60'000 Juden gerettet

10. August 2013 23:46; Akt: 10.08.2013 23:46 Print

Hollywood würdigt einen grossen Schweizer

Carl Lutz hat im Zweiten Weltkrieg zehntausende ungarische Juden vor den Nazis gerettet, geriet aber seither in Vergessenheit. Nun erhält seine Figur einen prominenten Auftritt in einem Kinofilm.

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Der in Walzenhausen AR geborene Carl Lutz hatte bereits eine beachtliche Karriere im diplomatischen Dienst hinter sich, als er 1942 als Vizekonsul an die Schweizer Botschaft nach Budapest versetzt wurde. Damals kämpfte Ungarn an der Seite der Achsenmächte gegen die Sowjetunion. Als die eigenen Verluste immer grösser wurden, bat der ungarische Reichsverweser Miklós Horthy heimlich die Westalliierten um Hilfe.

Das liess sich das Deutsche Reich nicht bieten: Die Nazis marschierten Mitte März 1944 in Ungarn ein und setzten eine Kollaborationsregierung ein. Für die Juden in Ungarn bedeutete diese Entwicklung in vielen Fällen den sicheren Tod. Denn während sich die bisherigen Machthaber geweigert hatten, Juden auszuliefern, begann die neue Regierung sofort mit deren Deportation. Für Carl Lutz war damit die Zeit zum Handeln gekommen.

Der Schweizer Diplomat begann, Schutzbriefe der Eidgenossenschaft für ungarische Juden auszustellen. Damit konnten diese unbehelligt nach Palästina ausreisen. Die ungarischen Behörden und auch die Nazis unter SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann respektierten die von Lutz ausgestellten Papiere. Der Schweizer genoss bei den Deutschen einiges Ansehen, da er einige Jahre zuvor in Palästina die deutschen Interessen gegenüber Grossbritannien vertreten hatte.

Mutige Widerstandskämpfer

Lutz hatte die Erlaubnis, Schutzpässe für 8000 Peronen auszustellen. Er interpretierte die Anweisung vorsätzlich falsch und stellte sich auf den Standpunkt, dass die Schutzpässe 8000 Familien zur Ausreise ermächtigten. Um die Juden zu schützen, richtete er 76 sichere Häuser ein. Das berühmteste war das sogenannte «Glashaus», eine alte Glasfabrik im Zentrum Budapests. Tausende Juden wurden von Widerstandskämpfern unter Todesgefahr dorthin gebracht und erhielten dort die begehrten Zertifikate. Einer dieser Widerstandskämpfer war Pinchas Tibor Rosenbaum, dessen Schicksal im Zentrum des Films «Walking with the Enemy» steht.

Um die Juden vor der Deportation zu retten, trat Rosenbaum als Mitglied der ungarischen Nazipartei der Pfeilkreuzler auf. So verschaffte er sich Informationen über bevorstehende Razzien und konnte handeln, bevor die wahren Nazis kamen. Zusammen mit anderen Widerstandskämpfern drang er in die Häuser jüdischer Familien ein, jagte sie schreiend und fluchend auf die Strasse und zwang sie, in Lastwagen der Pfeilkreuzler zu steigen. Anschliessend fuhr er sie ins Glashaus, wo er sich ihnen erstmals zu erkennen gab.

Anerkennung blieb aus

Zusammen mit den mutigen Widerstandskämpfern gelang es Carl Lutz, insgesamt 62'000 ungarische Juden zu retten. Dass sein Name trotz dieser Heldentat kaum bekannt ist, hat zwei Gründe. Der erste ist, dass Carl Lutz nach dem Krieg im Schatten von Raoul Wallenberg stand. Der schwedische Diplomat war im Juli 1944 nach Budapest gekommen und informierte sich bei Lutz über das System der Schutzbriefe. Ähnlich wie sein Schweizer Kollege rettete er dann bis zum Kriegsende tausende Juden vor dem sicheren Tod. Doch während Lutz den Krieg unversehrt überstand, verschwand Wallenberg Anfang 1945 spurlos und wurde so zum Märtyrer.

Der zweite Grund für die relative Unbekanntheit von Carl Lutz ist die fehlende Anerkennung in der Schweiz. Nach dem Krieg musste er sich vor den Beamten des Aussenministeriums rechtfertigen, die ihn wegen Kompetenzüberschreitung rügten. Während er in Deutschland das Bundesverdienstkreuz erhielt und von der israelischen Holocaustgedenkstätte Yad Vashem als «Gerechter unter den Völkern» geehrt wurde, blieb die offizielle Schweiz ihm gegenüber lange gleichgültig. So ist Carl Lutz, der 1975 verbittert starb, heute in Ungarn bekannter als in seiner Heimat. Vielleicht schafft es nun ein Hollywood-Film, einem wahren Helden auch hierzulande die Anerkennung zu verschaffen, die er verdient hat.


Offizieller Trailer zum Film «Walking with the Enemy». (Video: Youtube/Owen Harper)

(jcg)