Martin Luther

10. November 2013 08:11; Akt: 10.12.2013 17:37 Print

Revolutionär des Glaubens

von Rolf Maag - Am 10. November 1483 wurde Martin Luther geboren. Die von ihm angestossene Reformation zählt zu den bedeutendsten Ereignissen der neuzeitlichen Geschichte.

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Das Luther-Denkmal in Wittenberg (Bild: Keystone)

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Die Spannung war beinahe physisch spürbar, als der Augustinermönch Martin Luther am 18. April 1521 den Bischofshof in Worms am Rhein betrat. Dort tagte der Reichstag, also die Versammlung von etwa 400 Vertretern der Fürsten und der freien Städte des Deutschen Reiches. An ihrer Spitze stand dessen König (ab 1530 dann auch Kaiser), der Habsburger Karl V., der zugleich Monarch von Spanien war. Von Luther wurde erwartet, dass er seine «ketzerischen» Thesen über den Ablasshandel, die Sakramente und die Autorität des Papstes nun endgültig widerrufen würde. Am Tag zuvor hatte er sich noch Bedenkzeit erbeten.

Mit fester und lauter Stimme verkündete Luther nun: «Wenn ich nicht durch Schriftzeugnisse oder einen klaren Grund widerlegt werde - denn allein dem Papst oder den Konzilien glaube ich nicht, da es feststeht, dass sie häufig geirrt und sich auch selbst widersprochen haben -, so bin ich durch die von mir angeführten Schriftworte bezwungen. Und solange mein Gewissen durch die Worte Gottes gefangen ist, kann und will ich nichts widerrufen, weil es unsicher ist und die Seligkeit bedroht, etwas gegen das Gewissen zu tun. Gott helfe mir. Amen.» Gut einen Monat später wurde die Reichsacht gegen den Mönch verhängt - er konnte nun von jedermann straflos getötet werden.

Vom Juristen zum Mönch

Nach dem Willen seines Vaters, eines thüringischen Bergbauunternehmers, hätte Luder (so sein eigentlicher Name; erst später nannte er sich in Anlehnung an das griechische Adjektiv eleútheros [frei] Luther) Jurist werden sollen. Tatsächlich nahm er 1505 in Erfurt ein Studium der Rechte auf, doch nachdem er während eines Sommergewitters beinahe vom Blitz erschlagen worden wäre, gelobte er, Mönch zu werden, was kurz darauf auch geschah.

Seinen Vorgesetzten im Augustinerkloster von Erfurt entging Luthers aussergewöhnliche Begabung nicht; sie hielten ihn daher zu weiteren Studien an, die er 1512 mit der Promotion zum Doktor der Theologie abschloss. Im selben Jahr wurde er zum Professor für Bibelstudien an der Universität Wittenberg ernannt.

Der Glaube ist zentral

Im Lauf der Jahre entwickelte Luther die theologischen Grundsätze, die ihn schliesslich in einen unüberbrückbaren Gegensatz zur katholischen Kirche bringen sollten. Zu einem Schlüsselerlebnis wurde dabei eine Passage aus einem Brief des Apostels Paulus (Römer 1,17, zitiert nach der Lutherbibel): «Sintemal darinnen (im Evangelium) geoffenbaret wird die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben in Glauben, wie denn geschrieben stehet: ‹Der Gerechte wird seines Glaubens leben›.»

Luther war von der Frage besessen, wie er sich als sündiger Mensch vor dem unendlich gerechten Gott rechtfertigen könne, den er sich als unerbittlich strafende Instanz dachte. In seinen ersten Jahren als Mönch hatte er sich daher in die katholische «Leistungsfrömmigkeit» (so nennt das der Lutherbiograph Heinz Schilling) geflüchtet: Er fastete, betete ständig und beichtete exzessiv - einmal sechs Stunden lang. Doch dieser religiöse Eifer brachte ihm keine Erleichterung, sondern stürzte ihn nur noch tiefer in Furcht und Verzweiflung, bis er sogar an Schlaf- und Verdauungsstörungen litt. Die zitierte Passage erschien ihm daher als Befreiung von seinen Nöten: Nicht durch religiöse Leistungen («Werke»), sondern allein durch den Glauben, den Gott den Menschen als Geschenk zukommen lasse, werde man gerecht.

Schrift, Gnade, Glaube

Drei Prinzipien hatten in Luthers Theologie herausragende Bedeutung:

• Zum einen: Allein in der Heiligen Schrift («sola scriptura») offenbare sich Gottes Wort dem Menschen, nicht in den Büchern der Theologen.

• Zum Zweiten: Errettet werde der Mensch nur von der Gnade Gottes («sola gratia»).

• Schliesslich: Gottes Gnade erlange man nur durch den Glauben («sola fide»).

Ausserdem lehrte er das «Priestertum aller Gläubigen», was eine klare Absage an die vermeintliche Heilsvermittlungsfunktion des katholischen Klerus war, und von den sieben katholischen Sakramenten liess er nur Taufe, Abendmahl und Busse (die er später ebenfalls verwarf) gelten.

Gegen den Ablasshandel

Doch so richtig in Gang kam die Kontroverse mit der Papstkirche erst, als sich Rom eine neue Geldquelle erschloss, um den kostspieligen Neubau der Petersbasilika (heute Petersdom) zu finanzieren: den Ablasshandel.

Ein Ablass war ein Brief, durch dessen Kauf Gläubige angeblich eine Reduzierung ihrer Sündenstrafen, insbesondere der Zeit im Fegefeuer, erwirken konnten. In der Nähe von Wittenberg wurde dieser einträgliche Handel von dem Dominikaner Johannes Tetzel organisiert. Sein Motto lautete: «Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Fegefeuer springt.»

Luther war empört; der Ablass vermittle den Gläubigen eine falsche Sicherheit, da Gott nur dem ehrlich reuigen Sünder vergebe. Am 31. Oktober 1517 protestierte er daher schriftlich bei Albrecht von Brandenburg, dem Erzbischof von Magdeburg und Mainz, in dessen Territorien Tetzel hauptsächlich wirkte. Seinem Brief legte er 95 Thesen über den Ablasshandel bei; möglicherweise liess er diese auch an das Tor der Schlosskirche von Wittenberg nageln, doch das ist nicht gesichert. Albrecht leitete die Schriften sogleich an Papst Leo X. weiter.

Kirchenbann

Rom war nun alarmiert: Im Oktober 1518 wurde Luther von einem Abgesandten des Papstes, Kardinal Thomas Cajetan, in Augsburg verhört, doch er weigerte sich zu widerrufen. Am 15. Juni 1520 verurteilte der Papst in einer Bulle 41 Sätze Luthers als ketzerisch und drohte ihm die Exkommunikation an, die am 3. Januar 1521 endgültig erfolgte. Jetzt musste Karl V. als Schutzherr der Kirche aktiv werden: Er lud Luther gegen die Zusicherung freien Geleits zum Reichstag in Worms ein, wo es zu dem anfangs geschilderten Auftritt kam.

Bibelübersetzung

Luther hatte Glück, dass sein Landesherr, Kurfürst Friedrich der Weise von Sachsen, schützend seine Hand über ihn hielt. Er liess ihn auf der Wartburg bei Eisenach untertauchen, wo sich Luther sogleich an ein Projekt machte, dass ihm besonders am Herzen lag: die Übersetzung der Bibel ins Deutsche. In nur elf Wochen übersetzte er das Neue Testament ins Deutsche, das 1522 anonym erschien. 1534 kam schliesslich seine vollständige Übertragung der Heiligen Schrift heraus. Dabei handelt es sich zweifellos um seine bedeutendste literarische Leistung: Durch sie entstand eigentlich erst eine gesamtdeutsche Hochsprache und damit die Voraussetzung dafür, dass sich ein deutsches Nationalbewusstsein allmählich herausbildete. Viele seiner Wortprägungen (etwa «plappern», «Herzenslust» oder «kleingläubig») bereicherten die Sprache und leben bis heute fort.

Hochzeit und Tod

Im März 1522 wagte sich Luther nach Wittenberg zurück und begann erneut öffentlich zu predigen. Seine Kanzelreden wurden als Flugschriften öffentlich verbreitet und entfalteten eine ungeheure Wirkung. Viele Fürsten traten zu dem neuen Glauben über, wohl auch aus materiellen Gründen: Durch die Reformation gewannen sie die Verfügung über Kirchengut, womit sie die staatlichen Einnahmen vermehren und ihre Herrschaft festigen konnten.

Auch privat änderte sich einiges für den ehemaligen Augustinermönch: 1525 heiratete Luther Katharina von Bora, eine aus dem Kloster entlaufene Zisterziensernonne; im Jahr darauf kam sein erster Sohn zur Welt.

Luther ernährte seine Familie von einem kleinen Professorengehalt, das ihm der Kurfürst zahlte. Er hielt Vorlesungen, predigte und veröffentlichte unentwegt. In der Nacht zum 18. Februar 1546 starb er schliesslich in seiner Geburtsstadt Eisleben, wahrscheinlich an einer Herzerkrankung.

Bilanz

Wie ist Luthers Wirken aus heutiger Sicht einzuschätzen?

Einerseits forderte er die Menschen auf, in Glaubensfragen ausschliesslich ihrem Gewissen zu folgen und beseitigte so das Monopol der katholischen Kirche auf Köpfe und Herzen der Menschen. Ohne die Reformation hätte es wohl keine Aufklärung gegeben und somit auch keine individuellen Menschenrechte wie wie etwa Rede- oder Religionsfreiheit.

Andererseits blieb er in vielem dem Mittelalter verhaftet: So verleitete ihn seine Bibelgläubigkeit dazu, das von Kopernikus formulierte heliozentrische Weltbild in Bausch und Bogen zu verdammen, weil es in schamloser Weise der Bibel widerspreche.

Luther wird auch oft als einer der Urheber der deutschen Obrigkeitsgläubigkeit angesehen, die sich in 20 Jahrhundert so verhängnisvoll auswirken sollte. Als 1524/25 die Bauern seine Botschaft politisch deuteten und sich gegen ihre ausbeuterischen Grundherren erhoben, stand er ihnen nicht etwa bei, sondern forderte dazu auf, die Aufständischen zu «stechen, schlagen und würgen». Schliesslich stand in der Bibel (Römer 13,1 ff.), alle Obrigkeit komme von Gott, und man müsse ihr daher auch untertan sein, wenn sie ungerecht handle.

Beinahe das Blut in den Adern gefrieren lassen einem schliesslich seine Ausfälle gegen die Juden. Vergeblich hatte er gehofft, sie würden sich zum evangelischen Glauben bekehren lassen; als das nicht geschah, liess er seinem Hass freien Lauf: Man solle ihre Synagogen anzünden, ihre Häuser zerstören, sie zu körperlicher Arbeit zwingen und notfalls aus dem Land jagen, schrieb er 1543 in seinem Pamphlet «Von den Juden und ihren Lügen».

Luther ist jedenfalls bis heute eine faszinierende Figur geblieben, auch weil er extrem war, im Guten wie im Schlechten.