Medien-Scherze

15. März 2010 16:42; Akt: 15.03.2010 17:55 Print

Marsmenschen und Spaghetti-BäumeMarsmenschen und Spaghetti-Bäume

von Peter Blunschi - Ein georgischer Fernsehsender hat einen erfundenen Bericht über eine russische Invasion ausgestrahlt. Ein Rückblick auf andere mediale «Enten», die zu Klassikern wurden.

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Erst war die Angst, dann die grosse Wut: Ein Bericht über einen neuen Einmarsch russischer Truppen sowie den Tod von Präsident Michail Saakaschwili hat am Samstag in Georgien für Aufregung gesorgt. Medien berichteten von chaotischen Zuständen unter der Bevölkerung mit Panikkäufen etwa von Benzin. Der von Saakaschwili kontrollierte Fernsehsender Imedi erklärte erst am Ende der Sendung, dass es sich um einen Scherz handelte. Danach kam es zu Protesten der Opposition, die sich durch den Schwindel diffamiert fühlte.

Die enorme Wirkung dieses «Scherzes» erinnert an andere Beispiele von fabrizierten Meldungen, die ebenfalls für Furore sorgten. Ein Rückblick auf berühmte Fälle:

Leben auf dem Mond: Die Zeitung «New York Sun» veröffentlichte im August 1835 einen Artikel auf ihrer Frontseite, wonach der berühmte britische Astronom Sir John Herschel «mit Hilfe eines Teleskops von enormem Ausmass» Leben auf dem Mond entdeckt hatte. Die Story wurde über sechs Tage fortgesetzt. Sie sorgte in den USA für grosses Aufsehen, die «New York Sun» konnte ihren Absatz um mehrere tausend Exemplare steigern. Dann stellte sich heraus: Die Story war von einem englischen Reporter in Diensten der «Sun» erfunden worden. Sie gilt als eine der ersten spektakulären «Medien-Enten».

Aufstand in London: Einer der ersten elektronischen Medien-Scherze wurde am 16. Januar 1926 von der britischen BBC im Radio übertragen. Ronald Knox, ein katholischer Priester und Schriftsteller, platzte in eine Diskussion über Literatur mit der Meldung über einen Aufstand in London. Big Ben sei durch Mörsergranaten zerstört, das Savoy Hotel angezündet und ein Regierungsmitglied gelyncht worden. Viele nahmen den satirischen Beitrag in der damaligen aufgeheizten Atmosphäre weniger als zehn Jahre nach der bolschewistischen Revolution in Russland für bare Münze. Die BBC erhielt zahlreiche Anrufe besorgter Bürger.

Invasion vom Mars: Am 30. Oktober 1938 strahlte der amerikanische Radiosender CBS ein Hörspiel aus, das in Form einer fiktiven Reportage die Landung von Marsmenschen im Bundesstaat New Jersey schilderte. Der täuschend echt aufgezogene Bericht versetzte viele Menschen in Panik, allerdings kam es kaum zur oft kolportierten Massenhysterie. Dennoch gilt die vom erst 23-jährigen «Wunderkind» Orson Welles inszenierte Fassung des Science-Ficton-Klassikers «Krieg der Welten» von H.G. Wells als Klassiker des medialen Schwindels.


Spaghetti-Bäume: Am 1. April publizieren viele Medien mehr oder weniger lustige Scherze. Einer berühmtesten stammt – erneut – von der BBC, die 1957 im noch jungen Fernsehen einen Beitrag ausstrahlte über eine «ausserordentlich grosse Spaghetti-Ernte» im Tessin. Der britische Sender schwindelte seinen kulinarisch unbeleckten Landsleuten vor, die langen Nudeln würden in Italien und der Schweiz auf Bäumen wachsen.


Die Brutkastenlüge: Im Krieg stirbt die Wahrheit zuerst – ein bekanntes Beispiel für diese Redensart ereignete sich nach dem irakischen Überfall auf Kuwait 1990. Am 10. Oktober berichtete eine 15-Jährige vor dem US-Kongress unter Tränen, sie habe miterlebt, wie irakische Soldaten in einem Spital in Kuwait Babys aus Brutkästen gerissen hätten. Die Wirkung der Geschichte war enorm, Präsident George Bush senior erwähnte sie mehrfach, um die Befreiung Kuwaits durch eine US-geführte Streitmacht zu rechtfertigen. Dann stellte sich heraus: Die Geschichte war von einer PR-Agentur erfunden worden, beim Mädchen handelte es sich um die Tochter des kuwaitischen Botschafters in Washington.

Microsoft kauft den Papst: Der erste Internet-Scherz mit Massenwirkung datiert von 1994, als eine fiktive Pressemeldung verbreitet wurde, wonach der Software-Gigant Microsoft die katholische Kirche übernommen hat. Es handelte sich eindeutig um eine Parodie, dennoch erhielt Microsoft zahlreiche Anfragen und sah sich deshalb gezwungen, ein offizielles Dementi zu veröffentlichen. Die Urheber des Juxes sind bis heute unbekannt.

Flandern spaltet sich ab: Am 16. Dezember 2006 unterbrach der französischsprachige Fernsehsender RTBF sein Programm zur besten Sendezeit mit der Meldung, das flämische Regionalparlament habe soeben die Abspaltung Flanderns von Belgien beschlossen. Gezeigt wurden «Live»-Bilder von Menschen, die flämische Flaggen schwenkten, schliesslich wurde sogar gemeldet, König Albert II. habe das Land verlassen. Als der Sender den Scherz auflöste, war die Aufregung bereits gross. Im vom Sprachenstreit geprägten Land waren viele vom Wahrheitsgehalt der Meldung überzeugt. In Brüssel waren Menschen sogar auf die Strasse gegangen, um für die Einheit Belgiens zu demonstrieren. Ministerpräsident Guy Verhofstadt bezeichnete den Beitrag als «unverantwortlich».