Napoleons Russlandfeldzug

24. Juni 2012 13:03; Akt: 24.06.2012 13:03 Print

Ein gigantisches Gemetzel

von Rolf Maag - Am 24. Juni 1812 griff Napoleon Bonapartes «Grande Armée» Russland an. Das grandiose Scheitern dieses Unternehmens bedeutete für ihn den Anfang vom Ende.

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Historische Vereine stellen die blutige Schlacht bei Borodino nach. (Bild: Keystone/Yuri Kochetkov)

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Es war die grösste Streitmacht aller Zeiten, die sich da anschickte, die Memel (russisch Njemen), den Grenzfluss zwischen dem französisch kontrollierten Grossherzogtum Warschau und dem russischen Zarenreich, zu überschreiten: weit über 400 000 Mann mit gegen 200 000 Pferden. Die Soldaten kamen aus aller Herren Länder, da Napoleon seine Satellitenstaaten gezwungen hatte, umfangreiche Hilfskontingente zu stellen. Auch 8000 Schweizer waren darunter – nur 300 von ihnen sollten zurückkehren.

Napoleon hatte Voltaires Studie über den gescheiterten Russlandfeldzug des schwedischen Königs Karl XII. im Jahr 1709 gelesen; eigentlich konnte er sich keine Illusionen über die Schwierigkeit der bevorstehenden Aufgabe machen. Dennoch wischte er sämtliche Bedenken seiner Berater beiseite, weil er für den Gegner nichts als Verachtung übrig hatte: «Barbarische Völker sind einfältig und abergläubisch. Ein vernichtender Schlag ins Herz des Reiches, ins grosse Moskau, ins heilige Moskau, wird ausreichen, mir diese ganze blinde und hilflose Masse auszuliefern.»

Ende eines Bündnisses

Eigentlich waren Frankreich und Russland zu diesem Zeitpunkt Verbündete. Der russische Zar Alexander I. betrachtete Napoleon zwar als Usurpator und bekämpfte ihn zunächst an der Seite Österreichs und Preussens, doch nach Niederlagen bei Austerlitz (1805) und Friedland (1807) war er gezwungen, in Verhandlungen mit dem französischen Kaiser einzutreten. Die beiden Monarchen trafen sich in Tilsit (heute Sowjetsk) an der Memel. Napoleon machte Alexander gewisse Konzessionen: Beispielsweise erlaubte er den Russen, das damals zu Schweden gehörende Finnland zu annektieren, was 1809 auch geschah. Im Gegenzug musste sich das Zarenreich an der «Kontinentalsperre» beteiligen, einem seit 1806 bestehenden Handelsboykott gegen Grossbritannien, Napoleons letzten verbliebenen Gegner.

Doch als die Kontinentalsperre der russischen Wirtschaft schwere Schäden zuzufügen begann, vollzog Alexander eine Kehrtwende: 1810 verfügte er, dass Schiffe, die unter neutraler Flagge fuhren und englische Waren an Bord hatten, russische Häfen anlaufen durften. Ab 1811 liess er sogar unverzollte französische Waren beschlagnahmen und vernichten. Als auch noch russische Truppen an der Grenze zum Grossherzogtum Warschau aufmarschierten, war für Napoleon das Mass voll: Er beschloss, das Riesenreich im Osten anzugreifen.

Vorstoss nach Moskau

Anfangs kam die «Grande Armée» rasch voran, da sich die gegnerischen Verbände ins Landesinnere zurückzogen. Allerdings wurden Napoleons Truppen schon in dieser Phase durch Fahnenflucht und Krankheiten wie die Ruhr stark dezimiert. Am 7. September stellte sich der 67-jährige Michail Kutusow, der seit August Oberbefehlshaber der russischen Armee war, bei Borodino in der Nähe von Moskau Napoleon zur Schlacht. Die Franzosen behielten zwar die Oberhand, doch sie erlitten dabei so schwere Verluste (rund 35 000 Mann), dass ihnen dieser Sieg kaum Vorteile brachte.

Als sie am 14. September in Moskau einzogen, erlebten sie eine Überraschung: Die Stadt war nahezu menschenleer, denn die meisten Einwohner waren aufs Land geflohen. Am folgenden Tag brach ein Brand aus, der auf Befehl des Militärgouverneurs von Moskau gelegt worden war; zwei Drittel der Stadt waren nur noch Schutt und Asche. Napoleon hatte sich inzwischen im Kreml einquartiert, wo er auf ein Friedensangebot von Alexander wartete. Als ein solches nicht eintraf, ordnete er den Rückzug an, der am 19. Oktober begann.

Die Katastrophe

Napoleon war nun plötzlich in der ungewohnten Rolle des Gejagten. Von der tief religiösen Landbevölkerung, die in ihm den Antichristen sah, hatte er keinerlei Unterstützung zu erwarten. Als Anfang November der Winter begann und die Temperatur unter minus 20 Grad fiel, erfroren tausende von Soldaten. Die Fliehenden wurden ständig von den für ihre Grausamkeit berüchtigten Kosaken attackiert. Als sie am 9. November in Smolensk eintraf, war die «Grand Armée» auf 50 000 Mann geschrumpft.

Ende November überquerten Napoleons Männer die vereiste Beresina, einen Fluss in Weissrussland; dabei sahen sie sich schwerem russischem Feuer ausgesetzt. Weil die Russen die einzige Brücke zerstört hatten, errichteten holländische Pioniere, bis zur Brust im eiskalten Wasser stehend, zwei Ersatzbrücken. Allerdings schafften tausende den Übergang nicht und fielen auf dem Ostufer den Russen in die Hände, was das sichere Todesurteil für sie bedeutete. Vier Schweizer Regimenter mussten den Brückenkopf am Ostufer vom 27. bis 29. November verteidigen. An ihren todesmutigen Kampf erinnert bis heute das Beresinalied.

Es konnte kein Zweifel daran bestehen, dass Napoleon eine Niederlage von ungeheuren Dimensionen erlitten hatte. Etwa 400 000 Franzosen und Verbündete hatten den Tod gefunden, zehntausende waren in Gefangenschaft geraten. Da die Russen ähnlich hohe Verluste erlitten, dürfte die Gesamtzahl der Opfer bei knapp einer Million liegen.

Für den Kaiser der Franzosen persönlich wog allerdings noch schwerer, dass seine Aura der Unbesiegbarkeit nun endgültig dahin war. Nachdem er im Juni 1815 bei Waterloo seine letzte Schlacht verloren hatte, verbrachte er die letzten Jahre seines Lebens im Exil auf der abgeschiedenen Atlantikinsel St. Helena, wo er sich bis zu seinem Tod im Jahr 1821 der Arbeit am eigenen Mythos widmete.

Grafik der Verluste

Der französische Bauingenieur Charles Joseph Minard (1781 - 1870) veröffentlichte 1869 eine Infografik zum Russlandfeldzug. Das berühmte Diagramm zeigt neben den sukzessiven Verlusten der «Grande Armée» auch deren Marschrichtung und parallel dazu die Temperaturen, die jeweils herrschten (klicken Sie für die Grossansicht aufs Bild!).

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