«Titanic»-Katastrophe

15. April 2012 05:54; Akt: 15.04.2012 06:51 Print

Der Untergang der Unsinkbaren

von Rolf Maag - Vor 100 Jahren kollidierte das Passagierschiff «Titanic» mit einem Eisberg. Mehr als 1500 Menschen fanden im eiskalten Wasser des Nordatlantiks den Tod.

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Von der «Titanic», dem bei seiner Inbetriebnahme 1912 grössten Schiff der Welt, haben erstaunlich wenig Fotografien überlebt. Vom Innenraum soll es gar nur 50 Bilder überhaupt geben. Diese Tatsache macht die folgenden Aufnahmen zu wichtigen historischen Zeugnissen. Im Bild: Die «Titanic» während ihres Baus im Trockendock in Belfast. Die «Titanic» (links) wurde in der Werft Harland & Wolff zusammen mit ihrem Schwesterschiff «Olympic» gebaut. Die «Olympic» wurde am 29. Mai 1911 fertiggestellt, die «Titanic» am 31. März 1912. Belfaster Werftarbeiter beim Bau der «Olympic», dem Schwesterschiff der Titanic» Die drei riesigen Schiffsschrauben am Heck der «Titanic». Die Heizkessel tief im Bauch der «Olympic». Wie die «Titanic» verfügte sie über insgesamt 29 dieser Giganten. Eine der vollautomatischen Wasserschutztüren der «Olympic». Wie bei der «Titanic» war ihr Rumpf in 16 Abteilungen unterteilt, die mit diesen Toren wasserdicht abgeschottet werden konnten. Die Schiffe waren so konstruiert, dass zwei nebeneinanderliegende Abteile hätten volllaufen können, ohne dass ihre Schwimmfähigkeit gefährdet gewesen wäre. Die «Titanic» hatte in der Unglücksnacht zu wenig Rettungsboote an Bord, um allen Passagieren und Crewmitgliedern gleichzeitig Platz zu bieten. Trotzdem übertraf sie die Vorgaben der damals gültigen britischen Gesetze. Im Bild: Rettungsboote der «Olympic». Für die Passagiere der 1. Klasse gab es an Bord Luxus pur, den sich die Reederei auch teuer bezahlen liess. Im Bild der Rauchsalon der «Titanic». Der Salon der 1. Klasse der «Olympic». Das Bild gibt den Standard wieder, der auch an Bord der «Titanic» geherrscht hat. Wer es sich leisten konnte, dem fehlte es an nichts. Prächtig auch der Speisesaal. (Bild von der «Olympic») Auch die Suiten der «Titanic» konnten sich sehen lassen. Wer sich eine leisten konnte, durfte sich zu den reichsten Menschen der Welt zählen. Der Start der Jungfernfahrt in Southampton am 10. April 1912. Die «Titanic» nach dem Auslaufen in Southampton auf den Weg nach Cherbourg. Der Hafen von Cherbourg war zu klein, um die «Titanic» aufzunehmen, deshalb wurde sie von der «Nomadic» begleitet. Der Tender brachte in Nordfrankreich 274 weitere Passagiere an Bord. Die «Nomadic» brachte in Cherbourg 22 Passagiere an Land, die lediglich den Ärmelkanal überqueren wollten. Die «Titanic» verliess Cherbourg mit Ziel Queenstown (dem heutigen Cobh) in Irland, wo sie am 11. April eintraf. In Queenstown legte die «Titanic» am White Star Pier an. Es sollte der letzte Hafenbesuch der «Titanic» gewesen sein. In der Nacht auf den 15. April 1912 sank sie im Nordatlantik, nach der Kollision mit einem Eisberg. Dass die «Titanic» nicht allen Passagieren einen Platz auf einem Rettungsboot bieten konnte, war von Anfang an klar. Man ging damals davon aus, dass im Nordatlantik genug Schiffe unterwegs wären, um im Fall einer Havarie die Passagiere und Crew aufzunehmen. Das Bild wurde von der «Carpathia» aus gemacht, dem Schiff das am Morgen des 15. April 1912 die Überlebenden der Katastrophe aufnahm. Die Rettungsboote hatten im damaligen Verständnis nicht die Aufgabe, alle Passagiere endgültig aufzunehmen. Sie sollten die Menschen lediglich im Fährbetrieb von der «Titanic» auf ein anderes Schiff bringen. Für diesen Zweck hätte die Zahl der Boote ausgereicht. Niemand erwartete, dass die Titanic» sinken könnte, bevor überhaupt ein anderes Boot an der Unglücksstelle eingetroffen war. Eine fatale Fehleinschätzung, wie sich herausstellen sollte. Im Bild eines der vier Faltboote der Titanic» mit Überlebenden an Bord. Die Meldung vom Untergang der «Titanic» verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Im Bild ein Zeitungsjunge vor den Londoner Büros der Reederei White Star Line am 15. April 1912. Die Überlebenden wurden an Bord der «Carpathia» nach New York gefahren. Die «Carpathia» traf mit 712 Überlebenden am 18. April 1912 um 21.30 Uhr in New York ein. In New York wurden die Überlebenden am Cunard-Dock bereits von Angehörigen und Schaulustigen erwartet.

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Seit dem 10. April 1912 befand sich die «Titanic» auf ihrer Jungfernfahrt vom südenglischen Southampton nach New York. Das 46 329 Bruttoregistertonnen schwere, unerhört luxuriös ausgestattete Schiff wurde in einer Werbebroschüre seiner Besitzerin, der britischen Reederei «White Star Line», als «practically unsinkable» angepriesen.

Die Offiziere der Titanic, allen voran der über jahrzehntelange Erfahrung verfügende Kapitän Edward John Smith, waren sich bewusst, dass im April die gefährlichste Zeit der Schifffahrt über den Nordatlantik begann. Heute wie damals lösen sich durch die Erwärmung Eisberge von der Westküste Grönlands, die anschliessend durch den Labradorstrom vor die kanadische Insel Neufundland getrieben werden. Da die Standardrouten des Nordatlantikverkehrs genau durch diese Region (genannt «Grand Banks») verliefen, waren Kollisionen mit den Eisriesen alles andere als ungewöhnlich: Zwischen 1810 und 1958 wurden rund 560 registriert.

Die Kollision

Den Seeleuten war natürlich nicht entgangen, dass sie sich am Abend des 14. April in dieser kritischen Zone befanden, denn es waren nicht nur mehrere Eiswarnungen von anderen Schiffen eingegangen, sondern die Wasseroberfläche hatte auch ein «öliges» Aussehen, dass durch feine Eiskristalle verursacht wird. Dennoch geschah gegen 23.40 Uhr das Unfassbare: Die Titanic stiess mit einem Eisberg zusammen, der 18 bis 30 Meter hoch war (die Aussagen der überlebenden Augenzeugen sind uneinheitlich). Der Erste Offizier Murdoch hatte den Eisberg als Erster gesehen und sofort ein Wendemanöver angeordnet; das Heck kam daher nicht mit dem kalten Ungetüm in Berührung.

Entgegen der Legende wurde die «Titanic» keineswegs auf einer Länge von 100 Metern aufgeschlitzt, sondern es entstanden an insgesamt sechs Stellen relativ kleine Lecks, durch die Wasser in den Vorpiek-Tank, drei Fracht- und zwei Kesselräume eindrang. Anfangs bemerkten einzig die Passagiere der Dritten Klasse, hauptsächlich Auswanderer, dass etwas Gravierendes vorgefallen war, denn ihre Unterkünfte befanden sich ganz unten im Bugbereich; die Reisenden der luxuriösen Ersten und der immer noch komfortablen Zweiten Klasse sahen zunächst keinen Grund zur Beunruhigung. Allerdings war Thomas Andrews, der ebenfalls an Bord anwesende Architekt der Titanic, schon bald überzeugt, dass sein Schiff sinken würde.

Der Untergang

Bereits kurz nach Mitternacht befahl Kapitän Smith, die Rettungsboote bereit zu machen, eine halbe Stunde später begann die Evakuierung. Insgesamt hätten die 20 Boote 1176 Menschen aufnehmen können, doch gerettet wurden schliesslich nur etwas mehr als 700, weil viele Plätze leer blieben; die Besatzungsmitglieder bezweifelten, dass die Nussschalen mit einer Last von über 60 Personen zurechtkommen würden. Der Zweite Offizier Lightoller, der die Plätze auf der Steuerbordseite zuwies, sagte später aus, es sei «ein Gesetz der Natur», in erster Linie Frauen und Kinder zu retten. Entsprechend verweigerte er Männern konsequent den Einstieg in die Boote; als er sogar einen Dreizehnjährigen wegschicken wollte, bedurfte es des äusserst heftigen Protests von dessen Vater, um Lightoller umzustimmen. Sehr viel pragmatischer verfuhr auf der anderen Seite der Erste Offizier Murdoch: Er achtete wenigstens darauf, Ehepaare und Familien nach Möglichkeit nicht zu trennen.

Am 15. April gegen 2.20 Uhr, also rund zwei Stunden und vierzig Minuten nach der Kollision, ging die «Titanic» schliesslich unter. Das Heck richtete sich auf, alle beweglichen Gegenstände stürzten nach vorne, darunter 20 000 Flaschen Bier und mehrere Tonnen Kohle. Der erste Schornstein brach ab und erschlug zahlreiche Menschen, die im Wasser um ihr Leben kämpften. Seit der Entdeckung des Wracks im Jahr 1985 ist auch klar, dass die «Titanic» zuletzt zwischen dem dritten und vierten Schornstein zerbrach.

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Die Rettung

Die 700 Menschen, die in den Rettungsbooten auf dem minus 2,2 Grad kalten Atlantik trieben, hörten noch 40 Minuten lang die Schreie der Ertrinkenden, dann herrschte gespenstische Ruhe. In ihrer Verzweiflung hielten sie immer wieder Sterne am Horizont irrtümlich für die Lichter eines Schiffs, dass sie retten könnte. Was nur wenige wussten: Der Dampfer «Carpathia», der zum Zeitpunkt der Kollision etwa 58 Seemeilen (107 Kilometer) von der «Titanic» entfernt gewesen war, befand sich nach einem Notruf auf dem Weg zur Unglücksstelle. Zwischen 4.30 und 8.30 Uhr konnte er schliesslich die völlig durchfrorenen und schwer traumatisierten Schiffbrüchigen (einige waren noch auf den Rettungsbooten gestorben) aufnehmen. An Bord wurden die Frauen und Kinder in den Speisesälen, die wenigen überlebenden Männer im Rauchsalon untergebracht; einige Passagiere gaben auch ihre Kabinen für die bedauernswerten Opfer der Katastrophe auf.

Am Abend des 18. April traf die «Carpathia» in New York ein, wo man durch die Funksprüche anderer Schiffe längst von der Katastrophe wusste. Obwohl es in Strömen regnete, hatten sich Zehntausende von Schaulustigen am Hafen versammelt. Die Reporter der lokalen Zeitungen, allen voran diejenigen der «New York Times», stürzten sich auf der Jagd nach Exklusivgeschichten sogleich auf die Schiffbrüchigen. Für die Bedürftigen unter den Überlebenden wurde eine Spendensammlung organisiert; sogar die New Yorker Börse beteiligte sich mit 20 000 Dollar daran.

Bereits seit dem 17. April suchten vier Schiffe nach im Nordatlantik treibenden Toten. Von über 1200 Opfern fehlte jede Spur, doch immerhin 328 Leichen konnten geborgen werden. 119 bestattete man noch auf See, die übrigen wurden, in Eis gekühlt, in die kanadische Stadt Halifax gebracht, wo 150 Menschen auf einem heute noch zu besichtigenden Friedhof ihre letzte Ruhe fanden. 59 Toten wurden von ihren Angehörigen identifiziert und anschliessend nach Europa oder in die USA überführt.

Konsequenzen

Das Desaster der «Titanic» veränderte die Schifffahrt auf den grossen Meeren entscheidend. Auf einer internationalen Konferenz, die bereits im November 1912 stattfand, einigte man sich auf eine Reihe von Sicherheitsvorschriften: Künftig musste jedes Schiff so viele Rettungsboote mitführen, dass im Notfall alle Passagiere und Besatzungsmitglieder darin Platz finden konnten. Zudem wurden Alarmsysteme, Funkstationen und regelmässige Notfallübungen verbindlich vorgeschrieben.

Schliesslich rief man die «International Ice Patrol» ins Leben, die nach wie vor existiert; ihre Aufgabe besteht darin, ständig aktuelle Informationen über die Eisberge im Nordatlantik an die Schiffe zu senden. Wenn man bedenkt, dass die Seefahrt vor dem Siegeszug des Flugzeugs noch jahrzehntelang die Hauptrolle im Transatlantikverkehr spielte, darf man davon ausgehen, dass diese Massnahmen zahlreichen Menschen das Leben gerettet haben.