonders im Nahen Osten, in Nordafrika und in Spanien.

Schutzherrschaft und Verfolgung

Anhänger von «Buchreligionen» – Christen, Juden, Parsen, Buddhisten – hatten dort als «Dhimmis» (Schutzbefohlene) einen speziellen Status. Sie mussten besondere Farben oder Kleidungsstücke tragen, um als solche erkennbar zu sein. Ausserdem durften sie nicht auf Pferden, sondern nur auf Eseln reiten, damit sie ständig an ihren niederen Rang erinnert wurden. In einer gemischtreligiösen Ehe mit muslimischer Beteiligung musste der Mann Muslim sein, die Kinder waren automatisch Muslime. Schliesslich hatten sie einen speziellen Tribut zu entrichten. Als Gegenleistung wurden ihnen Sicherheit der Person und des Besitzes, freie Religionsausübung und eine gewisse Autonomie bei der Regelung interner Angelegenheiten zugesichert.

Die Behandlung der Dhimmis war meistens erträglich. Christen und Juden wurden sogar recht häufig mit wichtigen Regierungsämtern betraut. Doch gelegentlich kam es auch zu Verfolgungswellen, etwa zu Beginn des 11. Jahrhunderts in Jerusalem, wo der fatimidische Kalif al-Hakim Prozessionen verbieten, Kirchengut konfiszieren und die Grabeskirche zerstören liess. Berichte über misshandelte und ermordete Christen schürten fortan immer wieder Angst vor den Muslimen.

Die Türken vor Wien

Nachdem die Türken 1453 Konstantinopel erobert hatten, steigerte sich diese Angst zeitweise zur Hysterie. Als sie 1529 erstmals vor den Toren Wiens standen, sahen manche den Untergang des Abendlandes gekommen. Martin Luther schrieb damals: «Der Türke ist Gottes Rute und des Teufels Diener, daran ist kein Zweifel.» Doch sie konnten zurückgeworfen werden, genauso wie bei ihrem zweiten Angriff auf Wien im Jahr 1683. In den folgenden zwei Jahrhunderten verlor das Osmanische Reich allmählich seinen Status als Grossmacht.

Lässt sich aus dieser historischen Rivalität ein unüberbrückbarer Gegensatz zwischen westlichen und muslimischen Gesellschaften ableiten? Der Historiker Hans-Ulrich Wehler vertrat diese Meinung, als er vor einigen Jahren gegen den EU-Beitritt der Türkei argumentierte: «Das muslimische Osmanenreich hat rund 450 Jahre lang gegen das christliche Europa nahezu unablässig Krieg geführt. Das ist im Kollektivgedächtnis der europäischen Völker, aber auch der Türkei tief verankert. Es spricht darum nichts dafür, eine solche Inkarnation der Gegnerschaft in die EU aufzunehmen.»

Ganz anders sieht es der Nahostexperte Michael Lüders. Er erinnert daran, dass sich das europäische Islambild immer wieder gewandelt hat: Faszination schlug in Angst um, Angst in romantische Verklärung. Über die gegenwärtige Situation sagt er: «Dass sich das Feinbild Islam auf so groteske Weise neu belebt hat, dafür gibt es, oberflächlich betrachtet, zwei Gründe: das Ende des Kalten Krieges und die Anschläge vom 11. September 2001. Die Ursachen aber liegen tiefer: Wie in früheren Zeiten sind es die inneren Krisen, die die Angst vor dem Fremden schüren. In einer immer schneller zusammenwachsenden Welt entstehen Unsicherheiten und Abwehrreflexe. Sie richten sich gegen die andere Kultur – mag sie auch mit der eigenen so eng verwandt sein wie der Okzident mit dem Orient.»