München 1972

05. September 2012 00:29; Akt: 05.09.2012 22:53 Print

«Uns war klar, dass es ein Blutbad wird»

von P. Dahm - Sie wollten alles besser machen als in Berlin 1936, doch Olympia in München bleibt wegen der Geiselnahme mit 17 Toten in Erinnerung. Am 5. September 1972 nahm das Desaster seinen Lauf.

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«Was auch immer die Wahrheit über die tragischen Ereignisse der letzten Nacht ist: Deutschland wird als Verlierer daraus hervorgehen», sagte der Korrespondent des US-Senders ABC in den Abendnachrichten am 6. September 1972. Eine Geiselnahme im Olympischen Dorf hatte 17 Menschen das Leben gekostet. Der hohe Blutzoll hätte verhindert werden können.

Dabei hatte alles so harmonisch begonnen. Eine Milliarde Leute sahen am 26. August die Übertragung der Eröffnungsfeier, bei der als Friedenssymbole 5000 Tauben aufstiegen. München 1972 wollte einen Gegenpol zu Berlin 1936 bilden, das Adolf Hitler in eine Propagandashow verwandelte. Das hatte auch Auswirkungen auf das Sicherheitskonzept: Die «Münchner Linie» von Polizeipräsident Manfred Schreiber setzte auf einen Kuschelkurs.


Olympia-Gefühle 1972. Quelle: YouTube/NimRil91

Sicherheitspersonal ohne Waffen

So war das Olympische Dorf mit seinen 7000 Sportlern aus 22 Nationen nur durch einen zwei Meter hohen Zaun geschützt, der weder für partyhungrige Deutsche noch für palästinensische Attentäter eine Hürde darstellte. Der 2000 Mann starke Ordnungsdienst war gänzlich unbewaffnet und steckte in babyblauen Hosen und weissen Hemden. Hauptsache recht aufgeschlossen.

Dabei hatte der Polizei-Psychologe Georg Sieber sogar 26 Worst-Case-Szenarien erstellt, von denen eines die Entführung israelischer Athleten durch Palästinenser behandelt. Laut Walther Tröger, dem damaligen Bürgermeister des Olympischen Dorfes, hat niemand jedoch mit einer ernsthaften Bedrohung gerechnet. «Keiner hat gedacht, das so was passieren könnte», sagte er in der TV-Dokumentation «Vom Traum zum Terror - München '72».

Acht Kalaschnikows, zehn Handgranaten

Die israelischen Sportler gingen am 4. September gegen Mitternacht auseinander – jedes Geschlecht in sein eigenes Dorf. Wenige Stunden später kletterten acht Männer über den Schutzzaun, nachdem sie zuvor eine Tasche aus einem Schliessfach am Hauptbahnhof geholt haben. Der Inhalt: acht Kalaschnikow-Maschinengewehre und zehn Handgranaten.

Die Attentäter gingen weniger professionell vor, als die deutsche Polizei später glauben machen wollte. Wie der «Spiegel» berichtet, drangen die Maskierten in der Connollystrasse 31 erst in das Quartier von Sportlern aus Hongkong ein, was zeigt, dass sie ihr Ziel nicht gut ausgekundschaftet haben. Als sie dann gegen 4.15 Uhr vor der richtigen Tür standen, mussten sie klopfen und rufen, bis ein Israeli die Tür öffnete: Schlüssel hatten die Geiselnehmer keine, wie heute noch oft behauptet wird.

Der Anführer spricht deutsch

Die Sportler Mosche Weinberg und Josef Romano bezahlten einen Versuch, die Angreifer zu stoppen, mit ihren Leben. Um 4.55 Uhr geht der erste Notruf bei der Polizei ein: Der Worst Case ist eingetreten. Beim ersten Kontakt mit den Behörden verlangte der Anführer nach dem «Olympia-Bürgermeister». Der Geiselnhemer hiess Issa, sprach deutsch und erklärte frank und frei, er habe in Berlin studiert und lebe schon lange in Deutschland, so Tröger. «Dann habe ich gleich am Anfang die Frage gestellt, ob es keine andere Lösungen gebe. Da bereits hat er gesagt, sie hätten einen Auftrag und den müssten und würden sie erfüllen.»

Die Palästinenser forderten die Freilassung von 236 in Israel inhaftierten Landsleuten und der RAF-Terroristen Ulrike Meinhof und Andreas Baader. Bundeskanzler Willy Brand und Innenminister Hans-Dietrich Genscher wurden verständigt. «Es hat mich wie ein Schlag getroffen», erinnerte sich der FDP-Politiker, der sich nach der Benachrichtigung umgehend auf den Weg ins Olympische Dorf machte.

«Uns war klar, dass es ein Blutbad wird»

Die Geiselnehmer zeigten sich derweil in wechselnder Kleidung und Kopfbedeckung. «Wir sahen maximal drei bis vier Leute», sagte Tröger. So war an eine schnelle Überwältigung nicht zu denken: «Es gab zu viele Unbekannte.» Aus München werden 13 bewaffnete Fahnder hinzugezogen, doch diese Polizisten können höchstens Dealer oder Bankräuber bekämpfen. «Spezialkommandos gab es ja damals nicht», erläuterte Heinz Hohensinn, der als 30-Jähriger Teil jenes Teams war. «Dieser Einsatz war für uns einige Nummern zu gross, das wussten wir von Anfang an.» Gegen 11.15 Uhr gibt Israels Regierung bekannt, sie werde keine Palästinenser freilassen.

Während die Spiele am 5. September weiterliefen, wurden Hohensinn und seineKollegen in Trainingsanzüge gesteckt, mit schusssicheren Westen ausgestattet und bewaffnet. Die Polizisten hatten keine Ahnung, wie viele Täter und wie viele Geiseln in dem Apartment waren. Dennoch sollten sie Positionen zum Stürmen aufsuchen. «Uns war klar, dass es ein Blutbad wird», so Hohensinn. Genscher traf derweil erstmals auf Anführer Issa. «Mein erster Eindruck war, dass er ein sehr ernsthafter junger Mann war und dass er unter unglaublichen Anspannungen stand. Ich hatte aber auch das Gefühl, dass er sehr entschlossen war.»

TV warnt Terroristen

Genscher bietet Polizeichef Schreiber, den bayrischen Innenminister Bruno Merk und sich selbst gegen 13 Uhr als Austauschgeiseln an. Wie der «Spiegel» rekonstruierte, hatte Issa das Angebot ernsthaft erwogen, erreichte aber seine Hintermänner nicht für eine Zustimmung. 13 bayrische Polizisten bewegten sich derweil vor den Augen der Fernsehkameras Richtung Apartment. Weil die Einsatzleitung dort den Strom nicht abgestellt hatte, schauten auch die Terroristen zu: Der Zugriff musste abgebrochen werden.

Erst um 15.38 Uhr am 5. September werden die Spiele unterbrochen. Genscher konnte Issa überreden, ihm und Tröger die Gefangenen zu zeigen. «Ich habe in einem abgedunkelten Raum die Geiseln sitzen sehen. Das kann man auch im Nachhinein wirklich nicht beschreiben. Das vergessen Sie nie», so Genscher. «Für mich war es der schrecklichste Tag meiner langen Amtszeit als Mitglied der Bundesregierung.» Erstmals wusste die Polizei aber auch, dass es sich um acht Entführer handelt. Gegen 17 Uhr verlangen die Palästinenser, zusammen mit den neun Israelis ausgeflogen zu werden.

Polizisten lehnen irren Einsatzplan ab

Das sollte über den nahe gelegenen Militärflugplatz Fürstenfeldbruck geschehen. Geiseln und Entführer verliessen um 22.06 Uhr das Apartment, um zu drei Helikoptern zu laufen, die den Transport zum Flugplatz übernahmen. Für Bundesgrenzschutz-Pilot Klaus Bechler war die Situation «furchtbar. So ein grausames Bild. Und man kann nichts dagegen machen. Man ist deutscher Polizist auf deutschem Boden und kann nichts dagegen machen.» Um 22.22 Uhr hebt er ab.

Als um 22.30 Uhr nur zwei Helikopter in Fürstenfeldbruck landeten und der mit Genscher fehlte, wurde Issa bereits misstrauisch. Zu Recht: Die Polizeichefs wollten die Täter auf keinen Fall abfliegen lassen, weil sie meinten, das bedeute der Tod aller Geiseln. Der Plan: Die 13 Polizisten sollten sich als Flugpersonal verkleiden und die Palästinenser in der Maschine überwältigen. Die Männer um Fahnder Hohensinn lehnten ab: Eine Handgranate und es sei aus. Sie positionierten sich neben der Piste.

Fünf Scharfschützen für acht Terroristen

Als Plan B – sofern man es so nennen kann – waren Scharfschützen angefordert worden. Allerdings hatte niemand die Information weitergeleitet, dass es sich um acht Täter handelte. Nur fünf Scharfschützen waren vor Ort, die keine Funkverbindung oder Nachtsichtgeräte hatten. Sie eröffneten das Feuer – und eine gut zweieinhalbstündige Schiesserei begann. «Ich habe nach dem ersten Schuss gleich einen Satz gemacht, mich hingeworfen und tot gestellt,» sagte Pilot Bechler. «Es wurde wahllos hin- und hergeschossen.»


Die Abendnachrichten des US-Senders ABC vom 6. September 1972: Bei 1.38 beginnen Originalaufnahmen aus München. Die Bilder (und Töne) der Schiesserei sind die einzigen des Gefechts. Quelle: YouTube/robatsea2009

Die Panzerwagen der Polizei wurden - noch ein Fehler - erst nach Beginn der Kämpfe nach Fürstenfeldbruck gerufen. In Verlauf des Gefechts warf einer der Terroristen eine Handgranate in einen Helikopter mit sechs Geiseln und erschoss die anderen drei im zweiten Hubschrauber mit einem Maschinengewehr. Am 6. September um 1.30 Uhr war alles vorbei. Elf israelische Sportler, fünf der acht Geiselnehmer und ein Polizist, der im Tower von einem Querschläger getroffen wurde, waren tot. Der Flugplatz sah aus «wie ein Schlachtfeld», sagte Polizist Hohensinn.

Polizei verkündet: Alle Geiseln gerettet

Um das Versagen der deutschen Polizei komplett zu machen, verkündete Polizeichef Schreiber der Presse, es seien alle Geiseln gerettet worden. Erst Stunden später musste auf einer weiteren Pressekonferenz eingeräumt werden, dass es 17 Tote gegeben habe. Der israelische Botschafter teilte Olympia-Bürgermeister Tröger mit, sein Land wolle, dass die Spiele weitergehen. Auf der Trauerfeier für die Opfer hiess es dann auch: The Games Must Go On.

Zu allem Überfluss zeigen neueste «Spiegel»-Recherchen, dass das Auswärtige Amt einen Hinweis auf einen Anschlag aus Beirut vor den Olympischen Spielen an den bayrischen Verfassungsschutz weitergab, wo die Informationen jedoch liegen blieben. Auch ein Fax der Dortmunder Polizei, dass konspirative Treffen von Palästinensern mit dem Neonazi Willi Pohl beobachtet hatte, fand keine Beachtung. Die italienische Zeitung «Genta» berichtete sogar drei Tage vor der Geiselnahme, dass Palästinenser einen Anschlag bei den Olympischen Spielen planten.

Heute ist klar: Die Morde hätten verhindert werden können. Das Fehlverhalten hatte in Deutschland Konsequenzen: Die Polizei-Spezialeinheit Grenzschutzgruppe 9 (GSG9) wurde ins Leben gerufen. Für die Toten von München zu spät.


Ein ARD-Bericht von 1992 über das Massaker. Quelle: YouTube/ olympia72de