«Piper Alpha»-Katastrophe

29. März 2012 18:12; Akt: 30.03.2012 15:11 Print

Als die Nordsee brannte

Die Bohrinsel Elgin vor Schottland kann jeden Moment in die Luft fliegen. Was passiert, wenn sich Gas aus einem leckenden Bohrloch entzündet, zeigt die Explosion der Piper Alpha 1988.

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Obwohl das Gasleck auf der «Elgin» gefunden worden ist, wissen die Betreiber nicht, wie sie es stopfen sollen. Experten glauben, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis die Wolke die Brandherde auf der Bohrinsel erreicht und sich entflammt. Was dann passiert, zeigt ein Blick in die Vergangenheit: Am 6. Juli 1988 ereignete sich auf der «Piper Alpha» ein ähnliches Unglück. Es forderte 167 Menschenleben.

Sicherheitskonzept aufgeweicht

Befeuert hat das Unglück eine Verkettung unglücklicher Umstände, aber auch Profitgier. Die Plattform war 1975 in vier Modulen im französischen Cherbourg gebaut worden, ein Jahr später wurde mit der Ölförderung begonnen. Dabei wurde darauf geachtet, dass sensible Bereiche und die Mannschaftsquartiere möglichst weit von etwaigen Gefahrenquellen entfernt lagen.

Dieses Prinzip wurde 1980 über den Haufen geworfen, als «Piper Alpha» für die Gasförderung erweitert wurde. Seither lag etwa der Raum mit Kompressoren, die das flüchtige Brennmittel für den Pipeleine-Transport verdichten, genau neben dem Kontrollraum, in dem alle Fäden zusammenlaufen. Zudem war die Plattform mit zwei Pendants namens «Claymore» und «Tartan» verbunden: Von «Piper Alpha» führte eine 206 Kilometer lange Leitung zu den Orkney Inseln, wo Öl und Gas eingelagert werden.

Wenn eine Hand nicht weiss, was die andere tut

Am 6. Juli 1988 führten Techniker routinemässige Wartungsarbeiten an dem Überdruckventil an einem der beiden oben genannten Kompressoren durch, die bis zum Dienstschluss um 18 Uhr aber nicht abgeschlossen wurden. Das Loch wurde behelfsmässig mit einer Stahlplatte abgedeckt. Der ausführende Ingenieur gab Weisung, dass Kompressor A deshalb nicht benutzt werden dürfe. Weil der Aufseher der Nachtschicht beschäftigt war, schrieb er aber nur eine Notiz, die er in den Kontrollraum gebracht haben will.

Als Kompressor B um 21.45 Uhr ausfiel und die Stromversorgung zusammenzubrechen drohte, wurde auf Kompressor A umgeschaltet. Eine Weisung sei nirgendwo zu finden gewesen – die Katastrophe nahm ihren Lauf. Unter Hochdruck strömte Gas in den Kompressor und blies die Stahlplatte mühelos beiseite. Zwar wurde sofort Gasalarm ausgelöst, doch die Masse des Brennstoffs war so gross, dass sich das Gas umgehend entzündete.

Panik, Pech und Pannen

Die für Ölbrände ausgelegten Brandschutzwände barsten unter der Explosion. Zu allem Unglück war auch noch das automatische Löschsystem abgestellt, das grosse Mengen Meerwasser eingesogen und auf der Plattform verteilt hätte. Der Grund: Es waren Taucher im Meer, die hätten eingesogen werden können und deshalb wurde grundsätzlich auf das manuelle Löschsystem umgestellt. Die Gasfackel machte es der Crew jedoch unmöglich, das manuelle System auszulösen.

Als wäre das nicht genug, lagen auch noch Gummimatten auf der Plattform herum, die die Taucher vor scharfem Stahl schützen sollten. Entflammtes Öl, dass unter anderen Umständen durch Gitter ins Meer gefallen wäre, wurde so zu einer Flammenpfütze, die um 22.50 Uhr eine weitere Gasleitung unter Feuer setzte. Die Arbeiter der Bohrinseln «Claymore» und «Tartan» drehten erst jetzt die Leitungen zu. Sie hatten zuvor auf Befehle der Chefetage gewartet, weil das Abschalten und wieder Hochfahren der Förderanlagen ein langwieriger und kostspieliger Prozess war.

Wer nicht Anordnungen folgte, überlebte

Die meisten Arbeiter flohen zu einem Sammelpunkt unter dem Helikopter-Deck, doch aus der Luft war wegen Rauch und Hitze keine Rettung möglich. Einige mutige Männer sprangen 60 Meter tief ins Wasser, was gegen die Vorschriften war, ihnen aber das Leben rettete. Ihre Kollegen versanken um 23:50 Uhr mit drei von vier Modulen im Meer, wobei die meisten durch Rauchvergiftungen starben.

Ein spezielles Rettungsboot erwies sich als nutzlos: Die «Tharos» hatte zwar einen ausfahrbaren Steg, doch der brauchte eine Stunde, um sich ganz lang zu machen. Auch ihre Wasserkanonen konnten nur beschränkt genutzt werden, weil sie derart stark waren, dass sie Menschen bei Beschuss getötet hätten. Als um 22.50 Uhr die zweite Gasleitung hochging, musste sie sich zurückziehen, weil überall der Stahl zu schmelzen begann.

Bis Feuer-Fachmann «Red» Adair aus den USA den Brand löschen konnte, vergingen drei Wochen. Die Sicherheitsvorkehrungen auf Nordsee-Bohrinseln wurden später drastisch verschärft. Der Preis dafür war hoch. Auf der «Piper Alpha» starben 167 Menschen.


Dieser ITN-TV-Bericht von 1988 zeigt das Ausmass der Katastrophe. Quelle: YouTube


Eine weitere Explosionsaufnahme. Quelle: YouTube

(phi)

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Klasen Sandy am 30.03.2012 16:32 Report Diesen Beitrag melden

    Nur weiter so !!!

    Die Menschheit schafft es, sich selber zu venichten

  • Mike am 30.03.2012 08:34 Report Diesen Beitrag melden

    Naja....Way'n Interessierts

    Man lebt ja sowieso nur einmal, alles nehmt euch - was ihr wollt:-)

  • asdf am 29.03.2012 23:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wiederholung

    jap drastisch verstärkt... und jetzt wiederholt es sich trotzdem -.-

  • Daniel am 29.03.2012 19:06 Report Diesen Beitrag melden

    Der Mensch und seine tollen Erfindungen

    Wie das halt so ist gel, erst bauen, dann profitieren und dies nicht zu knapp, jedoch keine innert nützlicher Frist brauchbaren Lösungen für eventuelle Probleme. In dem Atemzug, wo das Problem entsteht, entsteht auch bereits wieder eine neue Plattform denn, profitieren geht über Umweltschutz uns sonstige Details. Der Mensch ist halt masslos und gierig ohne Ende, was letztendlich genau zu besagtem führt.