Vor 460 Jahren

27. Oktober 2013 23:08; Akt: 28.10.2013 01:07 Print

Als in Genf ein Arzt öffentlich verbrannt wurde

von Rolf Maag - Am 27. Oktober 1553 liess der Reformator Calvin den Arzt Miguel Serveto hinrichten. Sein Verbrechen: Er hatte die Dreifaltigkeit geleugnet.

storybild

Neben dem Gedenkstein ist seit 2011 eine Statue von Serveto zu sehen. (Bild: Keystone)

Zum Thema
Fehler gesehen?

Miguel Serveto (auch als Michel Servet oder Michael Servetus bekannt) war wirklich nicht zu beneiden: In fast allen Gebieten des von der Glaubensspaltung zerrissenen Europas drohte ihm die Verfolgung als Ketzer und damit die Hinrichtung.

Der wohl 1511 in Aragón geborene Spanier hatte in Zaragoza, Toulouse und Paris umfangreiche Studien betrieben; ab 1540 wirkte er in der Gegend von Lyon als Arzt. Daneben veröffentlichte er unter einem Pseudonym auch Schriften zu theologischen und naturphilosophischen Themen, in denen er die Kindertaufe für falsch erklärte, besonders aber die Doktrin von Gottes dreifaltiger Natur als Vater, Sohn und Heiliger Geist verwarf, da sie sich nicht aus der Bibel herleiten lasse. Zudem behauptete er, dass Christus an der Oberfläche des Wassers glitzere und die Sterne und Planeten von innen erleuchte; dies schien die pantheistische Sicht nahezulegen, dass Gott und seine Schöpfung im Wesentlichen eins seien. Trotz all ihrer sonstigen Differenzen waren sich Katholiken und Protestanten einig: Solche Thesen waren verabscheuungswürdig, der Autor musste als Ketzer vor Gericht gestellt werden.

Flucht nach Genf

Als 1553 Servetos Schrift «Christianismi Restitutio» (Wiederherstellung des Christentums) erschien, wurde er als Autor enttarnt und auf Geheiss des Bischofs von Vienne eingekerkert. Er entkam aus dem Gefängnis und floh nach Genf, wo er eigentlich nur Zwischenstation zu machen gedachte, bis ihn ein Boot nach Zürich bringen würde. Unvorsichtigerweise besuchte er hier einen Gottesdienst, in dem gerade der Genfer Reformator Johannes Calvin predigte, den er aus Pariser Studientagen kannte. Dieser erkannte ihn und liess ihn inhaftieren.

Düstere Weltsicht

Der aus dem französischen Noyon stammende Calvin war während seiner Studienzeit zu einem Anhänger des Reformators Martin Luther geworden, was im streng katholischen Frankreich äusserst gefährlich war; er floh daher ins Ausland, zunächst nach Basel, dann nach Strassburg. 1536 erschien sein Buch «Institutio Christianae Religionis» (Unterweisung in der christlichen Religion), das er bis zu seinem Lebensende (1564) immer wieder überarbeitete. 1536 kam er in Genf vorbei, das sich erst wenige Monate zuvor für die Reformation entschieden hatte. Guillaume Farel, der nun in Genf wirkende Reformator von Neuenburg, bat Calvin, ihm bei der Durchsetzung des neuen Glaubens zu helfen; dieser willigte ein.

Ähnlich wie Luther malte Calvin die menschliche Natur in den düstersten Farben: Seit Adam und Eva im Garten Eden die verbotene Frucht vom Baum der Erkenntnis gekostet hätten, seien alle Menschen durch und durch verdorben und hätten es eigentlich verdient, nach ihrem Tod ewig in der Hölle zu schmoren. Doch in seiner unbegreiflichen Gnade bestimme («prädestiniere») Gott einige wenige (nach Calvins Schätzung einen von hundert) zum ewigen Heil. Allerdings könnten die Menschen aufgrund ihrer Sündhaftigkeit selbst nichts zu ihrer Erlösung beitragen, auch nicht durch gute Taten, denn hinter solchen verbärgen sich möglicherweise schlechte Motive. Einzig Gottes unerforschlicher Ratschluss bestimme, wer erlöst und wer verdammt werde.

Tyrannei der Tugend

Zeichne sich nun aber eine Gemeinschaft durch einen besonders gottgefälligen Lebenswandel aus, sei dies ein Zeichen ihrer Erwähltheit. Calvin setzte daher durch, dass ein aus Pastoren und Ratsherren bestehendes «Konsistorium» über das Treiben der Genfer wachte.

Diese hatten nun buchstäblich nichts mehr zu lachen: Tanz, Würfelspiel und Theateraufführungen wurden verboten, der Besuch des Gottesdiensts für obligatorisch erklärt. Sogar die Wirtshäuser wurden zeitweise geschlossen und stattdessen «Abteien» eröffnet, in denen man sich dem gemeinsamen Bibelstudium widmen sollte. Wer gegen die Vorschriften verstiess, wurde exkommuniziert und erst nach einem demütigenden öffentlichen Akt der Busse wieder in die Gemeinde aufgenommen. In schwereren Fällen, etwa Ehebruch unter Verheirateten, konnte auch die Todesstrafe verhängt werden. Angesichts derart rigoroser Vorschriften kann es nicht verwundern, dass der Historiker Volker Reinhardt sein Buch über Calvin «Die Tyrannei der Tugend» genannt hat.

Serveto als Exempel

Natürlich regte sich in Genf auch Widerstand gegen Calvins strenges Regime, was den bigotten Reformator zur Weissglut trieb. Serveto kam ihm daher gerade recht. Er hielt den Spanier ehrlich für einen schlimmen Ketzer, der mit seinen Irrlehren das Wohl der ganzen Gemeinschaft gefährde. Ausserdem hegte er wohl auch einen persönlichen Groll gegen ihn, weil sich Serveto in einer Korrespondenz 1546 sehr abschätzig über Calvins Lehren geäussert hatte. An dem Arzt sollte nun exemplarisch gezeigt werden, womit ganz schlimme Sünder zu rechnen hatten.

Das Ende

Servetos Fall wurde vor dem «Kleinen Rat» (Exekutive) der Stadt Genf verhandelt, der Prozess dauerte zweieinhalb Monate. Calvin, der als theologischer Sachverständiger auftrat, forderte von Anfang an die Todesstrafe. Vergeblich beantragte Serveto, die Anklage müsse als gegenstandslos zurückgewiesen werden, da die alte Kirche nur geistliche Ermahnungen gekannt habe, wenn jemand abweichende Meinungen äusserte; der Rat wollte seinem Reformator nicht in den Rücken fallen. Trotz der zweifelhaften gesetzlichen Grundlage und obwohl Serveto seine «Verbrechen» gar nicht in Genf begangen hatte, wurde er schuldig gesprochen. Nur wenige Stunden nach der Urteilsverkündung wurde er öffentlich verbrannt - seine «ketzerischen» Schriften hatte man an ihm festgebunden.

Reaktionen

Nicht überall stiess diese Hinrichtung, die man nach heutigen Begriffen nur als Justizmord bezeichnen kann, auf Zustimmung. Der in Basel lebende Humanist Sébastien Castellio verfasste eine Verteidigungsschrift für den Spanier, in der er die Tötung eines Menschen wegen seines Glaubens als elementaren Verstoss gegen das Evangelium anprangerte. Daraus ist ein Satz bis heute in Erinnerung geblieben: «Einen Menschen zu töten, heisst nicht, eine Doktrin zu verteidigen, sondern einen Menschen zu töten.» Calvin antwortete im Februar 1554: Als notorischer Ketzer habe sich Serveto selbst verurteilt.

Am 27. Oktober 1903, 350 Jahre nach der Hinrichtung, rang sich die Stadt Genf endlich dazu durch, einen Gedenkstein für Serveto aufstellen zu lassen. Die Inschrift auf der Vorderseite ist allerdings eher eine Rechtfertigung als eine Anklage Calvins. Immerhin gibt es heute in Genf auch eine «Rue Michel-Servet».

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • History am 28.10.2013 05:52 Report Diesen Beitrag melden

    Die Geschichte...

    ...zeigt es immer wieder. Es ist kein weiter Weg von der Dreifaltigkeit zur Einfältigkeit.

  • Phil O. Soph am 28.10.2013 05:59 Report Diesen Beitrag melden

    Eingedenk an ein Gedenken

    An zwei mutige Menschen: Giordano Bruno und Miguel Serveto - Helden ihrer Zeit, welche sich nicht blenden und nicht übertönen liessen. Sie haben es mit dem Leben bezahlt. In unseren Breiten geht man nicht mehr ganz so weit, doch noch immer wird geächtet, wer gegen den Strom schwimmt. Und sei dies nur, wenn die notwendigen Fragen hinter den Fragen gestellt werden oder wenn an Paradigmen gerüttelt wird (z.B. der Wachstums-Imperativ der Wirtschaft). Lasst uns wieder - mit Respekt und Toleranz - ein wenig wie Miguel, Bruno und andere Freidenker sein.

    einklappen einklappen
  • Agnostiker am 28.10.2013 03:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Religion

    Religionsgetriebene Fanatiker und Psychophaten.. was erwartet man auch sonst von solchen als Menschen zu jagen, die eine eigene Meinung haben? Heute kennen wir einige davon als muslimische Terroristen, aber nicht alle Fanatiker heute sind Moslem, es gibt noch zu viele unter den Christen welche zugleich ihren Wahnsinn weiter ausleben können! (Koranverbrennung, Masslosses ausbauen der Residenz, illegale Offshorekonten in der Vatikanbank, abgeschottete "Farmen" mit Sklavenmentalität und Frauen-/Kindervergewaltigungen und Misshandlungen, usw.)

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Hans Egli am 28.10.2013 08:54 Report Diesen Beitrag melden

    Monotheismus

    Servetus erkannte schon vor 500 Jahren den Einfluss der Philosophie auf das glaubensleben der Christen. Denkt mal über den biblischen Monotheismus nach.

  • denkender Mensch am 28.10.2013 08:21 Report Diesen Beitrag melden

    Glaube oder Wissenschaft

    Glaubende Menschen leben nach religiösen Dogmen, ohne diese je zu hinterfragen. Geringster Zweifel ist ketzerisch und wird heutzutage immer noch nach innen und aussen gnadenlos bekämpft. Letzendlich geht es darum, Machtstrukturen zu sichern, ein sehr weltliches Problem. Glaubensabfall bedeutet Machtverlusst. Das wird bis auf das Blut bekämpft. Menschen mit einem Naturwissenschaftlichen Weltbild korrigieren ihr Weltbild nach dem aktuellen Wissensstand. Aus diesem Grund scheint mir dieses Weltbild das menschlichere zu sein.

  • hans muster am 28.10.2013 08:01 Report Diesen Beitrag melden

    angst

    damals wie heute wurden leute mit angst kontrolliert. als dies mit der aufklärung langsam anhanden kam und mit dem internet erst recht die leute untereinander kommunizieren können, müssen durch terroranschläge, kriege, seuchen, etc. neue ängste geschürt werden.

  • Frankie am 28.10.2013 07:53 Report Diesen Beitrag melden

    ihr sollt nicht töten gilt auch für uns.

    Heute haben wir die Abtreibung wo im grossen Stil Eltern ihre Töchter und Söhne legal töten lassen dürfen. Ihr sollt nicht töten galt für Calvin als auch für uns.

  • André Franz am 28.10.2013 07:12 Report Diesen Beitrag melden

    Nicht die einzige

    Und dan saga man noche die Kath kirche war die einzige strenge.