150 Jahre Sezessionskrieg

12. April 2011 10:21; Akt: 12.04.2011 10:45 Print

Die Südstaaten und die Sklaverei

von Peter Blunschi - Die Sklaverei entzweit die USA bis heute. Im Süden wird ihre Bedeutung für den Bürgerkrieg oft verharmlost. Dabei sprechen die Fakten eine klare Sprache.

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Die Anpflanzung von Baumwolle (l.) liess die Nachfrage nach Sklaven explodieren. Rechts ein ehemaliger Sklave mit Narben von Peitschenhieben.

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Mit zahlreichen Anlässen gedenken die Südstaaten dem Beginn des Sezessionskriegs vor 150 Jahren. Im Zentrum steht die Verherrlichung der ländlich-aristokratischen Gesellschaft, für deren Erhalt die konföderierten Staaten gekämpft hätten. Die Sklaverei wird dabei ausgeblendet. Die meisten Südstaatler hätten keine Sklaven besessen, wird etwa argumentiert, und ohnehin wäre die Sklaverei irgendwann von selbst verschwunden.

Was ist davon zu halten? Tatsächlich hatten sich die elf Südstaaten vordergründig aus der Union gelöst, um ihre Eigenständigkeit zu wahren, die sogenannten «States’ Rights». Doch diese waren untrennbar verbunden mit der Sklaverei, wie der Soziologe James Loewen in der «Washington Post» darlegt. Der agrarisch geprägte Süden war um 1860 auf Gedeih und Verderben abhängig von der Ausbeutung schwarzer Zwangsarbeiter. Ihre Zahl war von rund 500 000 zur Zeit der Unabhängigkeit 1776 auf mehr als vier Millionen angewachsen.

Die meisten arbeiteten auf den grossen Plantagen. Die Mehrheit der weissen Südstaatler waren arme Kleinbauern, die in der Tat keine Sklaven besassen. Getreu dem amerikanischen Aufsteigerideal hofften sie jedoch, irgendwann «grosse Sklavenbesitzer zu werden», wie Loewen schreibt. Noch wichtiger sei die rassistische Überzeugung gewesen, wonach die Weissen den «Negern» überlegen waren: «Die Sezession sollte nicht nur die Sklaverei erhalten, sondern auch die Ideologie der weissen Vorherrschaft.»

Das Unheil kam mit der Baumwolle

Dabei sah es zu Beginn des 19. Jahrhunderts so aus, als ob die Sklaverei bald der Vergangenheit angehören würde. Nur unter dieser Annahme waren ihre Gegner überhaupt bereit, den «moralischen Anachronismus» zu dulden, der in schreiendem Widerspruch stand zu den in Unabhängigkeitserklärung und Verfassung beschworenen Freiheitsrechten. Doch dann kam das Unheil in Form einer Pflanze, die bis zu jenem Zeitpunkt in den USA kaum eine Rolle gespielt hatte: Baumwolle. Mit der Industrialisierung in England wuchs die Nachfrage nach dem wichtigsten Rohstoff für die Textilproduktion rasant.

Der tiefe Süden der USA erwies sich als idealer Ort für die Anpflanzung von Baumwolle. Erfindungen wie die Cotton Gin, eine Entkernungsmaschine, ermöglichten die Verarbeitung grosser Mengen, was auch den Bedarf an Arbeitskräften erhöhte. Die Sklaverei verschwand somit nicht, sie erlebte einen Boom wie nie zuvor. Baumwolle und Sklaven waren so eng miteinander verbunden, dass sich der Preis für beides parallel entwickelte, schreibt Gene Dattel, Autor eines Buches über «Baumwolle und Rasse», in der «New York Times».

«Zuchtfarmen» für Sklaven

Es gab jedoch ein Problem. Der transatlantische Sklavenhandel aus Afrika wurde 1807 in Grossbritannien und ein Jahr später auch in den USA verboten. Zwar wurden auch in den Folgejahren Afrikaner ins Land «geschmuggelt», aber der Bedarf konnte bei weitem nicht gedeckt werden. Dies musste auf «natürlichem» Weg erfolgen. Historiker sprechen von eigentlichen «Zuchtfarmen» für Sklaven. Auf Gefühle nahm man dabei keine Rücksicht. Kinder wurden ihren Eltern entrissen, Paare wurden gewaltsam getrennt.

Insgesamt wurden die Sklaven von ihren Herren zwar gut behandelt, sie waren schliesslich Besitz. Das galt aber nur, wenn sie sich folgsam verhielten. Wer aufbegehrte, flüchtete oder gar einen Aufstand wagte, musste mit drakonischen Strafen rechnen. Hinzu kam die weit verbreitete sexuelle Ausbeutung der Sklavinnen durch ihre Aufseher und Besitzer. Das Zerrbild der Sklaverei als einer «fürsorglichen Einrichtung», das im Süden während langer Zeit gehätschelt wurde, hat mit der Realität jedenfalls wenig gemein.

Schwarze Soldaten im Süden?

Gleiches gilt für die von Revisionisten verbreitete Behauptung, Schwarze hätten in der konföderierten Armee gekämpft. Dabei wirkt allein die Vorstellung bizarr, dass ihre Peiniger ihnen ein Gewehr in die Hand gedrückt hätten. Wohl gehen auch «seriöse» Historiker davon aus, dass einige hundert Schwarze die graue Uniform trugen, aber sie leisteten vorwiegend Hilfsdienste und damit nicht mehr als die übliche Sklavenarbeit. Erst im März 1865, kurz vor Kriegsende, als die Lage verzweifelt war, wurden sie als kämpfende Soldaten zugelassen.

Die Fakten sprechen für sich: Wirtschaftliche Abhängigkeit und Rassismus hatten die Sklaverei im Süden zu einem unverzichtbaren Faktor gemacht. Realisten hätten kapiert, dass sie «nicht freiwillig aussterben würde», meint Gene Dattel. Dies erkannte man auch im Norden. Die Gründervater der USA hätten «die Wiederbelebung der Sklaverei durch die erhöhte Nachfrage nach Baumwolle nicht vorhersehen können», schrieb William Seward, der Aussenminister von Präsident Abraham Lincoln, 1860. Die meisten Historiker sind sich deshalb einig: Nur ein Bürgerkrieg konnte den «moralischen Anachronismus» beenden.