Nazi-Verbrecher

04. Februar 2010 16:37; Akt: 15.03.2010 10:20 Print

Warum der Mossad Mengele laufen liessWarum der Mossad Mengele laufen liess

Der israelische Geheimdienst Mossad war 1960 dem berüchtigten KZ-Arzt Josef Mengele dicht auf der Spur. Doch dann schnappten sich die Israelis einen anderen Nazi: Adolf Eichmann. Warum?

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Josef Mengele (* 16. März 1911 in Günzburg) war lange Zeit einer der meistgesuchten Nazi-Verbrecher. Mengele, der Anthropologie und Medizin mit Schwerpunkt Genetik studiert hatte, war ein fanatischer Anhänger der Nazi-Rassenlehre. Ab 1943, als er Lagerarzt in Auschwitz wurde, ... ... konnte er seine wirre wissenschaftliche Theorie in mörderische Praxis umsetzen. Bild: Mengele (2.v.l.) 1944 gut gelaunt im Kreise seiner SS-Kollegen. Seine Opfer, darunter zahllose Kinder, hatten weniger Grund zu guter Laune: Der «Todesengel» tötete viele seiner Studienobjekte mit Phenol-Injektionen, um sie dann zu obduzieren. Nach dem Krieg gelang Mengele die Flucht nach Südamerika. Nach Eichmanns Entführung 1960 floh er nach São Paulo, wo er sich Wolfgang Gerhard. Am 7. Februar 1979 ertrank er bei einem Badeunfall. Sein Tod blieb in Europa zunächst unbemerkt; erst 1985 wurde sein Grab von deutschen, amerikanischen und israelischen Ermittlern entdeckt. Eichmann, der klassische Schreibtischtäter, gilt als verkörperte «Banalität des Bösen». Seine Befehle setzten überall im besetzten Europa die Eisenbahnzüge in Gang, mit denen die Juden in die Vernichtungslager des Ostens transportiert wurden. Bild: Eichmanns Rot-Kreuz-Pass An der Wannsee-Konferenz 1942, an der die «Endlösung der Judenfrage» koordiniert wurde, führte Eichmann Protokoll. Nach seiner Entführung durch ein Mossad-Kommando 1960 kam er in Israel vor Gericht. Der Organisator des Holocaust wurde zum Tode verurteilt; am 29. Mai 1962 starb er kurz nach Mitternacht am Strang. Bis zum Schluss beharrte Eichmann darauf, er habe nur auf Befehl von Vorgesetzten gehandelt. Radfi Eitan, Minister und Ex-Mossad-Agent, sagte der «Jerusalem Post», man habe Mengele verschont, um die Entführung Eichmanns nicht zu gefährden.

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Israels Geheimdienst, der Mossad, gilt als einer der besten der Welt. Eine seiner erfolgreichsten Aktionen war die Entführung des Nazi-Verbrechers Adolf Eichmann im Mai 1960 nach Israel. Der Organisator des Holocaust wurde in Jerusalem vor Gericht gestellt und zum Tode verurteilt. Am 29. Mai 1962 starb er kurz nach Mitternacht durch den Strang.

Bürokrat oder Scheusal?

Doch 1960 waren die Israelis in Argentinien eigentlich einem anderen berüchtigten Nazi auf der Spur: Sie jagten den KZ-Arzt Josef Mengele. Das sagte zumindest der ehemalige Mossad-Agent Rafi Eitan — ein Mitglied des Teams, das Eichmann in Buenos Aires entführte — der «Jerusalem Post».

Eitan, 81, heute Rentenminister, behauptet, der Mossad habe damals bewusst darauf verzichtet, Mengele festzunehmen. Denn Eichmann war wichtiger, und die Verhaftung Mengeles hätte den Zugriff auf Eichmann gefährdet: «Die Frage war, ob wir beide Operationen gleichzeitig durchführen sollten», so Eitan. «Ich sagte: 'Danke, aber ich habe Eichmann in der Hand und will ihn nicht verlieren.'»

Diese Entscheidung erscheint auf den ersten Blick erstaunlich: Warum griffen sich die Agenten den blassen Bürokraten Eichmann und liessen dafür das Scheusal Mengele laufen, den sadistischen Arzt aus dem Vernichtungslager Auschwitz, der tödliche medizinische Experimente an wehrlosen Kindern durchgeführt hatte?

Schreibtischtäter Eichmann

«Mengele war der brutale Doktor, ein Tier», sagt Eitan, «doch als Teil der Nazi-Maschinerie nur eine kleine Schraube.» Eichmann hingegen war als Leiter des Referats des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) der klassische Schreibtischtäter: Seine Befehle setzten überall im besetzten Europa die Eisenbahnzüge in Gang, mit denen die Juden in die Vernichtungslager des Ostens transportiert wurden. An der Wannsee-Konferenz im Januar 1942, an der die «Endlösung der Judenfrage» koordiniert wurde, führte Eichmann Protokoll.

Eichmann gilt als verkörperte «Banalität des Bösen» — unter diesem Titel veröffentlichte die Publizistin Hannah Arendt 1963 ihre berühmte Studie über den Eichmann-Prozess. Eichmann, der sich vor Gericht als willenloses Werkzeug gab, das nur den Befehlen des Führers gehorchte und seine Pflicht erfüllte, sei gar nicht übermässig antisemitisch gewesen. Er habe, einmal abgesehen von seinem Karriere-Ehrgeiz, kein Motiv für seine Taten gehabt.

Der «Todesengel von Auschwitz»

Mengele, der Anthropologie und Medizin mit Schwerpunkt Genetik studiert hatte, war ein fanatischer Anhänger der Nazi-Rassenlehre. Ab 1943, als er Lagerarzt in Auschwitz wurde, konnte er seine wirre wissenschaftliche Theorie in mörderische Praxis umsetzen.

Der «Todesengel von Auschwitz» selektionierte an der Rampe des Vernichtungslagers und schickte «unwertes» Leben in den Tod. Mit Leidenschaft aber betrieb er seine Forschungen am lebenden Objekt, vor allem an Zwillings- und an Sinti- und Roma-Kindern. Seine Studienobjekte tötete er mit Phenol-Injektionen, um sie dann zu obduzieren.

Nur ein Prozess

Möglicherweise gab es noch einen weiteren Grund dafür, Mengele einstweilen zu verschonen. Der ehemalige Chefredaktor der «Jerusalem Post», Ari Rath, erzählte in einem Interview mit der Online-Ausgabe der «Süddeutschen Zeitung», der Eichmann-Prozess habe eine solche «Wucht» entfaltet, dass es der damalige israelische Premierminister David Ben Gurion dabei habe belassen wollen.

«Jede Wiederholung hätte diese Wirkung geschwächt. Ben Gurion wollte nur einen Prozess», so Rath. Ben Gurion habe durchblicken lassen, dass er einer Liquidierung Mengeles den Vorzug geben würde.

Tatsächlich reiste nur eine Woche nach Eichmanns Entführung ein Mossad-Team nach Argentinien, um nach Mengele zu suchen. Doch der war inzwischen verschwunden.

Beim Baden ertrunken

Mengele floh nach São Paulo in Brasilien, wo er sich Wolfgang Gerhard nannte und zuletzt in einfachen Verhältnissen lebte. Im Februar 1979 erlitt der ehemalige KZ-Arzt beim Schwimmen im Meer einen Schlaganfall und ertrank. Er wurde unter seinem falschen Namen Wolfgang Gerhard in Embu, südlich von São Paulo, beerdigt.

Sein Tod blieb in Europa zunächst unbemerkt; erst 1985 wurde sein Grab von deutschen, amerikanischen und israelischen Ermittlern entdeckt.
Mengele war, wie seine Tagebucheinträge zeigen, bis zuletzt ein überzeugter Nazi.

(dhr)