Religion Teil 1

11. September 2014 16:57; Akt: 11.09.2014 17:52 Print

Was es mit dem Judenhass auf sich hat

von J.-C. Gerber - In den letzten Monaten haben judenfeindliche Tendenzen hierzulande zugenommen. Eine Suche nach den Ursprüngen des Antisemitismus.

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Ist die Judenfeindlichkeit primär religiös motiviert, spricht man von . Von Anbeginn des Christentums wurden Juden als Christusmörder angeklagt. Später kamen die Ritualmordlegende und der Vorwurf des Hostienfrevels dazu. Die Substitutionstheologie postulierte zudem , dass die Christen die Juden als Volk Gottes abgelöst hätten und Juden nur durch Übertritt zum Christentum ihr Heil erlangen könnten. Weil den Juden im Mittelalter der Zugang zu den meisten Berufe verwehrt war, spezialisierten sich viele auf den Geldverleih. Dieser war den Christen damals verboten. Besonders in Krisen wurden die jüdischen Geldverleiher als Wucherer beschimpft, wodurch sich eine Art entwickelte. Der soziale Stereotyp des reichen Juden entstand, obwohl spätestens mit der Lockerung des christlichen Zinsverbots viele Juden verarmten. Im 19. Jahrhundert wurde der Rassebegriff auf die Menschen ausgedehnt. Unter dem Einfluss des Sozialdarwinismus, wonach nur die Besten überleben werden, verbreitete sich die Ansicht, wonach sich die reinrassigen weissen Arier in einem historischen Endkampf mit der niederen Mischlingsrasse der Juden befänden. Auch die Nationalsozialisten bedienten sich später dieses . Mit dem Erlangen politischer Rechte engagierten sich Juden in fortschrittlichen Bewegungen und Parteien (Liberale, Kommunisten), die sich für ihre Gleichstellung einsetzten. Dieses politische Engagement einer intellektuellen Minderheit führte zum Bild des zu Radikalismus und Umsturz neigenden Juden. So entstand ein . Der ist gegen die Existenz eines jüdischen Staates in der Region Palästina gerichtet und findet sich an verschiedensten Orten: radikalislamische Bewegungen, rechtsextreme Kreise in Europa, antiamerikanisch eingestellte Länder, linke Politiker und gewisse jüdische Gruppen selbst. Antisemiten unterstellen den Juden seit jeher einen übergrossen Einfluss, Machtgier und das Anstreben der Weltherrschaft. Obwohl längst als Fälschung entlarvt, werden bis heute «Die Protokolle der Weisen von Zion» von Anfang des 20. Jahrhunderts als Beweis für eine herangezogen. Besonders in islamischen Ländern, in Russland und von europäischen Rechtsradikalen wird der fiktionale Bericht über die Beschlüsse einer angeblichen Weltversammlung der Juden für bare Münze genommen. stellen in Abrede, dass es sich beim Mord an sechs Millionen Juden durch die Nazis um einen geplanten, systematischen Genozid gehandelt hat. Den Juden wird unterstellt, dass sie den Massenmord erfunden haben, um Geld und einen eigenen Staat als Wiedergutmachung zu erhalten.

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Auf sozialen Medien wird ohne Zurückhaltung gegen Juden gehetzt und auch auf offener Strassen sind sie wüsten Beschimpfungen ausgesetzt. Seit Ausbruch des Gaza-Konflikts hat die offen zur Schau gestellte Judenfeindlichkeit in der Schweiz und anderen europäischen Ländern stark zugenommen. Ihre Wurzeln lassen sich bis in die Antike verfolgen.

Bereits die Römer entwickelten nach dem Jüdischen Krieg (66–70), als sich die Juden gegen staatliche und religiöse Unterdrückung wehrten, eine tiefe Abneigung gegen die Juden. Dabei bedienten sie sich antijüdischer Stereotype der Ägypter und Griechen. Ein Grund für den Hass war die Tatsache, dass Juden nur einen Gott anbeteten, während die meisten anderen grossen Kulturen zu jener Zeit mehrere Götter kannten.

Auch Christen wurden für ihren Glauben an nur einen Gott von den Römern verfolgt. Das hielt die Anhänger der neuen Religion nicht davon ab, selbst einen Hass auf die Juden zu entwickeln. Dieser christliche Antijudaismus beruhte darauf, dass die Christen als abgespaltene jüdische Sekte in Konkurrenz zum Judentum standen. Das Neue Testament hat einen antijüdischen Unterton, unter anderem indem es den Vorwurf des Christus-Mordes formuliert. Im Lauf des Mittelalters kam die Ritualmord-Legende dazu, wonach die Juden Christenkinder raubten und töteten, während zu Zeiten der Pest die Juden als Brunnenvergifter verteufelt wurden.

«Reiche Wucherer»

Da den Juden im Mittelalter als ausgegrenzter Minderheit viele Berufe verboten waren, spezialisierten sie sich auf Handel und Geldleihe, die den Christen aus religiösen Gründen verboten war. Bald haftete ihnen das Attribut der «reichen Wucherer» an, was besonders Schuldnern gelegen kam, die mit den Juden auch gleich ihre Schulden loswerden konnten. Obwohl später auch Christen mit Geld handeln durften, blieb das Stereotyp des geldgierigen, reichen Juden bestehen.

Im 19. Jahrhundert kam dann vermehrt der Rassebegriff ins Spiel. Verschiedene Autoren postulierten die Ungleichheit der Menschenrassen. Der Mythos von weissen reinrassigen Arier als Krönung kultureller und moralischer Entwicklung kam auf. Beeinflusst vom Sozialdarwinismus, wonach nur die am besten angepassten Individuen überleben, entwickelte sich der Gedanke, dass sich Arier und die niedere «Mischlingsrasse» der Juden in einem historischen Endkampf gegenüberstünden.

Auf diese Denkmodelle bauten die Nazis ihre Rassentheorie auf. Sie stuften die Juden als niedere Rasse ein, was sie aber nicht daran hinderte, die Juden als Drahtzieher sowohl hinter dem US-Kapitalismus als auch hinter dem Kommunismus zu sehen. Die Juden wurden so zum gefährlichsten Gegner im Endkampf stilisiert – mit ungeheuerlichen Konsequenzen: Sechs Millionen Juden wurden von den Nazis ermordet.

Antisemitismus in der Gegenwart

Doch auch der Schrecken des Holocaust liess den Antisemitismus nicht verschwinden. Zwar mögen heute die Rassenvorurteile und der christliche Antijudaismus – besonders angesichts des radikalen Islam als neuen Feindbildes – kaum noch eine Rolle spielen. Doch andere Formen der Judenfeindlichkeit halten sich hartnäckig.

Da ist der alte Vorwurf der jüdischen Weltverschwörung: Jahrhundertelange Ausgrenzung liess die Menschen jüdischen Glaubens zusammenrücken und über die Kontinente hinweg in Verbindung bleiben. Von aussen entstand der falsche Eindruck, dass alle Juden auf der Welt eine Gemeinschaft bildeten. Dies löste diffuse Ängste vor einem zentral geführten Weltjudentum aus, das die Weltherrschaft anstrebt.

Der Hass auf Israel

Eine weitere Ausprägung aktueller Judenfeindlichkeit ist der Antizionismus, der dem Staat Israel das Existenzrecht aberkennt. Während die arabische Welt Anspruch auf das Territorium Israels erhebt, führt in Russland, aber auch in Ländern des ehemaligen Ostblocks vor allem die angebliche Unterstützung des US-Imperialismus durch Israel zu ausgeprägtem Antizionismus.

Im Zuge des palästinensisch-israelischen Konflikts befeuert der Antizionismus auch hierzulande den Judenhass: Schweizer jüdischen Glaubens werden für das Handeln der Regierung des Staates Israels verantwortlich gemacht. Diese bedenkliche Tendenz zeigt, wie sehr der Antisemitismus in Teilen der Bevölkerung latent ist und wie wenig es braucht, dass er offen zu Tage tritt.