Vor 70 Jahren

25. Juli 2010 09:06; Akt: 25.07.2010 13:33 Print

Als der Guisan-Mythos geboren wurde

von Daniel Huber - Am 25. Juli 1940 versammelte General Guisan die Armeespitze auf der Rütliwiese. Der Rütli-Rapport begründete den Guisan-Mythos und prägte das Selbstbild der Schweiz.

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Vorbild des Widerstands: Standbild von General Guisan in Lausanne (Bild: Keystone/Laurent Gillieron)

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Am 22. Juni 1940 kapitulierte die französische Armee vor der deutschen Wehrmacht. Damit war die Schweiz bis auf einen kleinen Abschnitt am Genfersee vollständig von den Achsenmächten eingeschlossen.

Der schnelle deutsche Vormarsch im Westen, bei dem die Wehrmacht keinerlei Rücksicht auf die Neutralität der Beneluxstaaten genommen hatte, und der unerwartete Zusammenbruch Frankreichs lösten in der Schweiz teilweise regelrechte Panik aus. Deutsche Jagdflieger drangen überdies regelmässig in den schweizerischen Luftraum ein. Deren Abschuss durch die Schweizer Luftwaffe führte zu massiven Vergeltungsdrohungen aus Berlin.

Die zweideutige Rede des Bundespräsidenten

Am 25. Juni hielt der freisinnige Bundespräsident Marcel Pilet-Golaz eine Radioansprache, in der er durch seine Wortwahl — es war unter anderem von einem «Neuen Europa» und «innerer Wiedergeburt» die Rede — viele Schweizer zusätzlich verunsicherte. Die Ansprache, in der Pilet-Golaz zudem die Teildemobilisation der Armee verkündete, wurde von manchen als Akt des vorauseilenden Gehorsams oder gar der Unterwerfung gegenüber den Achsenmächten verstanden.

So düster sah die Lage aus, als General Henri Guisan, der Oberbefehlshaber der Armee, am 25. Juli — exakt einen Monat nach Pilet-Golaz' Rede — sämtliche höheren Offiziere auf der Rütliwiese versammelte, um ihnen das durch die veränderte Lage notwendig gewordene neue Verteidigungskonzept zu erläutern. Die gesamte Armeespitze — lediglich die Generalsstabsoffiziere blieben auf ihren Posten — war auf dem Raddampfer «Stadt Luzern» zum Rütli gebracht worden; ein militärisches Risiko, das viele der aufgebotenen 650 Offiziere beunruhigte, hätte doch ein deutscher Anschlag die Armee geradezu enthaupten können.

Rückzug ins Réduit

Als sich die Truppenkommandanten auf der historischen Wiese im Halbkreis aufgestellt hatten, sprach der General eine knappe halbe Stunde zu ihnen, wobei er sich nicht an sein Manuskript hielt, in dem einige scharfe gesellschaftspolitische Wendungen enthalten waren, sondern frei sprach und sich dabei auf den militärischen Aspekt beschränkte. Guisan skizzierte die drei Elemente der neuen Landesverteidigung: die Grenzverteidigung, den Verzögerungskampf in Jura und Mittelland und die Verteidigung des Alpenraums — was im Kern der Rückzug des grössten Teils der Feldarmee ins Alpenréduit war.

Vor allem aber appellierte der General an den Selbstbehauptungswillen der Armee. Mehr noch als ein Rapport war die Veranstaltung daher an jenem Ort, wo der schweizerische Freiheitsmythos gewissermassen verwurzelt war, eine demonstrative Zelebration des Widerstandswillens. Es war eine Botschaft, die sich an die eigene Bevölkerung richtete und zugleich an den Feind in Berlin. Die Achsenmächte protestierten denn auch gegen die Äusserungen General Guisans und überreichten dem Bundesrat eine Protestnote.

Galionsfigur des Widerstands

Vom Rütli-Rapport ging eine starke Wirkung aus — zum einen trug er tatsächlich zu einem unmittelbar spürbaren Stimmungswechsel in der verunsicherten Truppe und Bevölkerung bei, zum andern prägte er als gewissermassen zweiter Rütlischwur die Aktivdienstgeneration, begründete den Guisan-Mythos und wurde zum unverzichtbaren Teil des schweizerischen Selbstbilds.

Bis in die Sechzigerjahre hinein stand nun der General, dessen Konterfei die Wände zahlloser Schweizer Restaurants wie ein Heiligenbild zierte, als Galionsfigur des Widerstands gegen den defätistischen Politiker Pilet-Golaz, der 1944 schmählich hatte zurücktreten müssen. Heute ist diese Gegenüberstellung nicht mehr haltbar — auch Guisan, das Vorbild des Widerstands, hatte durchaus Sympathien für Mussolini gehegt und sich mehrfach für Beschwichtigungsmassnahmen gegenüber den Achsenmächten ausgesprochen.