Schlacht bei Marignano

13. September 2015 12:18; Akt: 13.09.2015 12:18 Print

Das Ende der Schweizer Expansionspolitik

von Rolf Maag - Vor 500 Jahren erlitten die Eidgenossen eine vernichtende Niederlage gegen Frankreich. Seither verzichteten sie auf eine expansionistische Aussenpolitik.

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Zu Beginn des 16. Jahrhunderts strotzten die Eidgenossen vor Selbstvertrauen. 1476/77 hatten sie Karl den Kühnen, den mächtigen Herzog von Burgund, nicht nur dreimal besiegt, sondern schliesslich auch getötet. 1499 war es ihnen gelungen, sich im Schwabenkrieg gegen den Schwäbischen Bund zu behaupten und sich de facto von der Reichsgerichtsbarkeit loszusagen.

Diese Leistungen nötigten Niccolò Machiavelli, einem der originellsten politischen Denker der Zeit, höchsten Respekt ab. Der todesmutigen, durch eiserne Disziplin zusammengeschweissten Infanterie der Eidgenossen könne nichts und niemand widerstehen, meinte er. Er sollte schon bald eines Besseren belehrt werden.

Kampfplatz Italien

Seit 1494 versuchte der französische König Ludwig XII. sein Territorium auf Kosten des Herzogtums Mailand zu erweitern. 1500 eroberte er die lombardische Metropole, auch mithilfe von eidgenössischen Söldnern. Als der geizige Monarch seinen finanziellen Verpflichtungen nicht nachkam, griffen die Truppen aus Uri, Schwyz und Nidwalden zur Selbsthilfe und besetzten Bellinzona und das Gebiet von Biasca als Faustpfand. 1503 musste er diese Eroberungen als Besitz der drei Orte vertraglich bestätigen.

Die französische Präsenz in Norditalien war Papst Julius II., der sich seit 1506 von einer Schweizergarde beschützen liess, ein Dorn im Auge. 1512 heuerte er eidgenössische Reisläufer an, denen es in kürzester Zeit gelang, die Franzosen aus Cremona, Pavia und Mailand zu vertreiben. Als neuen Herzog setzten sie den einheimischen Adligen Massimiliano Sforza ein.

Die Schlacht

Diese Schmach wollten die Franzosen nicht auf sich sitzen lassen. Ein erster Versuch, die Lombardei zurückzuerobern, scheiterte 1513. Doch schon zwei Jahre später rückte König Franz I., der die Nachfolge von Ludwig XII. angetreten hatte, erneut gegen Mailand vor. Zunächst versuchte er, den Eidgenossen den Verzicht auf ihre Eroberungen mit viel Geld zu versüssen. Die westlichen Orte Bern, Solothurn und Freiburg waren mit diesem Angebot einverstanden und zogen ihre Truppen ab. Doch die Innerschweizer, angestachelt von Kardinal Schiner, einem fanatischen Franzosenhasser, waren nicht bereit, ihren Schützling Massimiliano Sforza im Stich zu lassen. Sie erwarteten den Feind bei Marignano (heute Melegnano) südöstlich von Mailand.

Am 13. September 1515 begann die Schlacht mit einer wuchtigen Attacke des eidgenössischen Fussvolks gegen die französischen Truppen, die allerdings standhielten. Zudem fügten hinter den Befestigungen postierte Kanonen der Schweizer Phalanx schwere Verluste zu. Am nächsten Tag waren die Eidgenossen nicht mehr angriffsfähig; ihre Kräfte reichten gerade noch aus, einen geordneten Rückzug einzuleiten. Die jahrhundertelang bewährte Kampftaktik der Schweizer hatte sich gegen die moderne Kriegstechnologie der Franzosen als obsolet erwiesen.

Die Bedeutung von Marignano

«Auf die Schlacht von Marignano geht unsere Neutralität zurück, die ist viel älter als der Bundesstaat.» Diesen Satz äusserte Christoph Blocher 2010 und schloss sich damit einer in der älteren Geschichtsschreibung verbreiteten Sichtweise an. Heutige Historiker sehen das allerdings etwas anders.

«Die Eidgenossenschaft als ganze zog sich nun von der Bühne der grossen Politik zurück. Dahinter stand die Überzeugung, dass sie besser damit fuhr, fremden Mächten Söldner zu stellen, als selbst Kriege zu führen», schreibt Volker Reinhardt. Tatsächlich blieben Schweizer Soldaten bis ins 19. Jahrhundert auf Europas Schlachtfeldern präsent. Reinhardt fügt hinzu: «Neutral im Sinne von unparteiisch war diese Politik natürlich nicht: Wer Reisläufer bekam und wer nicht, war ein Politikum ersten Ranges; zur Beeinflussung der Entscheidungsträger flossen weiterhin Ströme von Pensionsgeldern in die Schweiz.»

Sein Kollege Thomas Maissen betont, dass die Reformation, der sich in den 1520er-Jahren Zürich, Bern, Basel und Schaffhausen anschlossen, die inneren Gegensätze der Eidgenossenschaft verschärft und ein gemeinsames Vorgehen nach aussen nahezu verunmöglicht habe. «Ein im Inneren so tief gespaltenes Gebilde wie die Eidgenossenschaft konnte keine Aussenpolitik betreiben oder gar Krieg führen.»

Die Neutralität der Schweiz wurde erst am 20. November 1815 im Frieden von Paris festgeschrieben, der die napoleonischen Kriege endgültig beendete. Sie war weniger selbstgewählt als von den Grossmächten erzwungen, weil sie einen neutralen Pufferstaat zwischen Frankreich und Österreich für nützlich hielten.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • GreenSkyline am 13.09.2015 12:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Die letzte Schlacht

    Die letzte Schlacht verloren, letztendlich hat die Schweiz bis heute gewonnen. :)

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  • Mathias am 13.09.2015 12:24 Report Diesen Beitrag melden

    Eigenständig bleiben.

    Mischt euch nicht in fremde Händel ein gilt heute mehr denn jeh. Wir haben genug Probleme zu lösen im eigenen Land.

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  • Kurt Haltiner am 13.09.2015 12:54 Report Diesen Beitrag melden

    Keimzelle der Neutralität

    Marignano 1515 war das letzte grosse Auslandsabenteuer der Eidgenossenschaft und somit mit Sicherheit die Keimzelle der späteren Neutralität, da man ab diesem Datum nicht mehr versucht hat sich direkt im Ausland einzumischen. Die Reisläuferin hat weniger mit Politik als mit Profit zu tun. Oftmals die einzige gute Verdienstmöglichkeit für die armen Bauern.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Guguseli am 14.09.2015 20:42 Report Diesen Beitrag melden

    Wer hat noch nicht, wer will nochmal?

    Och, hat der Marignano Hype nun auch noch den Weg ins 2Minüthli gefunden?

  • Adriano am 14.09.2015 10:54 Report Diesen Beitrag melden

    Schweiz! und Europa?

    Entgegen der Schweiz verzichtet Europa nicht auf Expansionsgelüste und versucht weiter die Schweiz auf politischem und wirtschaftlichen Weg zu erobern und gefügig zu machen. Bundesbern hilft ihnen dabei.

  • Mr. D am 13.09.2015 22:06 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Mr Nob

    Ich finde die Schweiz ist ein Land auf das man stolz sein kann

    • Ralph am 14.09.2015 05:13 Report Diesen Beitrag melden

      Meinen Sie das ernst?

      dann fragen Sie mal Menschen im Ausland, die immer mehr von dem hier vorherrschenden Hass auf alles und jeden irritiert sind. Und die "Neutralität" des Geldbeutels auch nicht besonders schätzen (Ich weiss, die Antwort wird sein: dann bleibt doch weg. Gähn)

    • Markus Wegmann am 14.09.2015 06:13 Report Diesen Beitrag melden

      @Ralph

      Ja die Schweiz ist ja so abschreckend das die Leute auf keinen Fall hier her ziehen wollen.

    • Özhan Arikan/BS am 14.09.2015 06:24 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Markus Wegmann

      Der Momos mein Guter,der Momos!!! Es sind schon so ''einige Leute'' (''!?Völker?!'') diesbedingt in die Irregeleitet worden und zugrunde gegangen;-)

    • Tell am 14.09.2015 07:13 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Ralph

      Also dafür dass wir 30 Miliärdelchen als Entwicklungshilfe in andere Länder verpulvern kann man die Schweiz schon mögen

    • romeosail am 14.09.2015 08:17 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Mr. D

      habe ungefähr ein viertel aller Länder der Erde besucht und nicht auf die Schnelle. Die Schweiz kommt længst nicht überall gut weg. Teuer geizig arrogant und unfreundlich, das übliche halt

    • urs meyer am 14.09.2015 08:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @romeosail

      ich auch..und habe es nicht so erlebt...in den meisten Länder kennt man die Schweiz gar nicht...denke die schlechte Einstellung hängt an ihnen??!!

    • romeosail am 14.09.2015 10:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @urs meyer

      wo waren sie denn? Ich habe keine blühende Fantasie, es sind schlichte Erfahrungen. Lebe übrigens längst nicht mehr im der Schweiz. Ist mir zu kleinkariert und zu konservativ.

    • max Bodmer am 14.09.2015 20:07 Report Diesen Beitrag melden

      Na und?

      @romesail. Ist mir sowas von egal was andere über die Schweiz denken! Na dann wünsche ich Ihnen einen frohen Aufenthalt im Ausland.

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  • Sarkas Mus am 13.09.2015 21:57 Report Diesen Beitrag melden

    Geschichte kann sich nicht wiederholen

    Wir werden uns nie wieder gegen das Ausland wehren müssen. Sind ja alle schon hier.

  • Detlef am 13.09.2015 21:16 Report Diesen Beitrag melden

    Marignano ist das Ende der Expansion

    Das hat aber gar nichts mit Neutralität zu tun. Der Wiener Kongress von 1815 entschied darüber. Jeder, der Marignano mit Neutralität gleichsetzt, hat schlicht keine Ahnung von Geschichte. Irgendwann haben auch andere Länder ihre Expansion gestoppt, aber sind sie deswegen neutral? Nein!

    • Svalbard am 14.09.2015 09:34 Report Diesen Beitrag melden

      @Detlef

      Es geht um den Samen der damals gelegt wurde, noch nicht um die Endgültige Pflanze. Der Wiener Kongress entsprach dem Schweizer Wunsch der Neutralität. Was damals für beide Seiten von Vorteil war!

    • Detlef am 14.09.2015 10:44 Report Diesen Beitrag melden

      @Svalbard

      Der Vorschlag zur Neutralität ist den zeitlichen Umständen von 1815 geschuldet als es noch weniger attraktive Optionen für die Schweizer gab wie die Aufteilung. Ihre Auffassung ist diejenige des Geschichtsprofessor Paul Schweizer, der im Zuge des Nationalismus im 19. Jahrhundert bewusst eine fingierte Linie bis nach Marignano zog um eine Tradition zu erfinden, die es so nicht gab. Es ist die Zeit, in der nationale Mythen erschaffen werden, um den Zusammenhalt zu stärken, aber wahr sind sie nicht. Das lesen Sie beim Geschichtsprofessor Andreas Suter im Jahre 1998.

    • Michael87 am 14.09.2015 12:03 Report Diesen Beitrag melden

      @Detlef

      Wenn ein Linker Geschichtsprofessor einem Rechten widerspricht, muss e ja im Recht sein. Gibt auch genug Geschichtsprofessoren, deren Hauptbeschäftigung die Leugnung der Schlacht am Moorgarten oder bei Sempach ist. Heute ist die Zeit, in der man alle Historischen Ereignisse leugnet um deren Auswirkungen ins Reich der Legenden zu befördern.

    • Svalbard am 14.09.2015 13:32 Report Diesen Beitrag melden

      @Detlef

      Geschichte ist oft das was man draus folgert. Ohne viele andere Faktoren wäre Marignano nie zum Ursprung der Neutralität gewachsen. Möglicherweise hat Paul Schweizer damals etwas übertrieben, er ging damals mit der Zeit. Genauso wie Andreas Suter der auch mit der Zeit geht, heutzutage muss alles möglichst gegen die Schweiz gerichtet werden und mit allem muss die Schweiz und ihre Geschichte schlecht geredet werden, entspricht halt dem Zeitgeist.

    • Detlef am 14.09.2015 18:54 Report Diesen Beitrag melden

      @Svalbald

      Es sagt ja niemand, dass es die Schlacht bei Marignano nicht gegeben hat, aber eine direkte Linie zu ziehen zur Neutralität ist schlicht falsch. Das ist wie wenn Sie als Chemiker noch immer den Standpunkt vertreten würden, dass ein Atom unteilbar wäre. Die Geschichte wird nicht "linker", weil sie sich kritisch mit den Quellen auseinandersetzt, sondern differenzierter. Sie wollen einfach Ihren geliebten Mythos aufrechterhalten. Da stehen Ihnen neuste historische Erkenntnisse im Weg. Geschichtsvereinnahmung par excellence.

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