Religion – Teil 3

13. September 2014 16:08; Akt: 13.09.2014 16:08 Print

Der Heilige Krieg der Christen

von Rolf Maag - Während der Kreuzzüge begingen Christen im Nahen Osten zahlreiche Gräueltaten. Islamisten wähnen sich deshalb bis heute im Krieg mit «Kreuzrittern».

storybild

In der al-Aqsa-Moschee in Jerusalem richteten die Kreuzfahrer 1099 ein Blutbad an. (Bild: Keystone/AP/Emilio Morenatti)

Zum Thema
Fehler gesehen?

Am 27. November 1095 hielt Papst Urban II. eine Rede auf einem Feld bei der französischen Stadt Clermont. Worum es dabei genau ging, ist umstritten. Möglicherweise forderte er seine Zuhörer dazu auf, die orthodoxen Glaubensbrüder in Konstantinopel im Kampf gegen die türkischen Seldschuken zu unterstützen.

Wahrscheinlicher aber ist es, dass er die Menschen zu einer bewaffneten Pilgerfahrt nach Palästina aufrief, damit sie dort die heiligen Stätten der Christenheit befreiten, insbesondere Jerusalem, das seit 638 unter muslimischer Herrschaft stand. Als Belohnung winkten der Erlass der Sündenstrafen und ein Platz im Paradies, aber auch materieller Gewinn im Diesseits. Tausende von Franzosen, Deutschen und Italienern leisteten dem Aufruf Folge.

Massaker in Jerusalem

Nach einem langen, entbehrungsreichen Marsch erreichten sie schliesslich Jerusalem. Das war nur möglich, weil die beiden wichtigsten muslimischen Reiche, das der Seldschuken und das fatimidische Kalifat in Kairo, zerstritten waren und sich nicht auf ein gemeinsames Vorgehen gegen die Eindringlinge einigen konnten. Am 15. Juli 1099 wurde die Stadt erobert.

Nun veranstalteten die Kreuzritter ein Massaker, das selbst nach den Massstäben der Zeit aussergewöhnlich grausam war. Die gesamte muslimische Bevölkerung wurde niedergemetzelt. Auf dem Boden der al-Aqsa-Moschee stand das Blut angeblich so hoch, dass es den rasenden Rittern bis zu den Knien reichte. Ebenso schrecklich war das Schicksal der in Jerusalem lebenden Juden: Die Hauptsynagoge, in die sie sich geflüchtet hatten, wurde angezündet, keiner entkam dem Flammentod. Das war das Ende des Ersten Kreuzzuges. Sein unmittelbares politisches Ergebnis war die Errichtung des Königreichs Jerusalem und dreier weiterer Kreuzfahrerstaaten.

Kreuzfahrerstaaten in Bedrängnis

Im Lauf des folgenden Jahrhunderts wurden diese «Outremer» (jenseits des Meeres) genannten Staaten zur Zielscheibe immer besser koordinierter muslimischer Angriffe. Das machte weitere Kreuzzüge erforderlich, die aber kaum noch von Erfolg gekrönt waren.

Nachdem der kurdische Sultan Saladin 1187 Jerusalem zurückerobert hatte, gelang es den Teilnehmern des Dritten Kreuzzuges (1189 bis 1192) immerhin, die Kreuzfahrerstaaten vor einer frühen Vernichtung zu retten. 1229 trat Sultan al-Kamil dem römisch-deutschen Kaiser Friedrich II. Jerusalem sogar wieder kampflos ab, doch bereits 1244 ging die Stadt erneut verloren. Mit Akkon fiel 1291 schliesslich die letzte Kreuzfahrerfestung im Nahen Osten.

Muslimische Ressentiments

Diese Erfahrungen haben im kollektiven Gedächtnis der Muslime tiefe Spuren hinterlassen. Viele Islamisten bezeichnen den westlichen Einfluss in der islamischen Welt auch heute noch als Kreuzfahrertum. Da war es gewiss nicht hilfreich, dass Präsident George W. Bush im Vorfeld des Zweiten Irakkriegs gelegentlich von einem Kreuzzug sprach. Oft dient das Beispiel der Kreuzfahrer den Arabern auch dazu, sich über Niederlagen hinwegzutrösten, etwa wenn man im Hinblick auf Israel erklärt, auch die Kreuzfahrer seien in derselben Gegend eine Zeit lang sehr erfolgreich gewesen, dann aber nach 200 Jahren wieder vertrieben worden.

Letztlich waren die Kreuzzüge und ihre Abwehr nicht mehr als eine Episode in der Geschichte der islamischen Welt. Insofern schreiben ihnen die Islamisten eine Rolle zu, die über ihre wirkliche Bedeutung weit hinausgeht. Der Historiker Nikolas Jaspert gelangt zu folgendem Fazit: «Dass tatsächlich ein dauerhafter 'Kampf der Zivilisationen' das Verhältnis von Christen und Muslimen prägt oder gar prägen muss, das ist nach meiner Meinung lediglich eine unwahre Behauptung von interessierter Seite.»